Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 2)

Mann redet, Frau nackt.

Diese Erkenntnis eines dreijährigen Mädchens über unsere Realität steht hier symbolisch für eine Situation, in der Frauen sich wiederfinden, wenn sie öffentlich sprechen. Eine Situation, die sich aus mehreren „Zutaten“ zusammensetzt. Wie ein Cocktail.

Den ersten Teil der Reihe habe ich dem Schönsein gewidmet: der Tatsache, dass öffentlich sichtbare Frauen und Mädchen Anerkennung fürs Schönsein, nicht aber für ihr Können erhalten. Der Tatsache, dass daraus zwangsläufig eine als existentiell empfundene „Angst vor dem Schrottplatz“ entsteht.

Der zweite Teil der Reihe dreht sich um Größe und Raum.

Eine Frau ist eine Frau ist eine kleine Frau.

Eine Frau soll klein sein. Auf jeden Fall nicht größer als ein Mann.

Immer noch fällt es auf, wenn bei einem heterosexuellen Paar die Frau größer ist als der Mann. Wenn uns etwas Bestimmtes auffällt, können wir das gut als Hinweis dafür nehmen, dass wir dieses Bestimmte ungewöhnlich finden, nicht vertraut sind damit. Immer noch erleben wir, dass die Frau in einer solchen Paarkonstellation wie selbstverständlich auf hohe Absätze verzichtet. Nicht etwa, weil das rückenfreundlich ist. Sie trägt flache Schuhe, um nicht noch größer zu sein als er.

Eine kleine Frau braucht wenig Platz – sehr praktisch.

Wenn wir analysieren, wie Frauen und Männer in den Medien abgebildet werden, stellen wir fest, dass Frauen bevorzugt in einer schmalen, in den Knien oder in der Taille geknickten Körperhaltung gezeigt werden, mit meist eng anliegenden Armen und gerne hochgezogenen Schultern, auf denen ein schief gehaltener Kopf lächelt. Die Hände sind fast immer in Berührung mit dem eigenen Körper. Am Gesicht, am Bein, den Oberkörper umschlingend. Dass das unentspannt und ergonomisch schädlich ist, ist klar.

Diese Beobachtung ist wahrhaftig nicht neu. Nancy Henley und Gitta Mühlen Achs, um nur zwei namhafte Wissenschaftlerinnen zu nennen, haben sich damit schon in den 70er bzw. 90er Jahren befasst.

Neu ist auch nicht, dass viele Frauen eine solche Körperhaltung tatsächlich einnehmen. Auch im Jahr 2013. Interessanterweise hauptsächlich dann, wenn sie öffentlich sichtbar sind. Auf einer Podiumsdiskussion, bei einer Rede oder einem kleinen Auftritt. Oder in der U-Bahn, dazu komme ich gleich noch. Die gleichen Frauen sitzen oder stehen hingegen völlig entspannt, wenn sie sich zum Beispiel mit FreundInnen treffen.

Ich selbst habe übrigens lange Jahre mit Körpersprache experimentiert. Ausprobiert: wie mag ich sitzen/stehen, wie fühle ich mich damit, was tut mir gut. Beobachtet: wie stehe ich als Seminarleiterin, wie in der Supermarktschlange, wie sieht meine Körperspache aus, wie die der anderen. Sehr spannend!

Das Phänomen „#breitmachmacker“

Wenn Frauen sich also extrem platzsparend hinstellen oder setzen, ist das praktisch für Männer. Die können sich ungehindert ausbreiten.

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, kennt das nur zu gut: in einer 4er-Sitzgruppe sitzen drei Frauen und ein Mann. Die Frauen klemmen sich auf den Sitz, Handtäschle auf dem Schoß, Beine entweder eng aneinandergepresst oder überschlagen und – Körperwunder! – unter dem eigenen Sitz vergraben. Der Mann: ausladende Armhaltung, vielleicht Zeitung lesend, geht aber auch ohne, und die Beine weit gespreizt, manchmal sogar noch nach vorne, in den Beinraum des Gegenübers ausgestreckt.

Spannend ist, was passiert, wenn eine/r der vier die Sitzposition verändert: wenn eine der Frauen sich bewegt, dann so, dass sie möglichst keinen Körperkontakt zu einem/einer NachbarIn verursacht. Sie gruppiert ihre Körperteile in dem Raum um, der für sie vorhanden ist. Wenn er sich umsetzt, dann sehr oft genauso raumgreifend wie er zuerst saß, streckt die Beine vielleicht nicht mehr nach links sondern nun geradeaus. Ohne drauf zu achten, ob er eine der Frauen berührt. Und flugs passen die betroffenen Frauen ihre eigene Körperhaltung an die neue Situation an.

Unter dem Hashtag #breitmachmacker gibt es eine rege gezwitscherte Diskussion, die meines Wissens @grrrlghost ins Leben gerufen hat. Auf ihrer Seite kannst du Bilder ansehen oder einreichen von Männern, die sich auf Kosten der neben ihnen stehenden/sitzenden Frauen übermäßig viel Raum nehmen. (Du findest da auch Bilder, auf denen ein Mann alleine sitzend sich ausbreitet. Das ist meiner Ansicht nach eine andere Situation als die, wenn er neben anderen Menschen sitzend das Gleiche tut.)

