Raus aus der Bewertung – rein ins Glück! Eine nützliche Übung aus dem Veränderungscoaching (2)

Im ersten Teil des Artikels hast du lesen können, wie Bewertungen es schaffen, uns unglücklich zu machen, und was genau in uns vor sich geht, wenn wir etwas sehen, hören oder auf andere Art wahrnehmen. Wie wir uns selbst mit unserem Denken glücklich oder unglücklich machen.

Hier im zweiten Teil lernst du nun eine Möglichkeit kennen, wie du dein eigenes Bewertungsverhalten verändern kannst. In Konflikten, inneren oder zwischenmenschlichen. In Situationen, in denen du dich unwohl fühlst. Grundsätzlich. Übrigens ist auch in den meisten Konzepten zur Stressbewältigung die Bewertung der Schlüssel zu einem entspannteren Leben.

Was kannst du tun, um urteilsfrei glücklich zu sein?

Die folgende Übung kenne ich schon sehr lange. Ich weiß nicht mehr, wo ihr Ursprung ist, weil ich sie immer wieder verändert und mit meinen Erfahrungen angereichert habe. Ich wende sie selbst an (wenn sie mir einfällt) und merke, wie sie mir hilft, entspannter zu sein mit dem, was mir begegnet. Deshalb empfehle ich sie sehr gerne weiter und bekomme stets positive Rückmeldungen.

Allerdings: erwarte nicht, dass das von heute auf morgen klappt und „in einer Woche dein Leben verändert“ (kleiner ironischer Kommentar zu meinem Artikel über die zweifelhaften Geschäftspraktiken mancher Coaches/TherapeutInnen). Dieses in der Grafik ganz einfach und übersichtlich erscheinende Verhalten ist normalerweise tief in unserer unbewussten Struktur verankert. Und deshalb schwer zu knacken. Aber es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen. Denn jedes einzelne Mal, bei dem es uns gelingt, nicht zu bewerten, ist es wert. Weil es uns allen gut tut.

Schritt 1 – Beobachtung

Beobachte dich selbst. Beobachte, wie du dich häufig fühlst. Beobachte deine typischen Reaktionen auf bestimmte Situationen/Äußerungen. Schärfe deinen Blick dafür, was Bewertungen sind, wie sie klingen, welche Worte du dafür verwendest. Sehr häufig sagen/denken wir „Ich finde…“, wenn wir etwas bewerten. Oder auch „Ich denke…“ oder „Das ist…“. Spannend ist, dass sich auch hinter einem „Ich habe das Gefühl…“ oftmals eine Bewertung verbirgt. Denn der Satz geht gerne mit einem „Ich habe das Gefühl, das ist/du bist…“ weiter.

Lass dich in deiner Selbstbeobachtung davon leiten, was dir an deinem Verhalten ins Auge springt. Und tue das mit einer neugierigen, forschenden Haltung.

So wie wir uns vielleicht einen Schmetterlingsforscher vostellen, der nach Jahren der Suche endlich den seltenen sagenwirmal Zebrafinken-HibisKuss-Falter entdeckt. Was wird er als erstes tun? Genau: er freut sich! Weil seine Mühen sich gelohnt haben. Auch wenn der Falter gleich wieder wegfliegt… für diesen einen Moment hat sich die Arbeit gelohnt! Und das ist wahrlich ein Grund zur Freude.

Das Gleiche gilt, wenn du Bewertungen entdeckst: freu dich darüber! Denn dann kann die Veränderung beginnen. Wenn wir unser Denken und Tun nicht bewusst wahrnehmen, können wir’s auch nicht verändern. Die Wahrnehmung ist (grundsätzlich, glaube ich) die Voraussetzung für Veränderung, und wenn das Ganze an ein angenehmes Gefühl gekoppelt ist, sind die Chancen größer, dass es klappt.

Die ForscherInnen-/BeobachterInnen-Haltung ist außerdem auch deshalb sinnvoll: sie bewahrt dich davor, dich selbst zu verurteilen dafür, dass du mal wieder bewertet hast.

