Was ist weiblich, was männlich? Plädoyer für die volle Farbpalette (4)

Weiblich, männlich… Und sonst so?

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich beschrieben, wie die Verwendung dieser Begriffe unsere Verständigung erschwert, Konflikte fördert und unsere Vielfalt zu einer oberflächlichen Unbestimmtheit werden lässt.

Im zweiten Teil ging es um die Bewertung, die in der Kategorie Gender oft mitschwingt und zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen führt.

Im dritten Teil stand die Stereotypisierung von Fähigkeiten im Mittelpunkt und wie unser Denken in männlich/weiblich verhindert, dass wir unseren ganz persönlichen Fähigkeitenstrauß zur Entfaltung bringen.

Wenn wir die Genderkategorie jenseits von Sprache, Bewertung und Fähigkeiten betrachten, landen wir bei meinem 4. Grund, warum ich die männlich/weiblich-Schublade hinterfragenswert finde:

4. Grund: Männlich/weiblich bringt Menschen, die beides oder anderes sind, in Not

Stell dir vor, du bist als Mädchen geboren, zur Frau geworden, und merkst immer mehr, dass du dich nicht so ganz eindeutig als Frau fühlst. Irgendwas in dir fühlt sich „männlich“ an. Du spürst, dass du dich manchmal nicht angesprochen fühlst, fremd fühlst, wenn du mit „Frau Sowieso“ angesprochen wirst. Irgendwas fühlt sich nicht richtig an. Du gehst deine Kleidung zunehmend in der Männerabteilung einkaufen, änderst deine Frisur, gehst anders. Wirst manchmal sogar für einen Mann gehalten. Aber: als Mann bezeichnet zu werden fühlt sich auch nicht stimmig an.

Stell dir vor, du lebst in einem weiblichen Körper und erfährst als junge*r Erwachsene*r, dass du bei deiner Geburt weibliche und männliche Geschlechtsorgane hattest und dass die männlichen operativ entfernt wurden. Deine Welt bricht zusammen. Und gleichzeitig findest du endlich eine Erklärung dafür, warum du dich immer so „falsch“ gefühlt hast. Warum du dich mit Männern sicherer, wohler, vertrauter fühlst als mit Frauen. Warum du so gar nichts „weibliches“ in dir spürst.

Stell dir vor, du lebst seit deiner Geburt in einem männlichen Körper und wünschst dir nichts sehnlicher als eine Frau zu sein. Du willst dich schminken dürfen, ohne dafür belächelt oder verachtet zu werden. Du willst Röcke tragen und ins Frauenfitnessstudio gehen. Auf die Frauentoilette, in die Frauenabteilung der Modehäuser, in die Frauensauna. Einfach, weil du dich dort zugehörig fühlst. Weil das die Orte sind, an denen du dich vollkommen „richtig“ fühlst.

Männlich oder weiblich – jeden Tag

Menschen, die transgender, intersexuell oder transsexuell sind, erleben täglich die Konfrontation mit der Kategorie Geschlecht/Gender. Und sehr oft sehr schmerzhaft. Weil sie nicht wissen, auf welche Seite sie gehören. Oder weil sie zutiefst spüren, dass sie zur anderen Seite gehören. Weil sie sich nicht stimmig fühlen in ihrer Geschlechtsidentität.

Ich rede hier nicht von denjenigen, die bewusst mit den Genderrollen spielen, um sich auszuprobieren oder die gesellschaftlichen Konventionen in Frage zu stellen. Ich spreche von denjenigen, die mit dieser Eintielung in männlich/weiblich in einer seelischen Not sind. Einer Not, die ihre Identität berührt und die tief- und weitreichende Frage nach der Zugehörigkeit: Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Wohin gehöre ich? Welchen Menschengruppen fühle ich mich verbunden?

Diese Not entsteht vor allem (oder ausschließlich?) aus dem einen Grund: wir empfinden die Kategorie Gender als zentral.

