Rosen, Nelken, Glückwünsche zum #Weltfrauentag? Und sonst so?

Gerade habe ich Mira Sigels Blogpost gelesen und merke, ich muss auch was zum Frauentag sagen. Nicht nur vor mich hindenken.

Ich habe noch nie verstanden, warum manche Menschen den Frauen zum Frauentag Glück wünschen. Naja, Glück, das brauchen wir in der Tat. Und Mut und ein irres Durchhaltevermögen und Cleverness und Netzwerke und das Nutzen von Machtgefügen und viel mehr noch. Aber einen „Herzlichen Glückwunsch zum Frauentag“? Vielleicht noch eine Rose dazu? Was soll das? Ich versteh’s wirklich nicht.

Ich weiß, dass es in Russland (glaube ich, vielleicht auch anderswo) Tradition ist, das mit der Rose. Als ich in Sprachkursen Bewerbungstrainings geleitet habe, ist mir das begegnet. Und die Kolleginnen haben sich immer so gefreut über die Rosen. Ich habe die Geste gewürdigt und mich gleichzeitig gefragt, woher ich wissen kann, ob nicht genau dieser Rosenkavalier jetzt nach Hause geht und seine Frau „nimmt“, über ihr Nein hinweg.

Für diejenigen, die diese Aussage jetzt radikal oder ungerecht finden: als ich das erste Mal als „Radikalfeministin“ bezeichnet wurde, fiel ich aus allen Wolken. Denn ich finde, die Realität zu benennen ist alles andere als radikal. Nun, offensichtlich doch. Wenn es um männliche Privilegien in der Welt geht. Dabei ist das doch eine ganz einfache, realistische Rechnung: wenn, wie erwiesen, jede dritte Frau Opfer von häuslicher/sexualisierter Gewalt wird, muss es auch die Männer geben, die diese Gewalt zufügen.

Der Internationale Frauentag ist ein Offenbarungseid

Wir bräuchten diese Gedenktage nicht, wenn alles in Butter wäre. Wir hätten keinen Frauentag, wenn Clara Zetkin nicht die Notwendigkeit glaubhaft gemacht hätte. Wenn alle Menschen gleich wären.

Frauen werden überall auf der Welt ihrer Kraft und Macht beraubt. Jeden Tag.

Frauen wird ihre geistige Kraft genommen, indem ihnen verboten wird, zu lernen. Indem mittels subtiler Mechanismen vermittelt wird, dass sie weniger oder nichts wert sind, nicht denken können, zu nichts geeignet sind außer Kindererziehung. Indem sie stigmatisiert, verfolgt, gefoltert, unter Hausarrest gestellt werden, wenn sie ihr Wissen, ihre Überzeugungen öffentlich machen und „etwas“ erreichen wollen. Politikerin werden zum Beispiel. Indem sie als Besitz gelten, wie ein Schrank oder eine Tasse.

Frauen wird ihre emotionale Kraft genommen, indem Mütter erleben, dass sie weibliche Föten abtreiben müssen, um überleben zu können. Indem sie unter Androhung von extremer Gewalt bis hin zum Tod gezwungen werden, sich unter einer Burka zu verstecken und ihr Gesichtsfeld so zu begrenzen, dass sie kaum handlungsfähig sind. Indem sie erleben, dass die Rechtssysteme nicht sie schützen sondern die Täter. Indem sie erfahren, dass sie nur als Hungerhaken schön und liebenswert sind. Indem sie gesteinigt werden, wenn sie vergewaltigt wurden, und die Vergewaltiger unbehelligt weiterleben. Indem sie unsichtbar gemacht werden, durch elementare Mittel wie die Sprache, durch die Geschichtsschreibung und mehr.

Frauen wird ihre finanzielle Kraft genommen, indem sie schlechter bezahlt werden als Männer im gleichen Job. Indem Berufe, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden, so entlohnt werden, dass das Geld kaum zum Leben reicht. Indem mit aller Macht verhindert wird, dass Frauen ins Management aufsteigen können, wenn sie es wollen (Ich weiß, die Quote, gerade beschlossen. Sorry, aber die ist eine traurige Lachnummer, die sich höchstens in ca. 100 Unternehmen bemerkbar machen wird.). Indem systematisch (z.B. durch Ehegattensplitting, Heiratsnormen, Ehegesetze…) erschwert oder verhindert wird, dass Frauen eine finanzielle Eigenständigkeit erreichen. Indem Care-Arbeit (Kindererziehung, Familienmanagement, Pflege von Angehörigen…) nicht angemessen (heißt: überhaupt nicht) bewertet und vergütet wird.

Frauen wird ihre körperliche, seelische und sexuelle Kraft genommen, indem ihre Vagina so verstümmelt wird, dass sie lebenslange Folgen davontragen (Intact schätzt, dass weltweit 150 Millionen Frauen betroffen sind. Das sind keine Peanuts. Das sind Menschenleben!). Indem sie mit Säure überschüttet werden, wenn sie versuchen, ein eigenes Leben zu finden. Indem sie bereits ab 8 Jahren unter Zwang mit wildfremden alten Männern verheiratet und deren Gewalt ausgesetzt werden. Indem sie vergewaltigt werden, von Freunden, Partnern, Verwandten, Fremden oder zu Tausenden in Kriegen von Soldaten und „Befreiern“ oder in Flüchtlingunterkünften von „Betreuern“, Hausmeistern oder anderen Geflüchteten. Indem sie mittels existentieller Gewalt gezwungen werden, ihren Körper (und ihr ganzes Sein) an Männer zu verkaufen, sexualisierte Gewalt für 30 €. Indem ihre Füße so verschnürt und verkrüppelt werden (wurden?), dass sie lebenslang Schmerzen haben und kaum laufen können.

Wofür waren die Glückwünsche nochmal gedacht?

Solange die Welt eine solche ist, brauchen wir die Erinnerung daran, dass sie eine solche ist. Und wir brauchen Menschen, die ihre Kraft dafür einsetzen, dass diese Welt eine bessere wird. Ein Zuhause für alle, nicht nur für (heterosexuelle) Männer. Und wir brauchen Feminismus.

Danke an alle, die das sehen und sich aktiv einsetzen. Das schier Unglaubliche ist ja, dass es vor allem Frauen sind, die das, was ihnen von ihrer Kraft bleibt, einsetzen, um die Welt zu verändern!

Ich schließe mich Carolina Brauckmann an, die in ihrer Hommage diese vielen mutigen Frauen besingt:

„Ich verneige mich im Ganzen vor den Schwestern und Emanzen.“

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

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Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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