Sex sells – more than ever! Was tust du, wenn dir das stinkt? #Sexismus in den Medien

Am Samstag war ich bei einer Veranstaltung der beiden grünen Landesarbeitskreise „Frauen- und Gleichstellungspolititk“ und „Medien und Netzpolitik“. Es ging um Sexismus in der Werbung und in den Medien. Unter der Leitung von Doris Wagner und Verena Osgyan haben drei hochrangige Referentinnen ihr Wissen und ihre Erfahrungen auf sehr authentische, kompetente und unterhaltsame Weise mit uns geteilt.

Zum einen Gabi Lück, Geschäftsführerin der thinknewgroup, die mit dem credo »think new – think female« gendersensibles, wertschätzendes Marketing in die Welt der Werbung bringen. Von ihnen war der wundervolle Slogan der Marke Orsay „Thank God, I’m a Woman!“. Weil es ihnen wichtig ist zu zeigen, dass „wir unser Frausein zelebrieren“ können anstatt uns angesichts der photogeshoppten Pseudo-Schönheiten schlecht, häßlich und dick zu fühlen. Wie wunderschön!

Von Gabi Lück habe ich erfahren, dass sich – wen wundert’s – über 90% der Frauen von der Werbung nicht angesprochen oder verstanden fühlen, was sicher mit dem extrem geringen Frauenanteil in Marketing-Führungspositionen zusammenhängt. Gleichzeitig aber werden mehr als 80% der Kaufentscheidungen von Frauen getroffen.

Da wundere ich mich dann schon: wie dumm müssen die Entscheider (ohne großes „I“) eines Unternehmens sein, dass sie frauenverachtende Werbung platzieren? Ich meine das nicht polemisch sondern frage eher neugierig-forschend, weil mir so eine unternehmerische Entscheidung angesichts dieser Zahlen einfach nicht einleuchten will. Weil es viele Gründe für eine/n UnternehmerIn gibt, auf menschenfreundliche Werbung zu setzen: Image, Ökonomie, Personalstrategie zum Beispiel.

Dennoch: es funktioniert ja. Veltensteiner wird getrunken, Redcoon und Media Markt verkaufen ihre Produkte, Dolce&Gabbana auch. Wie viele andere.

Und was auch funktioniert, ganz prima sogar: dass lebenserfahrene (und allein schon deshalb schöne!) Frauen sich auf ihr Äußeres reduzieren lassen – oder zumindest horrende Summen für sinnlose kosmetische Heilsversprechen ausgeben. Dass Frauen an ihrem 40. Geburtstag glauben, alt zu sein. Dass die Frauen und Mädchen, die magersüchtig werden, immer jünger werden. Dass sich bereits junge Frauen im Schönheitsrausch unters Messer legen. Dass dadurch, vom persönlichen Leid mal ganz abgesehen, irrsinnige Kosten entstehen für unsere Gesellschaft.

Dr. Regula Stämpfli, Politologin, Dozentin und Autorin, hat in ihrem hochdeutschen ;) Vortrag ihre Erfahrung mit der Darstellung und dem (Nicht-) Vorhandensein von Frauen in den Medien dargelegt. Im Anschluss wurde zusammen mit Angelika Knop, die als Vorsitzende des Journalistinnenbundes München eingeladen war, diskutiert. Sehr spannend alles.

Zum Beispiel hat Regula Stämpfli meine Wahrnehmung bestätigt, dass Frauen in Talkrunden kaum als Expertinnen auftauchen. Dafür aber in drei anderen Funktionen, die allerdings fürs Thema völlig irrelevant sind:

Frauen werden entweder eingeladen, wenn man um sie nicht herumkommt, weil sie ein Amt ausüben, das zu einem bestimmten Thema eben vertreten sein muss. Die Staatsseketärin zum Beispiel, die halt zufällig eine Frau ist, meine Güte. Das ist die „ex officio-Rolle“.
Oder sie sind als Betroffene da und dürfen zwischendurch mal ganz persönlich erzählen. Die Opfer-Rolle.
Und dann kommen Frauen gern noch als enfant terrible vor, die sachlich nichts zu sagen haben aber die Runde a bisserl aufmischen. Die Krawalltante.
Ein bisschen wie die Mutter, die Heilige und die Hure kommt mir das vor. Kennen wir ja.

Sollen wir das jetzt mit Humor nehmen? Uns aufregen? Großzügig drüber wegsehen und uns wichtigeren Dingen zuwenden? Aktiv werden? Eine Mischung vielleicht?

Die Frage ist: Was kannst du tun, wenn dir der alltägliche Sexismus in den Medien nicht egal ist?

