Muss ich Fußball gutfinden? Mein Beitrag zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie #IDAHOT und zur Aufregung um @ConchitaWurst

Jetzt ist es also soweit: ich schreibe über Fußball! Und schmunzle über mich selbst und erinnere mich an die Geburt meines Blogs.

Der Anlass allerdings ist so gar nicht zum Schmunzeln.

Der Anlass ist die Not-wendigkeit, einen Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie zu brauchen. Der Anlass ist der Hype, der um Conchita Wurst entstanden und keineswegs ein ausschließlich positiver ist. Der Anlass ist ein Beitrag von Béla Anda in der Bild-Zeitung, auf den ich gleich noch näher eingehen werde.

Der Anlass ist, dass uns überall und ständig Ablehnung bis hin zu offenem und strafrechtsrelevant geäußertem Hass gegenüber Menschen begegnet, die lesbisch sind oder schwul oder in irgendeiner Art den gängigen patriarchalen Geschlechtsrollen-Stereotypen nicht entsprechen. (Ich könnte auch sagen: gegenüber allen, die „anders“ sind als das sogenannt „Normale“ – doch ich will nicht auch noch Rassismen, Sexismen und andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit einbeziehen.)

Wer muss hier was?

Béla Anda fragt in seinem Artikel „Muss ich Conchita Wurst gut finden?“. Ich finde die Antwort ganz einfach: nein, muss keiner/keine. Oder gibt es irgendeine Art Zwang dazu? Ich spüre ihn nicht. Ja, es gibt eine große Welle der Freude, Zuneigung, Begeisterung um ihren Erfolg beim Eurovision Song Contest. Das ist doch schön! Und ja, viele freuen sich, weil sie in ihrem Erfolg ein politisches Signal sehen in Richtung Akzeptanz von Vielfalt/Anderssein. Ich persönlich bin da skeptisch, aber das ist hier gerade egal.

Béla Anda schreibt, dass es wohl Conchita Wurst’s Bart ist, der ihn dazu bringt, sich über die „Lobhudelei auf sie“ zu ärgern. Weil „ein Bart im Gesicht einer Frau … sein ästhetisches Empfinden“ und sein „Rollenverständnis von Mann und Frau“ stört. Bis dahin: so what. Kann er so finden.

Wie er von besagtem Bart direkt zu einer Aussage über Gleichmacherei in Europa kommt, erschließt sich mir nur dann, wenn ich seine bärtige Befindensbekundung als klares politisches Statement gegen die Gleichstellung von Menschen (hier: lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, intersexuellen Menschen mit heterosexuellen Menschen) verstehe. Das nennen wir dann Homophobie.

Und dann schreibt er: „Doch was mich stört ist, dass ich den Auftritt einer Dragqueen mit Bart jetzt schon gut finden MUSS. Es reicht nicht mehr zu sagen: Ok, macht was ihr wollt. Nein, wir müssen alle jubeln und die Höchstpunktzahl vergeben. Es gibt keinen Kanal, keine Möglichkeit, sich dagegen zu artikulieren, und keinen Weg zu sagen: Das gefällt mir nicht.“

Dass es keinen Kanal gebe, sich zu artikulieren, widerlegt er ja selbst mit seinem Statement, aber das sei ihm geschenkt. Viel interessanter finde ich, dass Béla Anda offensichtlich das Gefühl hat, nicht anderer Meinung sein zu DÜRFEN als diejenigen vielen Menschen, die sich über Conchita Wurst’s Erfolg lautstark freuen.

Muss ich Fußball gut finden?

Ich könnte mit gleichem Recht fragen: „Muss ich Fußball gut finden?“. Wo es doch so einen Hype um Fußball (präziser: Männer-Fußball) gibt, egal, ob grade irgendeine Meisterschaft läuft oder das alltägliche (heißt das dann Bundeliga?) Fußball-Geschäft. Im Büro und im Netz wird ständig und nahezu überall über Fußball geredet. Sogar in den Nachrichten werde ich regelmäßig überschüttet mit Informationen über die neuesten Spiele/Sieger/Trainerwechsel. Werde maltraitiert mit Bildern von rennenden, schwitzenden, kurzbehosten Männern auf dem Rasen oder grölenden, betrunken wirkenden Männern und Frauen in den Rängen.

