Präsentationen sind fürs Publikum da, nicht fürs eigene Ego!

Gestern hatte ich das erste Coachingtreffen mit einer Unternehmerin, die in ihr Angebotsportfolio Schulungen aufnehmen will. Sie bietet seit vielen Jahren betriebswirtschaftliche Unternehmensberatung an und hat mit Schulungen bisher keine Erfahrung. Unser Thema: sie entwickelt mit meiner Unterstützung ein – das weiß ich jetzt schon – sehr geniales Schulungsangebot.

Ich weiß, dass sie das sehr gut machen wird. Das weiß ich nicht etwa, weil ich hellseherische Fähigkeiten hätte. Sondern weil sie Fähigkeiten hat, die sie als Trainerin unbedingt braucht. Und das Wichtigste: weil ihre Motive stimmen!

Stell dir vor, du hast dich für einen Vortrag zu einem für dich sehr wichtigen Thema angemeldet, bist pünktlich da und hast dir einen guten Platz ausgesucht. 2 Minuten vor angekündigtem Beginn kommt ein Mann mit Laptop-Tasche in den Raum, geht wortlos „nach vorne“ an offensichtlich „seinen“ Platz und beginnt mit dem Versuch, seine Powerpoint-Präsentation über den Beamer an die Wand zu werfen. Er fummelt hier und da und guckt und verkabelt. Bis er irgendwann zur Kenntnis nimmt, dass er nicht alleine ist. Er fragt, ob sich jemand damit auskennt. Das Fummeln geht zu zweit weiter, die Zeit verrinnt. Einzige Unterhaltung: die Desktop-Gestaltung des Laptops mit einer Portraitaufnahme seines Freundes als Hintergrund und diversen beruflichen und privaten Dateien, die dem Freund auf dem Gesicht herumtanzen. 10 Minuten nach angekündigtem Beginn richtet der Referent seinen ersten Satz an sein Publikum: „So, jetzt können wir anfangen. Ja… ich bin Dr. Ruckelfatz und erzähle Ihnen heute was über Rhetorik. Da haben wir zunächst…“. Während er das sagt, dreht er sich an die Wand um und schaut, ob der Beamer macht, was er soll: die Titelfolie zeigen. Sogleich klickt er weiter auf die 2. Folie, die mit ganzen Sätzen in 12punkt-Schrift angefüllt ist. Und er beginnt, sie vorzulesen.

Aaaaahhhhh!

Mal wieder einer, der nicht verstanden hat, was eine gute Präsentation ausmacht. Und nicht nur das: ich finde, sein Auftritt ist eine Ohrfeige ans Publikum!

Präsentieren ist eine Dienstleistung!

Wenn ich eine gute Präsentation (eine Schulung, eine Rede, einen Vortrag…) hinlegen will, muss ich im ersten Schritt kapieren, dass ich mich damit zum Dienstleister/zur Dienstleisterin mache. Ich stelle meine Inhalte vor und gleichzeitig mich in den Dienst. In den Dienst an der Sache und an den Menschen, die zuhören/teilnehmen. Egal, ob sie dafür Geld bezahlt haben oder nicht, sie geben ja Lebenszeit. Sie kommen und verhalten sich i. d. R. so, dass das Event stattfinden kann. Und allein für ihr Dasein verdienen sie, respektvoll behandelt zu werden. Also weit entfernt von dem, was sich in dem Beispiel (das übrigens nicht erfunden ist…) ereignet!

Ich habe wirklich schon viele Trainer*innen, Redner*innen, Referent*innen, Lehrende, Seminarleiter*innen, Vortragende erlebt. Sehr viele. Ich gebe zu, sie haben’s nicht leicht bei mir, weil ich an ihre Leistung den gleichen Maßstab anlege wie an mich selbst. Aber auch, wenn ich keinen professionellen Anspruch stelle, sind mindestens 90% der Veranstaltungen mittelmäßig bis unzumutbar. Hier mal ein paar Beispiele:

Was gar nicht geht und ständig passiert

Der Redner spricht mit dem Rücken zu den Menschen stehend, weil er zur Projektionswand/zum Flipchart/zur Pinwand schaut oder an die Tafel schreibt. Kein Mensch versteht irgendetwas.

Die Vortragende stellt ihrem Publikum keinerlei Struktur oder Gliederung der Präsentation vor, so dass die Menschen überhaupt nicht erfahren, was auf sie zukommt und damit dem guten Willen der Vortragenden ausgeliefert sind. Sie können nicht entscheiden, ob die Präsentation was für sie ist oder ob sie lieber wieder gehen.

Der Seminarleiter beginnt einfach. Ohne eine angemessene Einleitung, manchmal sogar ohne Begrüßung oder Vorstellung.

