Indignez-vous: Suedelbien aka Kirsten Evers engagiert sich

Angelehnt an Stéphane Frédéric Hessels „Indignez-vous“ lasse ich in der Kategorie “engagement für das leben” immer wieder mal interessante Menschen zu Wort kommen, die über ihr persönliches Engagement für das Leben berichten.

Mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu inspirieren, sich zu empören. Ihnen Mut zu machen, aufzustehen und sich für eine bessere Welt zu engagieren.

Heute engagiert sich Suedelbien aka Kirsten Evers.

Kirsten ist 51 Jahre alt, Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen, seit drei Jahren geschieden und allein erziehend. Sie ist studierte Chemieingenieurin, Sängerin und Gesangslehrerin. Seit vielen Jahren ist sie im Internet aktiv. Angefangen hat dies 1999 in der Community von SELFHTML, wo sie nicht nur HTML gelernt hat, sondern auch die Menschen, die dort agierten, kennen lernte.

Sie betreibt ein Blog, in das sie so ca. einmal im Monat einen Artikel veröffentlicht. Sie ist Gelegenheitsbloggerin. Dort schreibt sie Dinge auf, die sie aktuell bewegen.
 
 Sie ist mit einem anonymen geschützen Account auf Twitter unterwegs, sowie auf G+ und Facebook zu finden. Außerdem hat sie einige wundervolle Aufnahmen von sich auf Soundcloud veröffentlicht :-)

Liebe Kirsten, worüber „empörst“ du dich? Was findest du in der Welt, wie du sie erlebst, „unwürdig“?

Am meisten empöre ich mich darüber, wie die Menschen heutzutage miteinander umgehen.

Aber vielleicht ist „Empörung“ nicht ganz das richtige Wort für das, was ich empfinde, wenn ich mir meine Erlebnisse mit meinen Mitmenschen ansehe. Es ist eher Traurigkeit gepaart mit Wut, manchmal auch mit einem völligen Erstaunen.

Es passieren Dinge, von denen ich bisher nicht für möglich gehalten habe, dass sie passieren können. Oft erlebe ich es, dass ich mich in Menschen täusche. Aus heiterem Himmel, für mich nicht nachvollziehbar, verwandeln sie sich plötzlich von einem empathischen, solidarischen und mir wohlgesonnenen Mitmenschen in jemanden, der/die über Dinge, die ich tue oder sage, ein Urteil fällen. Plötzlich interpretieren sie Dinge in meine Worte hinein, die ich noch nicht einmal geträumt habe, und lassen mir keine Chance, die Dinge klar zu stellen und wieder ins richtige Licht zu rücken.

Dies erlebte ich in meinem Leben schon oft, ohne zu wissen, was hinter so einem Verhalten steckt und wie ich damit umgehen kann. Inzwischen weiß ich eine Menge über zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, denn ich habe sie mir in jahrelangen Auseinandersetzungen mit mir selbst und meinen Konflikten erarbeitet.

Genau das ist es auch, was ich momentan in dieser Welt so unwürdig finde: Die Menschen können nicht mehr liebe- und würdevoll miteinander umgehen.

Jeder hat seine Defizite mit sich herum zu tragen, aber den wenigsten ist bewusst, dass sie überhaupt Defizite haben. Außerdem wird es als Mangel angesehen, Defizite zu haben, dabei gibt es keinen Menschen, der frei von Defiziten, Fehlern ist. Aber viele halten das, was sie gelernt haben und wovon sie überzeugt sind, als die einzig richtige Sichtweise, die selbstverständlich auch für alle anderen Menschen zu gelten hat. Dass jeder Mensch seine eigene Sicht auf die Welt hat, die völlig gleichberechtigt neben denen der anderen steht, wissen die wenigsten, und dass es sogar möglich ist, die Perspektive zu wechseln, nachdem die ursprünglich eingenommene und angelernte eingehend hinterfragt wurde.

Die meisten Menschen schließen jedoch von sich auf andere und projizieren ihre unangenehmen Eigenschaften auf sich anbietende andere Mitmenschen, auf deren Kosten dieses Überstülpen dann geht. Das sind die Sündenböcke, die für die Fehler der anderen verantwortlich gemacht werden.

Erschreckend finde ich die Kaltschnäuzigkeit, mit der manche Menschen sich äußern, auch über andere, besonders im Internet auf sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter, G+ oder Blogs. Da erzählt auf der einen Seite eine Frau sehr gefühlvoll und berührend darüber, warum sie aus einem bestimmten Verein ausgetreten ist, worüber eine andere in einem langen Blogpost hämisch polemisiert. Wenn ich so etwas lese, überkommt mich eine tiefe Müdigkeit.

Bewusst ist vielen Menschen auch nicht, dass die Gesellschaft, in der sie leben, dieses Verhalten auch noch fördert. Der Mensch hat zu funktionieren, sonst bringt er kein Geld, er hat gesund zu sein, zu arbeiten, sich aufzuopfern, Fehler sind nicht erlaubt, und jede/r, die/der aus der Norm fällt, wird mit Ausgrenzung und Verachtung bestraft. Und die Norm ist: männlich, weiß, heterosexuell, schlank und gesund.

