Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 5)

“Mann redet, Frau nackt.”

Was kennzeichnet die Situation, in der Frauen sich wiederfinden, wenn sie öffentlich sprechen? Und was unterscheidet diese Situation von der, in der Männer sind, wenn sie öffentlich sprechen?

In den ersten vier Artikeln dieser Reihe habe ich über die einzelnen Bestandteile geschrieben, die diese „weibliche Rede-Situation“ kennzeichnen:

Im ersten Teil ging es ums Schönseinmüssen und die “Angst vor dem Schrottplatz”.

Der zweite Teil drehte sich um die Angst vor der eigenen Größe und das Gefühl, Raum für sich erkämpfen zu müssen.

Im dritten Teil ging es um die Entfaltung der inneren Rampensau und um die Angst vor dem eigenen Selbst.

Teil vier spannte einen historischen Bogen vom Visionieren und Sich-sichtbar-machen mit dem eigenen Wissen zur Angst vor dem Scheiterhaufen.

Heute kommt der Cocktail in den Shaker: alles bisherige wird zu einem Mix zusammengefasst, der anders schmeckt als die einzelnen Zutaten und der die Eingangsfragen beantwortet.

Was ist eine „richtige“ Frau?

Die biographischen Erfahrungen und die Lebensrealität von Frauen enthalten u. a. eine Botschaft an jede Frau: Eine richtige Frau ist

schön (und wenn du’s nicht bist, beschäftige dich permanent damit und opfere alles, um diesen Makel zu beseitigen!)

klein (und wenn du „zu groß“ geraten bist, dann falte dich hübsch platzsparend zusammen, damit du kleiner wirkst!)

selbst-los und immer schön im Hintergrund (und hüte dich davor, deine Bedürfnisse oder gar deine Kraft wahrzunehmen!)

unsichtbar.

Und was macht eine gute Rede aus?

Eine Rede-Situation erfordert von Menschen jeden Geschlechts bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen und bringt folgende Notwendigkeiten und Begleiterscheinungen mit sich:

Aufregung macht „häßlich“: die Haare rutschen, der Kopf glüht, Schweißränder sprechen Bände und wegen zittriger Finger ist auch noch ein Loch in der Strumpfhose gelandet. Bleib trotzdem gelassen und souverän!

Ohne körperliche Präsenz geht gar nichts! Nimm Raum ein, stell dich bequem hüftbreit auf beide Füße, setze deine Gestik unterstützend ein, gehe geschmeidig umher und mach die Bühne zu deiner Bühne!

Genieße das Rampenlicht! Stell dich souverän in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, zeig das Beste von dir selbst und unterhalte dein Publikum. Die Welt dreht sich um dich und du bist die/der EntertainerIn.

Zeig, was du kannst und feiere deine Sichtbarkeit! Eine Rede erfordert von dir, dass du dich mit deinem ganzen Wissen und Können selbstbewusst präsentierst. Und backe keine kleinen Brötchen! Es „derf scho a bisserl mehra sei“!

Frauen, die öffentlich sprechen, müssen sich entscheiden

Fällt dir was auf? Eine Frau in einer Rede-Situation steht vor einem Dilemma:

Entweder ich bin eine „richtige“ Frau. Oder ich halte eine gute Rede.

Beides zusammen geht nicht. Wenn ich mich fürs Frausein entscheide (schön, klein, im Hintergrund, unsichtbar), wird mein Auftritt nicht gelingen. Entscheide ich mich dafür, eine gute Rede zu halten (souverän mit der eigenen Optik, raumfüllend, bühneliebend, sichtbar)  bin ich keine „richtige“ Frau mehr.

Das Drama darin ist, dass dieses Dilemma nicht um die Frage geht, ob ich mein Geschäftskonto bei der Deutschen Bank oder bei der Ethikbank einrichte. Das wäre eine Frage der persönlichen Werte: was ist mir wichtig, was finde ich moralisch vertretbar.

Das Dilemma, in dem Frauen in Rede-Situationen stehen, berührt die Ebene der Identität.