Foliengestaltung. Oje! Ein Kapitel für sich. Ich schreibe mich in Rage, wenn ich dazu jetzt ins Detail gehe. Vollgestopfte Folien mit diversesten Schriftgrößen, -schnitten und -farben, keine Grafiken oder zuviel davon, grusliges oder nicht vorhandenes Layout, sich verirren im eigenen Folienset usw. Sehr beliebt ist auch: eine Tabelle zeigen, die nicht entzifferbar ist, und das Publikum darauf hinweisen, dass „Sie das ja wahrscheinlich nicht lesen können aber das macht ja auch nichts ich lese es Ihnen dann eben vor“. Hallo? Wofür dann überhaupt diese Folie? Ich finde sowas schlicht respektlos. Den Zuhörenden gegenüber genauso wie der eigenen Kompetenz gegenüber. Denn die wird damit völlig demontiert.

Der Rhetoriktrainer tut einen ganzen laaaangen Tag nur eines: reden, am liebsten von sich, seinem Können und vom Nichtkönnen anderer. Die Teilnehmenden reden kaum. Seltsam: da steht doch „Training“ im Titel.

Die Referentin ignoriert oder vergisst, dass sie ein Mikrofon in der Hand hat. Sie wedelt damit herum oder spricht zur Seite oder zur Projektionswand. Wer Glück hat, sitzt ganz vorne und versteht trotzdem a bisserl was. Schade – vielleicht hat sie ja Wichtiges zu sagen.

Der Lehrbeauftragte hat mal gehört, dass Visualisierung eine gute Sache sei und nutzt freudig das Flipchart. Allerdings schreibt er in seiner eigenen Handschrift, die sogar er selbst manchmal nicht lesen kann. Was soll das? Dabei ist eine passable Visualisierung reine Übungssache.

Die Vortragende beendet ihren inhaltlich sehr fachkundigen Vortrag mit den beliebten Worten „Das war’s“ oder noch schöner „So, das war’s jetzt eigentlich von mir“ (und währenddesssen schon das Manuskript zusammenpacken und halb fliehend den Platz verlassen). NEEEIIIIIIN!!!

Ich wiederhole mich: jede Präsentation ist eine Dienstleistung!

Ganz gleich, ob es sich dabei um eine Verkaufs- oder Firmenpräsentation, eine politische Rede, eine Schulung oder einen vhs-Vortrag handelt.

Das bedeutet: alles, was du einsetzt und wie du es einsetzt, muss im Dienst der Zuhörenden stehen! Deine Rhetorik, die Struktur, die Inhalte, die Medien, die Methodenauswahl, alles. Und das gelingt dir, wenn du dich auf zwei Blickwinkel ausrichtest: die Verständlichkeit dessen, was du wie darstellst, und den Unterhaltungswert für die Teilnehmenden.

Huch? Nicht darauf, dass ich eine super Performance hinlege? Dass der Applaus am Ende kein Ende nimmt? Dass die Leute beeindruckt sind von mir und meinem Fachwissen? Dass sie mit ehrfürchtig-nachdenklichem Blick den Saal des Ereignisses verlassen? Nein?

Nein!

Wenn du präsentierst, um dein Ego streicheln zu lassen, bist du falsch in dem Job!

So, jetzt sind wir bei des Pudels Kern: deinen Motiven. Warum willst du diesen Vortrag halten oder jenes Seminar leiten? Was sind deine Interessen dahinter?

Willst du der Welt da draußen zeigen, was du kannst oder weißt? Oder liegt dir das Glück deiner KundInnen am Herzen? Im ersten Fall: lass es bleiben. Im zweiten: herzlich willkommen!

Und dann mach einen Check deiner Fähigkeiten und Talente:

Kannst du komplexe Inhalte Kindern so erklären, dass sie sie verstehen? – Sehr gut!

Du bist geduldig und gut im genauen Hinhören? – Wunderbar!

Bist du selten so richtig zufrieden mit dir, weil du dich mit selbstkritischem Blick betrachtest? – Perfekt!

Kannst du dein persönliches Wollen und Denken hintenanstellen und anderen allen Raum überlassen, den sie brauchen? – Wow!

Du bist gut darin, in Gesprächen mehrere Ebenen gleichzeitig im Blick zu haben (z. B. die Zeit, den roten Faden, dein Gegenüber, dein eigenes Befinden, das Außenrum)? – Sehr cool!

Du freust dich, wenn du erlebst, wie Menschen sich Aha-Effekte erarbeiten? – Like!

Kannst du strukturiert denken und gleichzeitig improvisieren? – Prima!

Zählst du eine*n Entertainer*in zu deinem inneren Team, den du ab und zu (ab und zu und ganz gezielt!) gerne mal auf die Bühne schickst? – Super! (Hier findest du mehr über die Bedeutung der „Rampensau“.)

Jetzt weißt du, warum ich sicher bin, dass die Unternehmerin, die sich von mir in Sachen Schulungsangebot coachen lässt, einen wirklich guten Job machen wird!

Und hier kannst du lesen, inwieweit Präsentieren für Frauen was anderes ist als für Männer.

Fragen? Gerne!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.