Wie furchtbar ungerecht diese Gesellschaft ist, ist mir gerade erst in diesem Jahr nach der Aufschrei-Debatte so richtig klar geworden. Auf einmal twitterten tausende von Frauen über ihre Erlebnisse mit Sexismus, und ich selbst musste mir eingestehen, wie oft es mir selbst passiert ist. Warum ich beruflich nicht weiterkam. Welche Knüppel mir da die ganze Zeit im Weg lagen. Dass wir in einem Patriarchat leben, war mir zwar geläufig und bekannt, aber wie sehr ich das auch verinnerlicht und als normal akzeptiert habe, wurde mir da erst richtig bewusst.

Hinzu kommt der Kapitalismus, der das Überleben der Menschen daran koppelt, Geld zu erhalten. Um an Geld zu kommen, sind die Menschen gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen, mindestens zum Teil jedenfalls. Sie verkaufen sich also, damit sie leben können; manche für mehr, manche für weniger unangenehme Tätigkeiten. Nichts anderes ist Prostitution. Die menschenverachtendste Variante davon ist die, den eigenen Körper zum Sex als Dienstleistung für Geld anzubieten. Aber dies zu sagen, ist ja aktuell höchst prekär. Zack, ist man wie Alice Schwarzer in der Schublade, die Prostituierten kriminalisieren zu wollen, ihnen ihre Lebensgrundlage wegnehmen zu wollen, sie durch Verbote und Kontrollen zu gängeln und zu schikanieren und ihnen ihre Entscheidungsfähigkeit und Selbstbestimmtheit absprechen zu wollen. Dass sie alles andere als selbstbestimmt handeln, ist eine Tatsache, die sie vehement verdrängen und leugnen. So sehr ich mich Anfang des Jahres über das Erstarken des Feminismus gefreut habe (und ich war bis dahin gar nicht so feministisch engagiert), so sehr muss ich jetzt feststellen, dass sich die Bewegung an der Prostitutionsdebatte spaltet, und zwar in Prostitutionsgegner_innen und -befürworter_innen. Und ich kann immer noch nicht begreifen, wie mich Frauen, Feministinnen, überhaupt fragen können, warum ich Prostitution ablehne.

Stell dir vor, eine Fee gibt dir drei Wünsche frei, mit denen du in dieser Welt etwas ver ändern kannst: was wünschst du dir?

Mehr (Selbst)bewusstsein eines jeden Menschen, mehr Selbstreflexion, damit verbundene Neugier und Offenheit in Bezug darauf, sich selbst (und andere) kennen zu lernen, und die Bereitschaft, anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen zu wollen.

Wie gehst du – im Innen und vielleicht auch im Außen – mit deiner „Empörung“ um?

Im Inneren übe ich immer wieder, mir bewusst zu machen, was ich gerade fühle, was mich gerade beschäftigt, bewegt, wo ich selbst mal wieder den Verhaltensweisen verfalle, denen ich selbst nicht gern ausgesetzt bin. Zum Beispiel abwertend zu urteilen. Das passiert leicht und schnell, besonders dann, wenn ich verletzt bin. Aber ich weiß dann, dass ich einfach etwas Gras darüber wachsen lassen muss, um wieder in der Lage  zu sein, gelassener mit meinen Mitmenschen umzugehen.

Im Außen neige ich dazu, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Dies tue ich oft durch Kommentare in den sozialen Netzwerken im Internet und in Blogs, aber auch auf meinem eigenen kleinen Gelegenheitsblog.

Welche Erfahrungen hast du mit dem „Empören und Engagieren“ in deinem Leben ge macht?

Zu sagen, was ich denke, hat oft abwehrende Gegenreaktionen zur Folge. Ich habe oft das Gefühl, entweder komplett missverstanden zu werden oder gegen Wände zu reden. Oft werden mir Dinge unterstellt, die ich weder gesagt noch gemeint habe. Versuche ich dann Klarstellungen, werden sie nur selten angenommen und verstanden.

Obwohl das durchaus vorkommt. Das bezeichne ich dann als Glücksfall, dann habe ich einen Menschen gefunden, der in Selbstreflektion geübt ist und weiß, dass die eigene Sicht der Dinge immer durch einen Filter gesehen wird, die die Sicht auf die wahren Begebenheiten verstellt. Wer aber um seine eigene rosarote Brille weiß, hat die Chance, sie mal kurz abzunehmen und die Perspektive anderer einzunehmen. Das ist ein bereichernder Moment.

Die meisten Menschen haben aber Angst davor. Lieber beharren sie auf ihrem Standpunkt und verteidigen ihn mit Zähnen und Klauen. Begegne ich solchen Menschen, gehe ich auf Distanz.

Welche Empfehlungen kannst du anderen Menschen, die sich „empören“, geben?

Zuallererst Selbstreflektion. Das Hinterfragen der eigenen Ansichten und Überzeugungen ist Grundvoraussetzung, eine Veränderung herbei zu führen, und zwar zunächst ausschließlich bei sich selbt. Die Veränderung ist die, dass sich der eigene Horizont erweitert, die Perspektiven sich vervielfältigen, das Urteilen über andere nachlässt, man sich selbst gegenüber viel liebevoller und verzeihender verhalten kann. Diese Veränderungen übertragen sich irgendwann auf die Umwelt, weil sie das eigene Innere wiederspiegelt.

Was möchtest du noch sagen, was nicht in den Fragen enthalten ist?

Dass ich das Gefühl habe, dass es in der Welt immer schlimmer zugeht. Ich weiß aber nicht, ob es daran liegt, dass es wirklich so ist, oder ob es mir nur so vorkommt, weil ich durch meine eigene Entwicklung immer mehr sehen und erkennen kann. Ich fürchte, es ist beides.

Danke, Kirsten, für dein Engagement!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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