Die Argumentationstaktiken der Gleichstellungsgegner*innen: jenseits aller Fakten! #ehefueralle #feminism #vielfalt

Die Entscheidung in Irland für die Öffnung der traditionellen Ehe für Lesben und Schwule hat bei uns die Diskussion um die Ehe für alle neu entfacht. Diese Debatte fügt sich geschmeidig ein in die seit vielen Monaten zunehmende Auseinandersetzung mit Menschenrechten und Gleichstellungsfragen, insbesondere von Frauen, Männern und LSBTI. Meine Haltung dazu ist kein Geheimnis und du siehst mich eher ratlos staunen über die Ansichten der Gleichstellungsgegner*innen. Und darüber, dass sie wirklich zu glauben scheinen, was sie da in hochemotionaler, oft kriegerischer Sprache und mit geschickten Argumentationstaktiken an irregeleiteten Thesen in die Welt rufen.

Einige ihrer Argumentationstechniken will ich mit diesem Beitrag entlarven, um diejenigen zu unterstützen, die sich unermüdlich auf die Diskussion mit den Gleichstellnungsgegner*innen einlassen. Als Gleichstellungsgegner*innen (im Folgenden nur noch „GG*“) bezeichne ich alle diejenigen, die sich der antifeministischen, antiemanzipatorischen und homophoben Bewegung zugehörig fühlen und sich im Gefolge einzelner Akteur*innen wie Beatrix von Storch, Hedwig von Beverfoerde oder Birgit Kelle in Zusammenschlüssen wie der „Initiative Familienschutz“, den sogenannten Besorgten Eltern, den DemosFürAlle oder Pegida engagieren. Mehr zu den Verbindungen der GG* findest du z. B. im Artikel „‚Demo für Alle‘ gegen alles ‚Andere‘: Frauen in Führungsrollen“ von Sina Doughan von der Fachstelle für Gender und Rechtsextremismus.

Und ganz nebenbei lernst du ein bisschen was über Argumentationstechniken und wie du ihnen begegnen kannst. In der folgenden Strukturierung und Benennung der Techniken lehne ich mich an ein Buch von Dieter-W. und Waltraud Allhoff an, seit über 20 Jahren meine „Rhetorik-Bibel“.

Also: welche Argumentationsstrategien gibt es und welche davon wenden die GG* an? Grundsätzlich kannst du beim Argumentieren fünf Mittel einsetzen:

  1. Plausibilität
  2. Moral
  3. Emotion
  4. Taktik
  5. Fakten

1. Plausibilitäts-Argumentation

Hier findest du Techniken, mit denen versucht wird, durch „subjektive Erfahrungen“ und „einleuchtende Selbstverständlichkeiten“ zu überzeugen. Diese Argumentationsmuster sind oft nicht einfach zu knacken, eben weil sie so plausibel erscheinen.

Evidenz-Suggestion

Eine Behauptung oder Meinung wird als allgemeingültige Selbstverständlichkeit dargestellt, z. B. durch Berufung auf allgemeine Erfahrungen, unreflektierte Gewissheiten, scheinbare Mehrheitsmeinungen oder Naturgegebenheiten. Beispiele der GG*:

„Homo-Paare können keine Kinder haben.“

Fakt ist: Viele lesbische und schwule Paare haben Kinder. Aus anderen Beziehungen, aus (Sukzessiv-)Adoptionen, über reproduktionsmedizinische Mittel.

„Die Eheöffnung wertet die traditionelle Ehe ab.“ oder
„Ungleiches kann nicht gleich gemacht/behandelt werden.“

Dahinter steckt der Versuch, die eheliche Verbindung von Lesben und Schwulen als Sonderfall zu deklarieren, die Homo-Ehe eben. Wie die Umdeutung von gleichen Rechten als „Sonderrechte“ als Strategie eingesetzt wird, um Pfründe und Machtansprüche zu schützen, analysiert die Verfassungsrechtlerin Dr. Anna Katharina Mangold eindrücklich in ihrem Artikel „Gleiche Rechte als Sonderrechte?“. Inzwischen hat zum Beispiel die Tagesschau weise entschieden, nicht mehr von der „Homo-Ehe“ zu sprechen sondern von der „Ehe für alle“.

Zustimmungskette

Durch die Aneinanderreihung von einleuchtenden Behauptungen, die weder belegt sind noch mit dem Thema zu tun haben, wird versucht, die Zustimmung zu nachfolgenden Argumenten zu erhalten. Beispiel der GG*:

„Alle Mütter wissen: Kinder sind beeinflussbar.“

Ja, das sind sie. Aus allen Richtungen. Deshalb ist es wichtig, Kinder altersgerecht in ihrem Urteilsvermögen und in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie selbständig entscheiden können, was für sie richtig ist.