So ist die Situation.

Männer haben Raum, Frauen bekommen Raum. Oder haben das Gefühl, sich Raum erkämpfen zu müssen.

Es gibt noch viele weitere Bereiche, in denen sich dieses Muster „Frau macht sich klein – Mann breitet sich aus“ alltäglich wiederfinden lässt.

Auf Gehwegen, in öffentlichen Diskussionen.

Übrigens auch, was die Redezeit betrifft, die Männer und Frauen sich in Talkrunden nehmen oder zugeteilt bekommen.

Oder sprachlich: Frauen verwenden bevorzugt Begriffe, die ihre konkrete Alltagswirklichkeit wiederspiegeln („Und dann bin ich in den Park gegangen, um mich auszuruhen“), Männer benutzen eher abstrakte Begriffe mit Allgemeingütligkeits-Implikation („Öffentliche Grünanlagen dienen der Naherholung“). Auch hier wird sichtbar, wer von beiden mehr Raum (in Form von Bedeutung, Gültigkeit) einnimmt.

Wenn eine Frau öffentlich spricht, muss sie sich – gefühlt – so groß wie ein Elefant machen

Eine Frau, die sich (körper-)sprachlich klein macht, wird nicht gesehen. Wenn sie allerdings eine Rede hält, ist ja eine wichtige Voraussetzung dafür, dass ihr zugehört wird, ihre Sichtbarkeit. Macht sie sich sichtbar, zum Beispiel, in dem sie laut spricht und sich wirbelsäulenfreundlich hinstellt, vielleicht noch dem Vorredner mit ihrer gekonnten Performance die Show stiehlt, erntet sie aus nicht wenigen Richtungen skeptische bis abwertende Blicke oder Sprüche.

Einmal meinte eine Seminarteilnehmerin zu mir – es war ein Kommunikations- und Selbstbehauptungstraining für Frauen: „Sie sitzen wie ein Mann!“ Mitschwingen ließ sie ein eindeutiges: „Das gehört sich doch nicht! Setzen Sie sich mal anständig hin!“. Ich saß so auf meinem Stuhl, dass ich die ganze Sitzfläche einnahm, lehnte mit dem Rücken an der Lehne, ließ die Knie entspannt leicht auseinanderdriften, die Füße gerade unterhalb der Knie ganzflächig auf dem Boden. Sehr bequem, wie ich fand.

Eine Frau, die öffentlich spricht, ist mit ihrer Angst vor der eigenen Größe konfrontiert

Mit Gestik und Körperhaltung viel Raum einzunehmen, mit lauter Stimme zu sprechen, die Konferenz zu leiten, auf die Bühne zu gehen und sichtbar zu sein, zu erleben, dass alle zuhören, ist für Frauen ein anderer Kraftakt als für Männer. Weil Frauen damit den ihnen ursprünglich zugeschriebenen Platz verlassen. Sich plötzlich groß wie ein Elefant zu fühlen, macht verständlicherweise Angst.

Hinzu kommt, dass eine männliche Biographie verbunden ist mit der Gewissheit, Raum zu haben. Einfach so, weil ich bin. Ein Mädchen hingegen wächst auf in dem Gefühl, Raum zugewiesen zu bekommen und sich innerhalb dieser Grenzen einzurichten, sich Raum nehmen, erkämpfen oder verteidigen zu müssen. Das bedeutet, dass sich eine Frau, die sich Raum nimmt, in einer gefühlten Kampfsituation befindet. Das riecht nicht gerade nach Entspannung.

Die Energie, die Frauen für den Umgang mit der Angst vor der eigenen Größe und für den „Raumkampf“ brauchen, fehlt ihnen für ihre Performance.

Dieses war der zweite Streich… eine weitere Zutat im Cocktail “Mann redet, Frau nackt.” gibt’s nächste Woche.

Randbemerkung 1: Um Missverständnissen vorzubeugen: in diesem Artikel weise ich keine Schuld zu. Keinem und keiner. Ich beschreibe lediglich. Die Wertung „#breitmachmacker“ habe ich im Original übernommen, auch wenn das nicht meine eigene Sprache ist. Und wenn ich von Männern und Frauen spreche, die sich so oder so verhalten, schließt das die Tatsache mit ein, dass es Ausnahmen gibt. In manchen Punkten sind individuelle Unterschiede ähnlich groß wie geschlechtsabhängige.

Randbemerkung 2: Die Frage nach dem Warum stelle ich bewusst nicht. Weil die meiner Erfahrung nach zu unfruchtbaren Diskussionen über angeborene, biologistisch begründete oder biographisch erworbene Verhaltensmuster und damit zu nichts führt. Und ich habe wirklich keine Lust mehr auf diese pseudowossenschaftlichen Erklärungen à la „Warum Frauen schlechter einparken…“ oder „Der schräggelegte Kopf ist überliefertes Fortpflanzungssignal unserer Vorfahren.“! Mein Ansatz ist: beobachten, verstehen, Schlüsse daraus ziehen und Lösungen entwickeln.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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