8 Vorschläge, die ich aus der Veranstaltung mitgenommen und weitergedacht habe:

1. Gefühle

Sorge erstmal für dich und gehe mit deinem Fühlen achtsam um, egal, ob du dich verletzt, wütend oder hilflos fühlst. Oder häßlich, alt, wertlos. Oder anders. (Wie fühlt sich ein Mann, wenn er mit sexistischer Werbung konfrontiert ist? Angesprochen? Amüsiert? Wütend? Verantwortlich?…)

Geh aktiv mit deinen Gefühlen um, innerlich und im Außen, tu, was immer dir gut tut.

Und mach dir bewusst, dass du in deinem Frausein im Kern unversehrbar bist. Du bist so, wie du bist, genau richtig.

2. Test

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du eine Werbung/eine Situation sexistisch findest – vielleicht auch, weil du mit anderen darüber gesprochen hast und sie dir gesagt haben, das sei doch gar nicht so wie du das siehst – mach den Test:

Tausche die Männer- und Frauenrollen und schau, ob du das, was du siehst, völlig „normal“ findest oder ob dir daran etwas seltsam vorkommt.

Leg z. B. in der Dolce&Gabbana-Werbung (s. Link weiter oben) in deiner Vorstellung einen Mann halbnackt und lasziv/ohnmächtig unter eine starke Frau, die von anderen Frauen wohlwollend umringt wird. Wenn du dann denkst „Hey, das geht doch gar nicht, was ist das denn?“ weißt du: die Werbung ist sexistisch.

Im Bezug auf Körpersprache ist das auch äußerst ergiebig… wenn z. B. in einer beliebigen Putzmittelwerbung die Frau mal wieder hübsch ihr kleines Köpfchen neigt, strahlend lächelt und die Beinchen furchtbar süß in X-Bein-Stellung eingeknickt sind, dass du denkst, sie fällt gleich um: stell dir genau in dieser Haltung einen Mann vor. Ganz einfach.

Ach ja: und lass dir nicht erzählen, das sei doch die natürliche Körperhaltung einer Frau! Schau einfach auf dich selbst und darauf, was dein Körper bequem und natürlich findet.

3. Strategie

Überlege dir eine Strategie.

Was können wirkungsvolle Schritte sein?
Wieviel Energie (Kraft, Zeit, Geld…) kannst oder willst du investieren?

4. Gemeinschaft

Verbinde dich mit anderen Menschen.

Tausche dich mit Menschen aus, denen es ähnlich geht. Hol dir Unterstützung und Bestätigung. Aber passt auf, dass ihr darin nicht in eine Ohnmachtsschleife geratet! Weil die Welt halt so ist und wir eh nichts tun können.

5. social media

Nutze die Macht der social media: fotografiere die Situation/das Werbeplakat, merke dir den Link, was auch immer, und teile sie auf Facebook, Twitter und in den Netzwerken, in denen du unterwegs bist.

Das ist übrigens die moderne Umsetzung einer bewährten Strategie aus der Gewaltprävention: Öffentlichkeit schaffen.

Patti Smith sagt, wir haben durch die social media die Macht, ganze Regierungen zu stürzen! Und schau, was sich überall tut… nicht nur mit #aufschrei. #ichkaufdasnicht ist ein schönes Beispiel. Oder Anne Roth’s 50%-Projekt.

6. Post

Schreibe an die Verantwortlichen (Werberat, IntendantInnen, Sender, ModeratorInnen, UnternehmerInnen…) und fordere sie auf, die Situation zu ändern. Verweise sie auf ihre Verantwortung. Wenn du willst, argumentiere. Oder erinnere sie ans AGG. Was auch immer.

Mach dir bewusst, dass du wahrscheinlich abgewertet wirst, deine Gefühle lächerlich gemacht werden, die Situation bagatellisiert wird. Auch das kennen wir: klassisches Täterverhalten.

Wenn du dich davor schützen willst und dir das Humorvolle liegt, kannst du deine Kritik satirisch gestalten. Humor ist oft hilfreich, um eine innere Distanz herzustellen. Aber wie gesagt: nur, wenn es zu dir passt und dir gut tut.

7. Druck

Starte eine Petition – z. B. auf change.org oder avaaz.org/de/ -, sammle Unterschriften, mach Druck, indem du zeigst, dass du nicht allein bist.

Denn das bist du nicht!

8. Politik

Schließe dich Gruppen an, die sich für deine Werte einsetzen.

Parteien, Vereine, Verbände, Initiativen. Damit du längerfristig dranbleiben kannst und erlebst, wie sich durch euer kontiniuerliches politisches Engagement etwas bewegt.

Wie gehst du mit dem Sexismus in der Werbung und in den Medien um?
Welche Erfahrungen hast du gemacht? Als Frau, als Mann oder anderes?
Welche Empfehlungen möchtest du weitergeben?

Schreib darüber hier im Blog und mach anderen Mut!

Übrigens: Das Bild zu diesem Artikel MUSSTE ich einfach in pink malen… a tribute to pinkstinks.de, eine wundervolle Kampagne für Mädchen mit dem Untertitel „Mädchen kann man auf viele Weisen sein“!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.