Außerdem steckt hinter dieser Aussage der vorsintflutliche Irrglaube, man könne Kinder schwul oder lesbisch „machen“. Wissenschaftlich widerlegt.

Extrem-Alternativen/Übertreibung

Das Argument der anderen Seite wird als völlig absurd dargestellt, indem so extreme Alternativen oder Folgeerscheinungen konstruiert werden, dass der eigene Vorschlag wie die einzig denkbare Option wirkt. Beispiele der GG*:

„Wenn wir Schwule und Lesben in der Ehe gleichstellen, können wir auch gleich Sodomie und Pädophilie unter den Schutz des Staates stellen.“ oder
„Deutschland wird aussterben wenn wir die Ehe öffnen.“ oder
„Die Öffnung der Ehe öffnet der Polygamie Tür und Tor.“ oder
„Die Gender-Ideologie will Mann und Frau abschaffen.“

Abgesehen davon, dass diese Behauptungen das Fehlen von Fachkenntnis belegen (das eine hat jeweils mit dem anderen rein gar nichts zu tun), wird hier versucht, ein Horrorszenario als Folge der Eheöffnung darzustellen, das ja wirklich niemand wollen kann.

Theorie-Praxis-Vergleich/Einzelfalltechnik

Hier werden die Ebenen gegeneinander verschoben: entweder wird der eigene Erfahrungshorizont zum Maßstab für Wahrheit erklärt, indem eine allgemeingültige Aussage/These durch ein oder mehrere Beispiele aus der Praxis scheinbar wiederlegt werden. Oder umgekehrt: ein konkretes Beispiel soll durch Behauptungen über Theorie/Allgemeinheit entkräftet werden. Beispiele der GG*:

„Also meine Kinder wollten mit 6 Jahren noch nichts über Sex wissen!“ oder
„Das mag an Ihrer Schule so sein. Aber schauen Sie sich doch an, wie die Schulen in Deutschland aussehen.“

Mit gleicher Taktik könnte ich behaupten, dass in Deutschland immer die Sonne scheint (weil sie das ja heute tut). Oder dass es immer regnet und der heutige Sonnentag nur eine Ausnahme ist.

2. Moralische Argumentation

Wer so argumentiert, vermischt Fakten mit moralisch-ethischen Grundsätzen, z. B. durch die Berufung auf höhere Werte oder eine (nach eigenem Gusto definierte) Angemessenheit. Dadurch erscheint jeder Versuch einer Widerlegung als Beweis für mangelnde Moral. Ein geschickter Schachzug, um die Gegenseite abzuwerten, auszuschließen (z. B. aus der Gemeinschaft der christlichen oder fairen oder anständigen Menschen) und als moralisch unhaltbar hinzustellen. Beispiele der GG*:

„Es ist unsere moralische Verpflichtung, unsere Kinder zu schützen!“

Natürlich! Und genau deshalb müssen wir unsere Kinder in ihrer Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit stärken und sie umfassend und wertfrei über die Vielfalt an Lebensentwürfen und Identitäten informieren. Damit alle geschützt sind vor Diskriminierung.

„Nur die Ehe zwischen Mann und Frau entspricht christlichen Werten!“

Und was ist mit der Säkularisierung? Was hat Kirche in politischen Entscheidungen verloren?

3. Emotionale Argumentation

Ängste und andere Emotionen bei den Empfänger*innen anzusprechen, ist eine höchst wirksame Argumentationsstrategie. Das Denken wird quasi ausgeschaltet und wir reagieren nur noch emotional und angstgeleitet, was nur in Gefahrensituationen sinnvoll ist. Sehr effektiv sind auch der Aufbau eines gemeinsamen Feindbildes und der Appell an die Solidarität in einer Argumentation. Beispiele der GG*:

„Die Homolobby versucht mit allen Mitteln, uns zu unterdrücken. Solidarisieren wir uns!“ oder
„Der Meinungsterror der Homolobby darf uns nicht zum Schweigen bringen!“ oder
„Wie sollen sich unsere kleinen Kinder denn wehren können gegen diese Gefahr der Frühsexualisierung, wenn wir sie nicht schützen?“ oder
„Die Genderforschung unterwandert systematisch unsere gesamte Wissenschaft.“