Mehr noch als die Nationalität oder den kulturellen Hintergrund eines Menschen. Es ist ein bisschen wie ein Zwang: wenn wir einem Menschen begegnen, dem wir nicht sofort und eindeutig eine Geschlechtsidentität zuordnen können, sind wir irritiert. Unser System sagt uns: Achtung, irgendwas stimmt hier nicht! Überprüfe dich selber mal: was beschäftigt dich, worum kreisen deine inneren Fragen, was tust du, wenn du dein Gegenüber nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifizieren kannst?

Gestern abend wurde mir von @LilithMuc ein wunderschönes Beispiel für Gender-Verwirrung in meine Twitter-Timeline gespült. Der Tweet wurde seither 250 Mal geteilt. Sicher nicht nur von Tilda Swinton-Fans.

Ein Gedankenexperiment

Und jetzt stell dir vor, die Kategorie männlich/weiblich wäre eine unter vielen. Ungefähr in der Bedeutung der Schuhgröße. Nur mal so. Als Experiment. Was würde passieren? Was würde ein intersexueller Mensch sagen, erleben, fühlen? Ein transsexueller Mensch? Eine transgender Person?

Ich glaube, ohne den Zwang, ein männliches oder weibliches Wesen sein und sich als solches eindeutig sichtbar machen zu müssen, würde Raum entstehen für die freie Entfaltung dessen, was gelebt werden will.

Fazit 4: Die Notwendigkeit, unsere Identitäten als entweder männlich oder weiblich zu entwerfen, schwächt unser Vertrauen in uns selbst und in unser Gefühl, wer wir sind und wohin wir gehören.

So, jetzt kennst du vier Argumente, die aus meiner Sicht dafür sprechen, der Kategorie Geschlecht/Gender in unserem Alltag weniger Bedeutung beizumessen.

Ich habe hier absichtlich die rechtlichen Blickwinkel (z.B. Menschenrechtsverletzung, Möglichkeit, ein 3. Geschlecht in den Pass einzutragen) außen vor gelassen. Und auch wissenschaftliche Erklärungen – oder solche, die es gern wären –  für die Entstehung von Transgender, Transsexualität und Intersexualität finde ich nicht relevant für meine Betrachtung.

Denn mir geht es um unseren ganz „normalen“ Alltag. Unser Doing Gender in jedem Moment, also das Entwerfen und Verfestigen der Geschlechtsidentität mit jeder kleinen Handlung, die wir begehen. Das ist der Bereich, in dem Freude und Leid entsteht durch unser Tun. Der Bereich, in dem wir direkten Einfluss haben auf unsere Realitäten, in dem wir bestimmen, was „wahr“ ist oder „richtig“.

Lasst uns diesen Einfluss nutzen!

Warum nochmal? Und wofür?

1: Die Verwendung der Kategorie männlich/weiblich macht unsere Verständigung schwierig und fördert Konflikte. Sie verschleiert unsere Vielfalt und hält unseren Kontakt oberflächlich.

Für eine gelingende Verständigung und das Sichtbarmachen unserer inneren Vielfalt!

Fazit 2: Die Fixierung auf die Kategorie männlich/weiblich zementiert Vorurteile gegenüber Männern und Frauen, trägt zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen bei und fördert Homophobie.

Für die Freiheit, so zu sein, wie wir sind, und Wertschätzung dafür zu erfahren!

3: Die Begrenzung auf das, was vermeintlich männlich oder weiblich ist, verhindert, dass wir unsere Fähigkeiten entfalten, wie sie uns als Mensch ausmachen.

Für die Entfaltung unserer vielfältigen Fähigkeiten!

4: Die Notwendigkeit, unsere Identitäten als entweder männlich oder weiblich zu entwerfen, schwächt unser Vertrauen in uns selbst und in unser Gefühl, wer wir sind und wohin wir gehören.

Für mehr Vertrauen in uns selbst und in unser inneres Wissen, wohin wir gehören!

Ich finde ja:

Wenn wir nur Pink und Blau benennen, wollen, für wahr halten, wird unsere Welt auch nur aus diesen beiden Farben bestehen.

Ich finde ja Bunt sehr viel attraktiver! Und du?

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.