Die Kunst des Kritisierens – Tipps für wertschätzendes und produktives Feedback

In meinem Beitrag „Feedback erhält uns am Leben – Tipps für einen guten Umgang mit #Kritik“ ging es um die Frage, welche Bedingungen beim Kritisieren und Kritisiertwerden eine Rolle spielen und wie du auf Kritik so reagieren kannst, dass es für dich selbst und die Person, die dich kritisiert, gewinnbringend und stressfrei ist.

Hier steht nun das Kritisieren im Mittelpunkt. Du erhältst wertvolle Anregungen, die in meiner langjährigen Erfahrung mit und Reflexion von Kommunikations- und Konfliktlösungsprozessen entstanden sind.

Tipps für wertschätzendes und produktives Kritisieren

Tipp 1: Herz und Hirn einschalten

Bevor du einen Menschen kritisierst, denk nach. Klingt vielleicht banal, ist es aber nicht.

  • Mach dir klar, welches Verhalten der*des anderen es ist, mit dem du nicht zurechtkommst.
  • Prüfe, wie groß deine Beeinträchtigung, dein Störgefühl ist, wie wichtig dir eine Veränderung ist.
  • Finde heraus, ob du dieses Störgefühl immer wieder mit unterschiedlichen Menschen erlebst. Wenn ja, solltest du erstmal bei dir anfangen. Wenn du dich z. B. immer wieder daran störst, dass Menschen „unordentlich“ sind (ihr Arbeitsplatz, ihre Kleidung…), dann kann das ein Hinweis sein, dass du mal deinen Ordnungsbegriff überdenken könntest, um entspannter durchs Leben zu kommen. (In diesem Artikel findest du eine Übung aus dem Veränderungscoaching, die dich darin unterstützen kann.)
  • Wir alle machen Fehler oder sind anstrengend für andere. Vielleicht gelingt es dir ja, den Menschen so anzunehmen, wie er*sie ist?
  • Entscheide aufgrund dieser Fragen bewusst, ob du die Person, um deren Verhalten es geht, kritisieren willst oder nicht.

Tipp 2: Niemals ungefragt

Bitte kritisiere niemals ungefragt. NEVER! Frage dein Gegenüber, ob er*sie etwas hören möchte zu seinem*ihrem Gesprächsverhalten/Vortrag/Geschäftsgebaren/Webauftritt etc. Sage der Person, dass du ihm*ihr gern was mitteilen würdest und frage, ob das erwünscht ist.

Warum? Du weißt nie, auf welchem Fuß du einen Menschen erwischst, wie selbstsicher oder verunsichert, entspannt oder geladen, zufrieden oder unglücklich, aufnahmebereit oder „abgefüllt“ die Person gerade ist. Und du weißt – zumindest in Beziehungen, die nicht sehr nah sind –  nicht, ob die Person eine Kritik von dir überhaupt hören will. Ein einfaches „Du, ich würde dir gern eine Rückmeldung geben zu dem Treffen gestern – passt es dir gerade?“ schafft Klarheit.

Eine Kritik, die du jemandem ungefragt mitteilst, kann wie eine Ohrfeige sein, die aus heiterem Himmel auf ihn*sie herabsaust. Wir reden so gern über Achtsamkeit mit anderen – hier ist sie wirklich angebracht!

Übrigens: das gilt im Grunde – natürlich je nach Art und Tiefe der Beziehung – für jedes Feedback, also auch für solche Rückmeldungen, die du positiv findest. Auch wenn das im ersten Moment vielleicht übertrieben klingt: du weißt nie, was du mit einem Feedback auslöst. Fast alle kennen sowas: du bekommst ungefragt ein Kompliment über dein Aussehen, bist aber selbst gerade total unzufrieden damit. Du hast vielleicht in der Früh mit deinen Haaren gekämpft, fühlst dich wegen Stress-Speck unwohl in deiner Haut oder hast das Gefühl, am Morgen von irgendeiner fremden Existenz angezogen worden zu sein. In so einer Situation kann dich das Kompliment aus deinem Unglück retten oder tiefer hineinstürzen. Das hängt von dir ab, wie du grundsätzlich tickst und wie’s dir momentan geht.