Falls es dir schwerfällt, dir in Sachen Bewertungen auf die Schliche zu kommen, kannst du zunächst dein Fühlen als Ausgangspunkt nehmen. Wenn dir im Alltag auffällt, dass du ich irgendwie fühlst – froh, leicht, unglücklich, verletzt, mutig, verlassen, ängstlich, ärgerlich, unwohl, unsicher, richtig, wach… – dann halte einen Moment lang an. In dieser Pause frage dich: Was bringt mich dazu, mich so zu fühlen? Was habe ich direkt davor gedacht? Was ist mir gerade begegnet und wie habe ich darüber gedacht? Was habe ich eigentlich wahrgenommen mit meinen 5 Sinnen? Welches Urteil habe ich über das, was ich wahrgenommen habe, gefällt?

Schritt 2 – Entscheidung

Wenn du ein Gespür dafür bekommen hast, wann du was wie und mit welcher Formulierung bewertest, entscheide dich, was genau du verändern willst. Also: in welchen Situationen bewertest du besonders gern? Welche Bewertung geht dir ständig über die Lippen? Gegenüber welchen Menschen oder Dingen bist du besonders urteilsfreudig?

Dann entscheide dich für eine einzige davon. Eine Bewertung, ein Bewertungsobjekt, eine Situation. Mit der fängst du an. Die anderen sind später dran.

Schritt 3 – Alternative

Du weißt nun, was genau du verändern willst. Als nächstes such dir ein Wort, das für dich neutral klingt. Das kann ein „aha“ sein, oder „bemerkenswert“. Irgendein Wort, mit dem du kein bestimmtes Gefühl verbindest und das für dich keine Bewertung transportiert. Sowas wie das „Interessant“ als Kommentar deiner Freundin zu einem Gericht, das du gekocht hast. „Interessant“ ist zwar eine Bewertung, aber deine Freundin meint damit vielleicht „Ich kann noch gar nicht sagen, wie’s mir schmeckt. Ich bin irgendwo zwischen Jubel und Pfui Deife“.

Du kannst auch ein Kunstwort kreieren, wenn dir das gefällt. Oder ein Wort wählen, bei dem nur du weißt, dass das dein „Wertfrei-Zauberwort“ ist. Pusteblume, steinblau, irgendwas.

Schritt 4 – Spielen

Et voilà – das Spiel beginnt! Jedesmal, wenn dir jetzt auffällt, dass du die im 2. Schritt ausgewählte Bewertung denkst oder in Versuchung bist auszusprechen, setze statt dessen dein „Wertfrei-Zauberwort“. Gedacht oder laut, das ist egal.

Wenn du es schaffst, gehst du auch noch innerlich oder äußerlich in die Haltung, die zu deinem Wort passt. Ein nachdenkliches Kopfwiegen passend zu einem langgezogenen „ahaaaa“ vielleicht oder ein beiläufiges Erkennen-und-dann-weitergehen-weil-Wichtigeres-wartet. Oder stell dir dich wie auf dem Tennisplatz auf diesem erhöhten Sitz vor, von dem aus du einen guten Blick auf alles hast, während es dir völlig gleichgültig ist, welche Spielerin das Match gewinnt.

Das tust du, so oft es dir einfällt. Wenn du eine Quote von 15% schaffst: Gratulation! Denn was du dir da vorgenommen hast, braucht Übung und Aufmerksamkeit.

Schritt 5 – Beobachtung

Und wieder: beobachte. Beobachte, was sich bei dir verändert. Es könnte leicht passieren, dass du diese Bewertung nach und nach einfach vergisst. Einfach so ;)

Wenn du Lust hast, nimm dir jetzt die nächste Bewertung vor, die du in deiner Selbsterforschung im 1. Schritt entdeckt hast.

Viel Freude beim Üben und Forschen und Spielen und Entspanntsein!

Falls du Fragen hast, melde dich gern bei mir.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.