Die wundersame Verwandlung der Prostitutionsdebatte in eine Sachdiskussion – #Mediation macht’s möglich

In der aktuellen Debatte um Prostitution – ausgelöst durch einen Emma-Aufruf gegen Prostitution – wird heiß diskutiert, virtuell und in echt. Binnen kürzester Zeit gab es einen Gegenentwurf, einen Appell FÜR Prostitution.

Spannend finde ich, wie sehr sich an diesem Thema die feministischen Geister scheiden. Und daran wird deutlich: es gibt nicht „den“ Feminismus, so wie es auch nicht „die“ Jugend oder „den“ Veganismus gibt. Sondern es gibt eine Vielfalt von feministischen Haltungen. (Das mit unseren „-ismen“ ist sowieso eine interessante Angelegenheit, allerdings ein anderes Thema.)

Diese Haltungen fliegen uns in mehr oder weniger emotional geführten Debatten um die Ohren.

Klassisches (ganz „normales“) Konfliktgeschehen

Da werden von beiden Seiten Vorwürfe erhoben, Meinungen und Positionen hin und her geworfen. Behauptungen aufgestellt, darüber, was die jeweils andere Seite fordert, behauptet, übersieht, tun soll, falsch macht. Und jede Seite hätte gerne Recht.

Mit dem Ergebnis, dass Fronten entstehen und sich verhärten. Und dass nicht mehr die Sache, um die es geht, im Mittelpunkt steht, sondern Positionen und diejenigen, die sie vertreten. Deshalb fühlen wir uns in Konflikten auch so leicht angegriffen: wir identifizieren uns mit unseren Positionen.

Schade dabei ist auch: die gemeinsamen Interessen geraten aus dem Blick. Das Interesse, Gewalt gegen Frauen zu verringern zum Beispiel.

Meine Position: in der Mitte

Ich entscheide mich für keine der beiden Seiten.

Zum einen kann ich beiden Entwürfen in Teilaussagen zustimmen. Finde einzelne Forderungen zumindest nachvollziehbar. Ja, die Möglichkeit der Selbstbestimmung für alle Menschen ist mir wichtig. Gleichzeitig betrachte ich Prostitution als sytemerhaltendes Element patriarchaler Machtverhältnisse. Antje Schrupp spricht mir aus der Seele, wenn sie in den Kommentaren zu ihrem Blogartikel schreibt: „ich möchte über dieses ‚Verbieten, ist des Teufels!‘ versus ‚Ist doch tolle selbstbestimmte Arbeit!‘ gerne hinauskommen“. Auch die Mädchenmannschaft hat einen sehr differenzierten Artikel dazu geschrieben.

Zum anderen fehlen mir belastbare Hintergrundinformationen. Die Informationen, die ich gesehen habe, sind oft widersprüchlich. Hat der Menschenhandel nun zugenommen seit dem Prostitutionsgesetz von 2002 oder nicht? Wieviele Frauen werden durch direkte Gewalt, egal welcher Art, zur Prostitution gezwungen und wieviele entscheiden sich frei oder gefühlt frei dafür (so frei, wir wir eben innerhalb von Biographien und Strukturen Entscheidungen manchmal treffen können)?

Dieses Zwischen-den-Stühlen-stehen kenne ich. Weil ich sehr oft beide Parteien verstehen kann. Nachvollziehbar finde, was sie sagen oder tun und warum. Dieser „Platz in der Mitte“ entspricht mir persönlich und ist gleichzeitig eine zentrale Kompetenz und unabdingbare Haltung als Mediatorin: Neutralität.

Was kann Mediation bewirken? In einem konkreten Konfliktgeschehen und in unserer Kommunikationskultur?

Stellen wir uns mal vor, wir wollen den Konflikt in der Prostitutionsdebatte mit einer Mediation lösen. Ich schicke dafür die frei erfundene Matilda ins Rennen, die den Emma-Aufruf unterzeichnet hat, und auf der anderen Seite Regine, die den Gegenaufruf „Pro Prostitution“ unterstützt.

Matilda und Regine setzen sich mir mir an einen Tisch und wir schließen ein Arbeitsbündnis: wir vereinbaren Rahmenbedingungen, wie wir in der Mediation miteinander arbeiten werden.

Dann beginnt die Bestandsaufnahme. Jede nennt die Punkte, die sie in der Mediation klären will.

Matilda legt los: die Freier müssen bestraft werden, auch die ProfiteurInnen, überhaupt muss Prostitution ganz verboten werden, schließlich ist Prostitution systematische Gewalt gegen Frauen und hängt unmittelbar mit Menschenhandel zusammen, wer da von Freiwlligkeit redet, ist anmaßend, und außerdem müssen wir Ausstiegsprogramme und Schutznaßnahmen entwickeln.

Regine: Ja, Schutzmaßnahmen und Ausstiegshilfen brauchen wir, wir müssen auch die Arbeitsbedingungen und die Rechte der Frauen stärken, aber wir können die Prostitution nicht verbieten, schließlich arbeiten viele Frauen freiwillig in diesem Beruf, außerdem: habt ihr die Sexarbeiterinnen eigentlich mal nach ihrer Meinung gefragt anstatt in paternalistischer Arroganz ihnen ihre Selbstbestimmung zu nehmen.