Tipp 3: Den Rahmen gestalten

Mach dir bewusst, in welcher Art Beziehung zu deinem Gegenüber du stehst (beruflich-funktional/privat, vertraut/wenig bekannt, hierarchisch/ebenbürtig…) und welches Ziel du mit der Kritik verfolgst. Und davon abhängig gestaltest du die Situation so, dass ihr beide möglichst entspannt seid. Klar ist, dass du in einem beruflichen Setting nur unter vier Augen kritisierst. Klar ist auch, dass du für diese kurze Zeit das Handy stumm schaltest. Und es hat eine Wirkung, ob das Gespräch in der leeren Kantine, in deinem Büro oder dem der anderen Person oder draußen an der frischen Luft stattfindet.

Tipp 4: Weniger ist mehr

Wie in nahezu allen Bereichen der Kommunikation gilt auch beim Kritisieren: weniger ist mehr! Heißt: beschränke dich in deiner Kritik auf nur einen Kritikpunkt, selbst dann, wenn du lieber gleich mehrere Dinge ansprechen würdest. Beim Kritisieren ist wichtig, nicht alles abzuladen, was du in der letzten Zeit (den letzten Jahren?) angesammelt hast. Statt dessen beziehe dich auf eine einzige konkrete Situation und ein bestimmtes Verhalten, um das es dir geht. Mehr nicht. Mehr wäre vielleicht eine Überforderung, die dazu führt, dass einzelne Punkte untergehen.

Weniger ist mehr meint hier auch: mach nicht viele Worte. Es reicht, das, was du sagen willst, einmal zu sagen, kar und deutlich. Fertig. Langes Drumherumgeeiere ist unnötig und kann, entgegen der damit oft verbundenen Absicht, die Angst deines Gegenübers verstärken. Denn wir haben in der Regel ein gutes Gespür dafür, wann etwas Unangenehmes auf uns zukommt. Und je länger du brauchst, um zum Punkt zu kommen, desto länger hat dein Gegenüber Zeit, die Nachtigall trappsen zu hören.

Tipp 5: Ehrlich sein

Auch das klingt einfach. Findet jedoch sehr oft nicht statt.

Zum einen haben wir oft die – an sich ganz hilfreiche – Empfehlung „Sag auch was Positives“ im Ohr. Und versuchen dann krampfhaft, irgendetwas, das wir für positiv halten, um unsere Kritik herumzuwickeln. Kritik in Positiv-Watte gepackt sozusagen. Die Folge: entweder glaubt unser Gegenüber uns dieses „Positive“ schlicht nicht. Oder die Kritik geht vor lauter Heile-Welt-Gesäusele völlig unter. Das ist der Effekt der leider beliebten „Sandwich-Methode“.

Wenn wir einen Menschen kritisieren, sind wir oft entweder so aufgeregt oder so genervt, dass uns einfach nichts Nettes einfällt. Wenn es dir so geht, dann sag einfach nur deine Kritik. Das positive Feedback fällt dir wahrscheinlich dann ein, wenn du deine Kritik losgeworden bist. Die Erleichterung macht’s möglich.

Ehrlich sein bedeutet auch, die Dinge beim Namen zu nennen. Zu sagen, was dein Störgefühl auslöst. Und nicht, wie es in meiner eigenen Berufszunft leider verbreitet ist, „pädagogisch wertvoll“ das Negative in etwas Positives umzuwandeln. Wenn du also die Unordnung deiner Bürokollegin beim besten Willen nicht als ein „intereessantes Ordnungssystem“ empfindest, dann nenne es bitte auch nicht so!

Tipp 6: Über dich reden

Immer wieder in meinen Trainings zeigt sich, dass das für manch eine*n eine kleine Denkherausforderung darstellt… Wie? Um mich soll’s gehen? Ich dachte, ich sage dem*der anderen, was sie*er falsch gemacht hat und was sie*er ändern sollte?! Eben nicht!

Es geht um dich und dein Störgefühl. Nichts anderes. Du beschreibst, was DU erlebst, empfindest, denkst in einer bestimmten Situation mit der anderen Person. Und damit hört das Feedback auch schon auf. Rat-Schläge gehören nicht ins Feedback.

Was sehr wohl dazugehört: DEINE Maßstäbe, an denen du ein Verhalten misst, DEINE Kriterien, Werte, Leitlinien, mit denen du durch die Welt gehst und die dazu führen, dass DU dich von diesem oder jenem Verhalten gestört fühlst in deiner Balance.

