Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 6)

So. Letzte Woche haben wir den Cocktail „Mann redet, Frau nackt.“ in den Shaker gepackt und zusammengemixt, was wir bisher an Zutaten eingesammelt haben. Jetzt brauchen wir noch die Deko. Das Auge schlürft schließlich mit, du weißt schon.

Heute geht es mir darum, dir einen Ausblick zu geben, was entstehen kann, wenn du dich den 5 Ängsten (Angst vorm Schrottplatz, vor Größe, vor dem eigenen Selbst, vorm Scheiterhaufen, vor Identitätsverlust) stellst, mit ihnen gehst – auch in die Öffentlichkeit – und die Kraft, die sie in dir binden, freisetzt. Das klingt jetzt vielleicht nach platten Rat-schlägen, die ich dir um die Ohren hauen will. Schlaues PädagogInnen-Gequatsche ohne Bezug zum echten Leben.

Nein, was ich mit dir vorhabe ist folgendes: ich zeige dir beispielhaft zwei Frauen, die sich mit ihren Ängsten verbünden. Die eine ist ganz real, eine gestandene Feministin. Die andere zeigt uns in einem kleinen Video, wie es sich anfühlen kann, die eigene Entfaltung wichtig zu nehmen. Mutig sind sie beide. Sehr.

„Egal, was du als Frau tust: du bist NIE richtig!“

Wenn eine Frau öffentlich sichtbar auftritt, gilt für sie: „Egal was du tust, egal wie du bist: du bist nie richtig!“ Das sagte Regula Stämpfli in ihrem Vortrag bei der grünen LAK-Veranstaltung zum Thema Sexismus in dem Medien, über die ich hier berichtet habe. Sie hat Recht. Und jede, die sich damit mal bewusst auseinandergesetzt hat, kennt das.

Trittst du als weibliche Führungskraft empathisch, mitarbeiterInnenorientiert auf und hast den Mut, deine Gefühle zu zeigen, hast du eben keine Führungsqualitäten und scheiterst bereits an der Stufe zum mittleren Management. Trittst du statt dessen dominant (wobei der Maßstab hier für Frauen extrem viel niedriger ist als für Männer!), zielgerichtet und machtbewusst auf, bist du (such dir was aus:) Kampfemanze, Lesbe, Mannweib, keine richtige Frau, eine, die versucht, es den Männern gleichzutun, eine frustrierte Alte, die keinen abgekriegt hat, oder anderes Unfreundliches.

Ziehst du dich als Bundespolitikerin in bunten Farben an, wirst du beäugt, belächelt, als Anlass für Witze benutzt. Ziehst du dich in gedecktem Schwarz oder Dunkelblau an, könntest du ja gerade als Frau doch bitte mal ein bisschen Farbe in die triste männliche Anzugswelt bringen.

Die Situationen sind austauschbar, das Muster, das dahinter liegt, bleibt: du bist nie richtig. Weil du Frau bist.

Dr. Regula Stämpfli ist Historikerin, Politologin, Autorin, Schweizerin, Feministin und vieles mehr. Und Frau.

Regula Stämpfli tut, was eigentlich Männern vorbehalten ist:

Sie sagt ihre Meinung, unverblümt. Sie spricht direkt und klar. Sie analysiert. Sie wirkt, als finde sie sich toll. Als liebe sie es, aufzutreten, im Mittelpunkt zu stehen. Ich glaube, sie mag ihren Körper. Ihre Auftritte gestaltet sie ein bisschen wie ein „Fest für Regula“. Sie lässt sich nichts gefallen. Sie haut symbolisch auf den Tisch. Sie schlägt auch mal verbal um sich. Sie kämpft für ihre Vision, für ihre Sicht der Welt. Sie benennt klar und deutlich, was ist. Sie lässt sich in Diskussionen nicht mundtot machen. Sie nimmt sich das Wort. Sie präsentiert ihr fundiertes Wissen. Sie zeigt sich. Sie spricht mit lauter Stimme. Sie benutzt gerne die Stilmittel der Übertreibung, Polarisierung, Ironie und bildhafte Vergleiche.

Soweit erstmal diese subjektive Sammlung. So erlebe ich die öffentliche Regula Stämpfli, so interpretiere ich ihr Verhalten. Und ich finde sehr sympathisch, was ich da erlebe. Andere erleben sie anders. Oder besser formuliert: andere BEWERTEN sie anders.

Sie wird als hysterisch bezeichnet, als „grenzenlos selbstbewusst“, arrogant und vieles mehr. Ich mag das gar nicht aufzählen. Wenn du mehr lesen willst: es gibt auf Facebook eine „Anti-Regula-Stämpfli-Gruppe“. 308 Mitglieder.

Das Spannende ist: wäre Regula ein Reto Stämpfli, wäre er äußerst beliebt, nicht nur bei FeministInnen und anderen QuerdenkerInnen sondern in der breiten Bevölkerung. Reto würde geachtet werden für seine klaren Worte, für sein Sich-selbst-wichtig-nehmen. Er wäre ein Mann, der weiß, wofür er steht. Der sich engagiert, auch mal kritisch ist, laut sagt, was Sache ist. Sehr glaubwürdig, kompetent und sowieso: Dr. Reto wäre allgemein anerkannt als Experte für sein Thema.