In einem gemeinsamen Klärungsprozess arbeiten wir jetzt aus den genannten Punkten Themen heraus. Das vorläufige Ergebnis:

Themensammlung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist da passiert? Wo sind die Meinungen von Matilda und Regine hin?

Aus den Forderungen, Vorwürfen und Positionen sind inhaltlich diskutierbare Themen geworden.

Wenn wir uns im nächsten Schritt, der Interessenklärung, jedes Thema einzeln vornehmen, wird es tatsächlich möglich, über die Sachinhalte zu sprechen, und zwar sehr differenziert. Und nur so können wir dem Konfliktinhalt – Wie wollen wir mit Prostitution in unserer Gesellschaft umgehen? – gerecht werden.

Was außerdem passiert ist: Matilda und Regine haben teilweise die gleichen Themen genannt, nur aus jeweils ihrer eigenen Perspektive. Das entspannt schon mal: „Hey, stimmt, sie will ja auch über das Frauenbild reden. Dann sind wir uns ja immerhin darin einig.“ So wird die Basis für eine gemeinsame Auseinandersetzung gestärkt.

Mit dem Frauenbild beginnen sie dann auch. Jede beschreibt, was sie dazu denkt, was ihr daran wichtig ist und warum. In einem durchaus emotionalen Austausch kommen wir zu dem Ergebnis:

Matilda wünscht sich eine gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Eine Welt, in der Frauen keine Angst um ihre Unversehrtheit haben müssen. Ihr ist wichtig, dass Frauen den gleichen Respekt erfahren wie Männer.

Regine will das auch. Ihr ist vor allem die selbstbestimmte Lebensgestaltung für alle Menschen wichtig.

Ups. Was ist das? Wir wollen ja das Gleiche?!

Die Konzentration auf die Interessen und Motive, die hinter einer Forderung stehen, bringt uns zur Sachebene und macht Gemeinsamkeiten deutlich.

Und genau das brauchen wir, wenn wir für einen Konflikt eine Lösung suchen!

Solange wir auf unseren Forderungen und Positionen herumreiten, zurren wir fest und immer fester, WIE wir etwas haben oder erreichen wollen. „Das muss so oder so gemacht werden, nicht anders! … Nur so ist’s richtig! …“.

Sobald wir uns aber fragen, WAS uns daran wichtig ist und WARUM, kommt Bewegung ins Spiel. Wir merken, was wir inhaltlich erreichen wollen, was unsere Beweggründe dafür sind, etwas so oder so haben zu wollen.

Und in unseren Beweggründen begegnen wir uns als Menschen. Nicht mehr als festbetonierte PositionsinhaberInnen oder gar Feinde. Wir erkennen, dass der/die andere nachvollziehbare Gründe hat, so zu denken, verstehen seine/ihre Position. Und oft entdecken wir sogar, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt sind darin.

Erst auf dieser Basis wird der nächste Schritt überhaupt möglich: die Entwicklung von Lösungsoptionen. Erst hier geht es jetzt um das WIE, um konkrete Maßnahmen, die umgesetzt werden sollen. Matilda und Regine sammeln zu jedem besprochenen Thema Ideen, wie Lösungen aussehen könnten. Sie merken in einigen Fällen, dass ihnen noch Informationen fehlen. Die beschaffen sie sich und finden realistische Lösungsideen.

Der Konfliktgegenstand löst sich in Wohlgefallen auf

Das Spannende ist, dass die ursprüngliche entweder-oder-Frage – Verbot der Prostitution oder nicht – gar nicht mehr auftaucht! Auch das ist typisch in einer Mediation: der Konfliktgegenstand löst sich in seine Einzelbestandteile auf und verliert die Begrenzung auf null bis zwei Optionen und damit seinen Schrecken.

Nachdem Matilda und Regine sich durchaus kämpferisch auf eine gemeinsame Lösung geeinigt haben, eine Lösung, mit der beide gut leben können, treffen sie die Abschlussvereinbarung, die alles enthält, was für die Umsetzung der Lösung wichtig ist.

Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende… oder was?

Dieser Ablauf ist notwendigerweise sehr verkürzend und idealtypisch beschrieben. Gleichzeitig entspricht er der Erfahrung vieler Menschen, die eine Mediation erlebt haben.

Ich wünsche mir für die Prostitutionsdebatte und für alle Debatten, die wir führen zu großen oder kleinen Fragen, dass wir uns auf das Wesentliche besinnen. So, wie es in einer Mediation geschieht:

Alle Beteiligten wollen eine Lösung.

Alle Beteiligten sind Menschen und haben gleichwertige Interessen und Motive.

Wenn wir diese erkunden, finden wir konstruktive Lösungen.

Wie würde das unsere Kommunikationskultur verändern… in der Schule, in der Politik, im Alltag! Ich bin gespannt, wie die Diskussion weitergeht.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.