Was ist weiblich, was männlich? Plädoyer für die volle Farbpalette (3)

Eine weitere Runde zu der Frage: Wozu brauchen wir die Kategorie Gender? Was bedeutet „weiblich“ und „männlich“?

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich beschrieben, wie die Verwendung dieser Begriffe klare Kommunikation verhindert, Konflikte begünstigt und unsere Vielfalt verschwinden lässt.

Im zweiten Teil ging es um die Bewertung, die in der Kategorie Gender mitschwingt und darum, dass diese Bewertung zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen führt und homophobe Einstellungen fördert.

Neben dieser Abwertung von allem, was „weiblich“ ist, hat die Kategorie auch tatsächliche Auswirkungen auf unsere Fähigkeiten:

3. Grund: Männlich/weiblich legt uns alle fest auf ganz bestimmte, stereotype Fähigkeiten

Ein Mann ist handwerklich begabt. Eine Frau strickt. Sie hat einen Sinn für Ästhetik. Er ist fürs Grobe zuständig. Ein richtiger Mann steht seinen Mann. Eine Frau darf ihre Schwäche zeigen.

Wenn wir uns auf das beschränken, was die Genderrollenstereotype für Männer und Frauen so vorsehen, dann gewinnen wir nur eines: wir werden als „richtiger Mann“ oder „richtige Frau“ wahrgenommen. Wir erleben Akzeptanz. Im Schwäbischen heißt das dann: Des ghört so!

Was passiert nun, wenn ein Mann strickt?

Ein Freund von mir hat seine Ausbildereignungsprüfung im technischen Bereich mit einer Lehrprobe bestanden, in der er seinem fingierten Azubi das Stricken beigebracht hat. Jedesmal, wenn ich das erzähle, ernte ich große Augen und staunend hochgezogene Brauen. Echt?! Ja, echt.

Er hätte sich auch an die Begrenzungen halten können, die ihm die Rollenstereotype (und in diesem Fall auch sein Fach) setzen. Hätte den Umgang mit dem Messschieber lehren können. Alles wäre gut gewesen.

Aber: vielleicht merkt er ja auf diesem Weg, dass er wirklich gut stricken kann. Und dass es ihm Spaß macht. Er hat ein neues Hobby entdeckt. Der Preis dafür ist allerdings, dass er belächelt, bestaunt, seltsam beäugt wird. Er riskiert seine Akzeptanz. Er ist dann eben nicht mehr so ganz ein „richtiger Mann“.

Einmal fragte ich an der Tankstelle nach einer passenden Birne für das Abblendlicht meines Autos. Einen Schraubendreher hatte ich bereits in der Hand, weil ich die Birne gleich wechseln wollte. Der junge Mann in der Tanke wurde gar nicht mehr fertig mit staunenden Ausrufen darüber, was Frauen doch so alles können undsoweiter. Ich fand das einfach nur „normal“. Aber gut.

Auch ich habe damit mein Frausein riskiert.

Meine Anerkennung dafür, eine „richtige Frau“ zu sein.

Der Unterschied ist allerdings ein gravierender: wenn ein Mann vermeintlich weibliche Fähigkeiten zeigt, erfährt er eine Abwertung. Denn das Können von Frauen ist in unseren Gesellschaften weniger wert als das Können von Männern (wie im 2. Teil beschrieben). Er riskiert also seine Männlichkeit und damit auch seinen „Wert“ als Mensch, seine Akzeptanz. Hut ab vor den Männern, die Erziehungsurlaub nehmen.

Eine Frau verliert zwar ihre Weiblichkeit (jedesmal ein Stück, wenn sie etwas vermeintlich Männliches ihrem Repertoire hinzufügt), erfährt aber gleichzeitig eine Aufwertung. Zumindest solange sie’s nicht „übertreibt“. Weil männliche Tätigkeiten als wichtiger bewertet werden. Das erkennen wir nicht nur an der extrem unterschiedlichen Bezahlung von Menschen in sog. Männer- oder Frauenberufen.

Ich weiß, wir alle können mehr.

Wir alle können mehr als das, was wir qua Genderrolle können dürfen. Wir alle haben einen ganzen Strauß an Fähigkeiten. Wie wundervoll!

Und wie schade, zu erleben, wie sehr wir uns begrenzen in unseren Möglichkeiten, wenn wir uns an diese Rollen halten. Wenn „sie“ immer nach „Ihrem Mann“ ruft, wenn es daran geht, die Koffer im Auto zu verstauen, wird sie nie erleben, dass sie es vielleicht sogar besser kann als er. (Mal abgesehen davon, dass er vielleicht heilfroh wäre, diese lästige Aufgabe loszuwerden.)

Ganz besonders erschreckend finde ich, dass sich in den fast 20 Jahren, in denen ich mit Berufswahl und Berufsorientierung zu tun habe, kaum etwas daran geändert hat, dass Mädchen sich enorm begrenzen. 55% der Mädchen wählen aus insgesamt knapp 350 Ausbildungsberufen in Deutschland einen der Top-Ten-Mädchen-Berufe: Kauffrau-Berufe, Friseurin, Helferinberufe im Gesundheitswesen etc. Genau deshalb unterstütze ich Menschen in ihrer Berufsorientierung. Damit sie den Beruf lernen können, der ihnen und ihren Fähigkeiten, Interessen und Lebensentwürfen entspricht.

Noch ein Experiment

Überleg doch mal, welche Tätigkeiten du normalerweise lieber abgibst, die nicht deiner Genderrolle entsprechen. Und mach es beim nächsten Mal selbst. Raus aus der vielbeschworenen Komfortzone, rein in die Herausforderung! Ich zum Beispiel wechsle bei meinem Auto nur deshalb nicht mehr selbst die Reifen, weil ich zu bequem dazu geworden bin *hüstel* und mein Wagenheber Schrott ist *jaja*. Außerdem wird mein Auto gleich noch gewaschen, wenn ich’s zum Radwechsel in die Werkstatt bringe ;) Praktisch finde ich das. Das Entscheidende daran ist: ich WEISS, dass ich den Radwechsel alleine machen kann. Und entscheide mich bewusst dafür, diese Arbeit abzugeben. Nicht aus Angst.

Fazit 3: Die Begrenzung auf das, was vermeintlich männlich oder weiblich ist, verhindert, dass wir unsere Fähigkeiten entfalten, wie sie uns als Mensch ausmachen.

Wie wohltuend – wenn auch erstmal irritierend, weil ungewohnt – die Darstellung von Menschen bei genderuntypischen Tätigkeiten sein kann, kannst du in dieser Fotogalerie der Bildagentur gettyimages und leanin.org eindrucksvoll erleben.

Im letzten Teil der Reihe wirst du einen weiteren Grund erfahren, der mich dazu bringt, unser Festhalten an der Gender-Kategorie zu hinterfragen.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.