Eine Frau, die öffentlich spricht, begegnet der Angst, ihre Identität zu verlieren

Da geht’s zur Sache. Denn bei der Identität geht es um einen tiefen inneren Kern, der nahezu unveränderbar mit mir verbunden ist. Ich kann nicht einfach entscheiden: „Och, dann gehe ich mit meinem Konto erstmal zur Ethikbank. Und wenn ich dann merke, das ist nichts, dann wechsle ich die Bank einfach. O.k., das ist ein bisschen umständlich zu organisieren, aber eigentlich kein Problem.“

Die Nöte, die Transgender- oder intersexuelle Menschen erleben, machen deutlich, um was für eine tiefe Ebene des menschlichen Seins es bei der Frage nach der Geschlechtsidentität geht.

Diese Angst kennen Männer, die öffentlich sprechen, nicht…

Eine männliche Biographie beinhaltet – ebenso wie eine weibliche – das Sich-einüben in die zugeschriebene Geschlechtsrolle. So weit so begrenzend. Für beide. Und erst recht für diejenigen, die sich keiner Geschlechtsrolle eindeutig zugehörig fühlen.

Eine männliche Biographie vermittelt ungefähr folgendes (und natürlich noch mehr):

Es ist prima, wenn du gut aussiehst, attraktiv bist für Frauen und dich pflegst. Wenn nicht: auch nicht schlimm. Es gibt wichtigeres.

Ein „richtiger“ Mann ist groß und stattlich und freut sich daran, Räume mit seiner körperlichen Präsenz zu füllen. Falls du „zu klein“ geraten bist, gleichst du das eben mit Hilfsmitteln wie Status (-symbolen), Macht und Kompetenz aus.

Ein Mann ist wichtig. Ein Mann ist es gewohnt, wichtig zu sein. Einfach nur, weil er ein Mann ist. Er ist wichtig, kompetent und wertvoll. Deshalb ist dein Platz als Mann im Mittelpunkt jedes Geschehens. Egal, wie jung, unerfahren, inkompetent oder statusarm du bist.

Ein „richtiger“ Mann ist nicht nur groß, er denkt auch groß. Setz dir hohe Ziele und erreiche sie. Arbeite daran, deine Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Das tust du überall kund und zeigst damit deine Motivation, Durchsetzungskraft und Stärke. Männlichkeit eben.

… denn wenn ein Mann öffentlich spricht, ist er genau, was er sein soll: ein „richtiger“ Mann

Fällt dir was auf? Männer, die eine Rede halten, brauchen dafür genau die Fähigkeiten und Haltungen, die sie in ihrer Lebensgeschichte idealerweise (zumindest aus gesellschaftlicher Sicht) gelernt haben.

Und wenn sie eine gute Rede halten, sind sie ganz automatisch und gleichzeitig ein „richtiger“ Mann. Weil die genannten Anforderungen an die männliche Geschlechtsrolle mit denen an eine/n gute/n RednerIn übereinstimmen.

So. Innehalten. Was haben wir bisher?

Wir haben also bisher folgende Zutaten kennengelernt, die die weibliche Rede-Situation „Mann redet, Frau nackt.“ ausmachen:

Die Angst vor dem Schrottplatz.

Die Angst vor der eigenen Größe und der Raumkampf.

Die Angst vor dem eigenen Selbst.

Die Angst vor dem Scheiterhaufen.

Die Angst vor Identitätsverlust.

Und es ist noch nicht zu Ende: im 6. Teil der Reihe richten wir den Blick darauf, was Frauen begegnen kann, wenn sie mit diesen Ängsten umgehen.

Nebenbemerkung: Dieser Artikel beschreibt meine persönliche Sicht auf das Thema, die auf langjähriger Erfahrung, Beobachtung und wissenschaftlicher Auseinandersetzung basiert. Mit keinem Wort sage ich damit, dass Männer nicht unter den Rollen-Stereotypen leiden oder dass die Geschlechterrollen gut oder schlecht sind. Ich beschreibe lediglich eine Realität, wie sie von vielen Männern und Frauen erlebt wird. Ausnahmen gibt’s zum Glück. Auf beiden Seiten.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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