So ist das: das exakt selbe Verhalten wird unterschiedlich bewertet, und zwar abhängig davon, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Wenn ein Mann laut ist, ist er durchsetzungsstark, wenn eine Frau laut ist, ist sie hysterisch. Wenn ein Mann sich schön anzieht, wow, endlich mal einer mit Geschmack, toll! Wenn eine Frau sich schön anzieht, versucht sie mal wieder mit den „weiblichen Waffen“ Krieg zu führen anstatt mit Inhalten oder Expertinnentum. Es gibt sehr viele weitere Beispiele.

Das Prinzip dahinter: Wenn ein Mann A tut, wird das positiv bewertet, wenn eine Frau A tut, ist A auf einmal negativ. Wie durch ein Wunder.

Ein weiteres Beispiel, Fundstück in meiner Twitter-Timeline:

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Das ist Teil 1 des Ausblicks: was entstehen kann, wenn du dich als Frau anders in der Öffentlichkeit präsentierst, als dir aufgrund der Rollenzuweisungen zugestanden wird. Und das kann Mut machen, finde ich. Denn:

Wenn du es eh nie richtig machen kannst, dann kannst du tun, was du willst!

Na? Wie klingt das?

Leicht gesagt, ich weiß! Dennoch, ich bleibe dabei: liebe Frauen, lasst uns den Mut aufbringen, den es braucht, um diese Wahrheit zu begreifen! Das bedeutet nicht, dass die Ängste verschwinden. Das bedeutet, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Sie spüren, anschauen, erkennen, begreifen, anerkennen, wertschätzen. Mit ihnen als Verbündete an unser Seite losgehen zu unserem Auftritt.

Angst stellt uns vor die Wahl

Jede der 5 Ängste lässt uns die Freiheit, uns zu entscheiden.

Die Angst vor dem Schrottplatz schlägt dir vor: Inszeniere dich in deinem Körper, egal, welche Schönheitsvorstellungen er erfüllt oder nicht. Wie z. B. Beth Ditto, Sängerin der Band Gossip es tut. Oder pass dich an und hungere, creme, trainiere, was das Zeug hält. Oder aber: lerne, dich zu mögen, wie du bist, ohne daran zu denken, ob die anderen deinen Körper mögen.

Die Angst vor deiner Größe sagt: Mach dich mit allen Mitteln klein, egal, wie klein du eh schon bist. Und schließe eine Zusatzversicherung für die Langzeitfolgen ab, die die ungesunde Körperhaltung für dein Skelett, deine Muskeln, deine Organe hat. Oder breite dich aus und entdecke, dass Größe und Raum sich gut anfühlen können.

Die Angst vor deinem Selbst lädt dich ein: lauf weiter blind durchs Leben. Blind für dich, deine Schönheit, deine Bedürfnisse, dein Können. Oder mach dich auf Entdeckungsreise und lerne, dich an dir zu freuen. Manchmal macht Rampensausein tatsächlich Spaß :)

Die Angst vor dem Scheiterhaufen lehrt dich, stolz auf dich zu sein für das, was du bist und in die Welt trägst. Du kannst natürlich auch sterben (still sein, Träume aufgeben, resignieren…), wenn du das vorziehst.

Die Angst vor dem Verlust deiner weiblichen Identität bietet dir an: Probier aus, was Frausein für dich bedeutet. Erlebe, was in deiner Wahrnehmung eine Frau ausmacht. Und entdecke dein ganzes Potential. Entfalte dich. Oder finde dich damit ab, was andere dir und allen Frauen zuschreiben. Mit der Enge und Begrenztheit, die Geschlechterrollen mit sich bringen.

Irgendwer hat mal zu mir gesagt: „Da, wo die Angst ist, geht’s lang.“

Wenn du dich mit deiner Angst verbündest, dann kann – das ist Teil 2 des Ausblicks – sowas entstehen, wie es uns die Frau in folgendem Video zeigt. (Das Video von John Doe zeige ich hier mit sehr freundlicher Genehmigung durch takeiteasy-film.com. Thank you, Carlos!)

 

 

Damit schließe ich die Reihe. Wenn du mehr wissen oder für dich erarbeiten möchtest, melde dich gern oder hinterlasse einen Kommentar. Oder schau in den Terminen nach: ich biete immer wieder Rhetorik-Trainings oder -Coachings nur für Frauen an.

Ergänzend zu dieser Reihe über die Besonderheit der „weiblichen Rede-Situation“ wirst du hier demnächst etwas über Lampenfieber und den Umgang damit lesen. Lampenfieber ist eine Körperreaktion, die nahezu alle Menschen kennen, die öffentlich auftreten.

Wenn du möchtest, schreib deine (Rede-)Erfahrungen hier in die Kommentare. Was hast du erlebt mit dem öffentlichen Sprechen? Was unterstützt dich darin, was stärkt dich? Wie gehst du mit deinen Ängsten um? Welche Ängste kennst du besonders gut? Welche sind hier noch gar nicht ganannt?

Danke fürs Dabeisein!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.