Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 3)

Auf zu einer weiteren Zutat im Cocktail „Mann redet, Frau nackt.“

Es geht in dieser Reihe um die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass Frauen, die öffentlich sprechen, eine andere Situation erleben als Männer. Warum es für Frauen eine größere Anstrengung erfordert, sich öffentlich zu zeigen.

Individuell unterschiedlich natürlich. Und gleichzeitig kollektiv gleich.

Im ersten Teil der Reihe ging es ums Schönseinmüssen und die „Angst vor dem Schrottplatz“.

Der zweite Teil der Reihe drehte sich um die Angst vor der eigenen Größe und das Gefühl, Raum für sich erkämpfen zu müssen.

Heute soll es ums Selbstlossein gehen.

Eine Frau ist eine „richtige“ Frau, wenn sie zuerst an die anderen denkt

Wie wir wissen, gelten immer noch diejenigen Berufsfelder, in denen es darum geht, Menschen zu dienen, sie zu pflegen, zu erziehen, zu unterstützen, als „Frauenberufe“. Weil hier der Frauenanteil oft über 90% liegt. Dass die Bezahlung gleichzeitig so schlecht ist, ist ein anderes Thema.

Frauen scheinen es zu mögen, anderen zu dienen. Und sie können es auch. Ist ja eh ihr Job. Also, ihr Privatjob. Immer noch sind es überwiegend die Frauen, die in den Familien das Zusammenleben maßgeblich aufrechterhalten und die Pflege-, Erziehungs- und Service-Verantwortung tragen. Sollen. Das sehen wir z. B. daran, dass über Frauen, die nicht auf ihre Berufstätigkeit/Freizeit/Entfaltung verzichten wollen oder ihre Erfüllung woanders sehen, abwertend geredet wird.

Zum Glück ist da einiges in Bewegung.

Aber wenn’s eng wird, ist es eben die Frau, von der erwartet wird, ihre Wünsche hintenanzustellen. Und die sehr zwiespältige Bewertung der sogenannten Karrierefrauen weist ebenfalls in diese Richtung. Sie ernten zwar Bewunderung dafür, dass sie die Mehrfachbelastung so souverän stemmen, allerdings mit einem „Gschmäckle“: sie sind dann „so schrecklich egoistisch“, haben „zu Hause die Hosen an (der arme Mann!)“ oder „frönen ihrer Selbstverwirklichung auf Kosten anderer“.

Achtung: Frau im Mittelpunkt

In sehr vielen Familien sind die Frauen im Mittelpunkt.

Öh? Was schreibt sie da für einen Unsinn? Ja: Frauen stehen in Familien im Mittelpunkt. Allerdings nicht in der Form, dass sich alles um sie dreht. Wo kämen wir denn da hin?! Sie stehen im Mittelpunkt, weil bei ihnen alle Fäden des familiären Geschehens zusammenlaufen. Weil sie die grundlegende Verantwortung tragen.

Ein Puppenspieler, der an seinen Fäden die Marionetten zum Leben erweckt, ist stets im Dunkeln. Unsichtbar. Die Puppen sind die Hauptfiguren, die im Rampenlicht stehen, sie sind es, um die es geht. Derjenige, der die ganze Show ermöglicht, erntet erst am Ende des Stücks einen Dank.

Es geht hier nicht um mich

Das ist das Lebensgefühl vieler Frauen.

Nicht nur, weil sie als diejenigen, die Familienleben ermöglichen, nicht gesehen werden. Die gesamte Sozialisation (Erwachsenwerden und Hineinwachsen in Rollen) transportiert diese Botschaft. Und sie tauchen ja auch öffentlich kaum auf: in der Sprache, in den Medien, in der Wissenschaft, im Management. Oder in wichtigen Ämtern bestimmter Parteien.

Mädchen und Frauen lernen, sich im Hintergrund wohlzufühlen oder sich zumindest damit zu arrangieren. Blüh wie das Veilchen im Moose undsoweiterihrwisstschon. Und in der Tat ist die Fähigkeit, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, eine gesellschaftlich und zwischenmenschlich äußerst wichtige. Diese Fähigkeit stünde uns allen gut und könnte sicher viel Positives in der Welt bewirken.

Wer die Bedürfnisse anderer Menschen vor die eigenen stellt, sich rücksichtsvoll durch die Welt bewegt und für andere da ist, wird gerne selbstlos genannt. Ein spannender Begriff. Selbst-los. Wie werde ich mein Selbst los? Indem ich die Selbste der anderen grundsätzlich wichtiger nehme als mein eigenes Selbst.

Eine Frau ohne Selbst.

Für Frauen erfordert öffentliches Auftreten eine 180°-Wende von der Puppenspielerin zur Rampensau.

Auf einmal im Rampenlicht stehen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, merken „hey, die schauen mich alle an“, hören, wie alles still wird, damit der Auftritt beginnen kann. Den Blick entspannt ins Publikum richten, schweifen lassen. Die Stille genießen. Dann… den ersten Satz sprechen, nachklingen lassen, die eigene Stimme hören, wie sie den Raum füllt. Voller Genuss die gesamte Aufmerksamkeit auskosten, die eigene Performance lieben, zur Selbstdarstellerin und Entertainerin werden, eine souveräne Bemerkung hier, ein lockerer Spruch da, und immer im Einklang mit dem Publikum und mit sich selbst.

Wow.

Ein kleiner Haken: wo ist nochmal dieses Selbst? Ah ja…  Ich soll also erstens genießen können, aus meiner gewohnten Dunkelheit ans Licht gezerrt zu werden und zweitens im Einklang sein mit einem Selbst, das ich zutiefst gewohnt bin, „los“ zu sein, nicht zu haben und schon gar nicht zu spüren?!

Eine Frau, die öffentlich spricht, ist mit ihrer Angst vor ihrem Selbst konfrontiert.

Ein Mensch, der öffentlich auftritt, macht sich sichtbar, mit allem, was sie/er ist. Auch wenn wir das nicht beabsichtigen: in jeder Form der Kommunikation zeigen wir uns, einen Ausschnitt unseres Selbstes.

Das als Frauen zu tun, die bisher gelernt haben, das eigene Selbst zu verbergen vor den anderen und vor sich selbst, und noch dazu öffentlich sichtbar, macht Angst. Angst, sich zu zeigen und Angst, sich zu spüren (oder zu spüren, dass wir nichts spüren).

Eine Angst, die mit uns auf die Bühne geht, mit der wir umgehen müssen. Irgendwie.

Das kostet Kraft, die wir eigentlich für unseren Auftritt brauchen.

Soweit für heute. Nächste Woche gibt’s Teil 4, eine weitere Zutat in unserem Cocktail.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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