Konkret heißt das: du verwendest das Wort „ich“ (z. B. Ich kann damit schlecht umgehen, wenn…) an Stelle von „man“ oder „du“ (z. B. Das tut man einfach nicht. Oder: Du bist mal wieder dies oder das.). Und du erklärst, wie du zu diesem Eindruck/Empfinden/Einschätzung gelangst (z. B. Ich komme damit nicht klar, weil mir wichtig ist, effizient zu arbeiten. Und deine Art, xy zu tun, empfinde ich als kompliziert…).

Dieses Vorgehen erfüllt eine wichtige Funktion. Nämlich die, deinem Gegenüber den Raum zu lassen, für sich selbst zu entscheiden, was er*sie mit deiner Kritik anfangen will. Und Raum entsteht dadurch, dass du deinem Gegenüber nichts überstülpst sondern eben nur von dir erzählst.

Tipp 7: Zwischen Wahrnehmung, Bewertung und Gefühl unterscheiden

Dieser Tipp bildet das Herzstück jedes Feedbacks und gehört eher schon zur König*innendisziplin beim Kritisieren. Will heißen: lass dir Zeit, das zu üben und gräme dich nicht, wenn’s erstmal nicht gelingt.

Im Artikel „Raus aus der Bewertung – rein ins Glück“ habe ich mal beschrieben, was alles in uns passiert, wenn – oder genauer: bevor – wir auf etwas reagieren. Nehmen wir das Beispiel mit der „chaotischen“ Bürokollegin:

1. Was nimmst du wahr? Einen Schreibtisch, auf dem viele Unterlagen gestapelt sind und durcheinanderliegen. Die Kollegin verbringt eine Menge Zeit mit dem Suchen von Unterlagen. Sie verpasst Termine. Sie fragt dich, wann/wo/wie sie etwas abgelegt oder vereinbart hat. Oder anderes.

2. Was machst du damit, wie bewertest du das, was du wahrnimmst? Du findest, der Schreibtisch der Kollegin ist eine optische Zumutung. Du findest sie chaotisch und glaubst, sie sei unfähig, sinnvoll zu planen und Ordnung zu halten. Du hältst ihr Verhalten für ineffizient und latent geschäftsschädigend. Du findest, sie könnte sich wirklich mal ein System überlegen, das auch ohne dich funktioniert. Oder anderes.

3. Wie geht es dir mit dem, was du da bewertest? Du fühlst dich ausgenutzt und/oder in einer unfreiwilligen Retter*innen-Rolle. Du magst morgens gar nicht ins Büro gehen, weil du als Ästhetik-Freund*in Unordnung nicht erträgst. Du fühlst dich in einer Zwickmühle, weil du dich loyal gegenüber deiner Kollegin aber auch gegenüber euren Kund*innen fühlst. Oder anderes.

In Verbindung mit dem ersten Tipp überlegst du dir nun, was davon du deiner Kollegin in welcher Form mitteilen willst. Auf jeden Fall unterscheide beim Kritisieren deutlich, was deine Wahrnehmung, deine Bewertung und dein Gefühl ist. Auch das hat den Effekt, dass dein Gegenüber sich frei fühlen kann, wie er*sie mit deiner Kritik umgehen will. Denn du redest ja über DEINE Angelegenheiten und nicht ÜBER SIE*IHN. Die Chance, dass auf diese Weise ein konstruktives Problemlösungsgespräch entsteht, ist erfahrungsgemäß sehr hoch. Und davon profitiert ihr dann beide!

Tipp 8: Vergiss alle Tipps

Das Wichtigste zum Schluss: manchmal ist ein direktes, spontanes „Mensch, Martina, kannst du nicht einfach mal deine Termine selber auf’m Schirm haben?!“ sehr viel effektiver als ein nach allen Regeln der Kunst geäußertes Feedback :)

Sonderfall

Falls du als Anleitende*r kritisieren willst oder musst, weil es deine Aufgabe als Ausbilder*in, Lehrende oder Führungskraft erfordert, kannst du diese Tipps genauso anwenden wie alle. Wichtig ist dabei, dass du deine Kritik um einen „objektiven“ Teil ergänzt, also das, was dein Gegenüber aus deiner fachlichen Perspektive betrachtet falsch macht. Und im Idealfall erarbeitet ihr gemeinsam eine funktionierende Lösung.

Wenn du Fragen hast: wie immer gerne!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.