Ich will das nicht sehen, wirklich nicht. Ist mir zu laut, zu derb, interessiert mich kein klitzekleinesbisschen und ja: stört mein ästhetisches Empfinden und auch mein Rollenverständnis von Mann und Frau. Aber was soll’s? Ich schalte eben weg und riskiere, nass zu werden, weil ich den Wetterbericht verpasse;)

Ich fühle mich nicht belästigt oder angegriffen von öffentlich zur Schau gestellter Fußball-Freude.

Ich habe nicht das Bedürfnis, Fußball und die Fußball-Liebenden abzuwerten, lächerlich zu machen, klein zu reden. Ihre Gesundheit in Frage zu stellen, sie „nicht normal“ zu finden.

Und: ich habe nicht das Gefühl, Fußball mögen zu MÜSSEN. Gar irgendeinen Stempel aufgedrückt zu bekommen, wenn ich mich als Fußball-Uninteressierte oute. Ich gehöre halt nicht zur Fangemeinde. Kein Zutritt im Club. So what? Will ich ja gar nicht.

Ist das die Sorge von Menschen, die sich homophob äußern?

Nicht dazuzugehören in die LSBTI-Community, sich ausgeschlossen zu fühlen von der Gruppe der „Homophilen“? Das Gefühl zu haben, mit einer homophoben Haltung so langsam zu einer Minderheit zu werden?

Vielleicht haben homophobe Menschen einfach nur das Gefühl, dass ihnen die Felle wegschwimmen? Sie ihre bisherigen Überzeugungen und Werte nicht mehr ohne weiteres aufrechterhalten können?

Vielleicht spüren sie, dass sie wirklich keine Argumente haben? Dass es keine sachlichen Gründe gibt für ihre abwertende Haltung?

Von Angst und Hoffnung

Ich weiß, dass wir Menschen umso vehementer und mit umso größerer Abwehr (in Form von Abwerten, Lächerlichmachen, Übertreiben, Diskriminieren etc.) reagieren, je größer unsere Angst ist.

Das kennen wir aus der Geschichte der Frauenbewegung nur zu gut. Das kennen wir auch in Bezug auf die Wahrnehmung von Menschen, die sich nicht rollenkonform verhalten (hier habe ich mal über die öffentliche Wahrnehmung von Regula Stämpfli geschrieben). Oder nicht wie „gewohnt/schon immer/die letzten 30 Jahre, Baby/…“: regelmäßig berichten mir Menschen, die nach einem Kommunikationstraining bei mir ihr Verhalten verändern, wie sie dafür abgestraft werden und mehr als nur blöde Bemerkungen einstecken.

Dieses Wissen um den Zusammenhang zwischen Angst und Reaktionsbildung lässt mich hoffen. Darauf, dass die Welle der Homophobie, die gefühlt seit ein paar Jahren immer mehr zunimmt, einfach nur eine natürliche psychologische Reaktion auf unausweichliche Veränderung ist. Die wie jede Reaktion irgendwann an Kraft verliert.

Muss ich denn jetzt Conchita Wurst gut finden?

Ein Wort noch, falls es dich interessiert: ich finde Conchita Wurst/Tom Neuwirth weder ikonenverdächtig noch schrecklich. Ich finde, die beiden gemeinsam sind eine Sängerin, die meinen Respekt verdient. Für ihre Leistung. Für den Mut, sich dem unsäglichen Hass, mit den sie konfrontiert sind, zu stellen (hier nachzulesen).

Für diese Worte auf ihrer Website: „Conchita verdankt ihre Geburt dem Umstand, dass Tom Zeit seines Lebens mit Diskriminierung zu kämpfen hatte. Also schuf er eine Frau mit Bart. Als auffälliges Statement. Als Katalysator für Diskussionen über Begriffe wie ‚anders‘ oder ’normal‘. Als Ventil, mit dem er seine Botschaft unübersehbar und unüberhörbar in alle Welt tragen will. Aussehen, Geschlecht und Herkunft sind nämlich völlig WURST, wenn es um die Würde und Freiheit des Einzelnen geht. ‚Einzig und allein der Mensch zählt‘, sagt Tom/Conchita, ‚jeder soll sein Leben so leben dürfen, wie er es für richtig hält, solange niemand zu Schaden kommt.'“

Danke an alle, die sich für die Rechte von LSBTI einsetzen. Und einen hoffnungsvollen Gruß und Freundschaftkuss in alle 77 Länder der Erde, in denen Homosexualität ein Straftatbestand ist.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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