Was soll man dazu noch sagen? Richtigstellung: es existiert keine Homolobby. Gerade deswegen schließen sich Vielfalts-freundliche Menschen zusammen und setzen sich für die Menschenrechte von LSBTI ein. Gäbe es eine Lobby, müssten sich z. B. schwule und lesbische Prominente (und nicht nur sie) ihr Coming Out nicht wohl überlegen. Es gibt auch keinen Meinungsterror der Vielfalts-Freund*innen, wohl aber eine Meinungsäußerung. Genauso gut könnte man die GG des Meinungsterrors bezichtigen. Kinder beginnen bereits im Kindergartenalter ganz von selbst, sich und ihre Sexualität zu entdecken und sich dafür zu interessieren. Um sie bestmöglich vor den Gefahren der Welt (Pornographie, Internet, Gewalt) zu schützen, sollten sie so früh wie möglich aufgeklärt werden. Und die Genderforschung macht gerade mal 0,4% der Lehrstühle an den deutschen Universitäten aus. Soviel zur Massenverschwörung.

4. Taktische Argumentation

Hierzu zählen verschiedene Strategien, die rein taktischer Natur sind. Beispiele: Verschieben der Beweislast, Bestreiten der Ausgangslage, systematische Wiederholungen, unvollständiges Zitieren, Andeutungen. Und die folgenden:

Falschbehauptung

Behauptungen, die längst wissenschaftlich widerlegt sind, werden nach wie vor angeführt. Aus Ignoranz gegenüber neuen Erkenntnissen oder in Ausnutzung der Uninformiertheit von Menschen. Beispiel der GG*:

„Gott hat uns als Mann und Frau geschaffen.“

Im oben verlinkten Artikel von Dr. Mangold ist schön beschrieben und belegt, dass diese Aussage falsch ist.

Scheinzustimmung/Ja-Aber-Technik

Sehr beliebt. Zustimmung signalisieren, die im Nebensatz wieder aufgehoben wird. Beispiel der GG*:

„Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber deshalb müssen die ja nicht gleich heiraten dürfen.“

Heißt: Schwule (und Lesben) solen nicht heiraten dürfen. Warum eigentlich nicht? Im Web kursieren etliche „statistische“ Schaubilder dazu, was passieren wird, wenn die Ehe für alle eingeführt wird. Das Ergebnis unisono: nichts wird passieren. Weder geht die Welt oder Deutschland oder Bayern unter, noch werden alle Menschen schwul oder lesbisch, noch wird eine Zunahme von Naturkatastrophen auf uns zukommen.

Schwarz-Weiß-Taktik

Ähnlich beliebt: die Begrenzung unserer Vorstellungskraft auf lediglich zwei sich gegenüber liegende Alternativen. Entweder schwarz oder weiß, ohne Platz für Grautöne. Beispiel der GG*:

Der Hashtag #EhebleibtEhe suggeriert, dass es nur eine einzige „wahre“ Ehe geben kann: die traditionelle. Daneben darf es höchstens eine Mini-Ehe für LSBTI geben. Wenn die traditionelle Ehe nun geöffnet wird, wird sie vernichtet, ihrer Bedeutung beraubt. Was in dieser Denke nicht zu existieren scheint, ist das einfachste von allem, nämlich dass beides gleichzeitig möglich ist: die Ehe zwischen Mann und Frau und die zwischen Frau und Frau bzw. Mann und Mann.

Verdrehung von Tatsachen

Mit dieser Taktik wird versucht, die Tatsachen zu negieren und die eigene Behauptung als Wahrheit erscheinen zu lassen. Diese Taktik ist manchmal schwierig zu knacken.

„Ich darf ja wohl meine Meinung sagen, ohne gleich homophob genannt zu werden. Wir sind ein freies Land!“

Ja, wir freuen uns hierzulande über das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht gilt allerdings für alle. Volker Beck sagte das so schön in dem Video zum Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion vom 9. Mai 2015 „Wer will die Uhr zurückdrehen? Strategien gegen Anti-Feminismus und Homophobie“: „Sie (die GG*) dürfen ihren Unsinn sagen. Und wir sagen ihnen, dass es Unsinn ist.“ ;)

Viktiminierungs-Technik

Eine perfide Taktik, die ebenfalls die Tatsachen verdreht. Sie zielt darauf ab, die eigene Gruppe als marginalisierte Minderheit oder als Opfer der Gegenseite darzustellen. Beispiel der GG*:

„Wenn man ‚als Manderl auf a Weiberl steht‘ (Andreas Gabalier), muss man sich heutzutage ja schon rechtfertigen.“

Ja, du armes Tofuwürstchen, komm, ich tröste dich.

Ablenkung

Hier wird versucht, durch Gegenfragen, Verschiebung auf andere Themen oder auf die Person der Gegenseite vom Thema abzulenken. Viele Beispiele von oben haben diesen Effekt, indem auf die Moral, den Einzelfall, das Feindbild abgelenkt wird. Beispiel der GG* für die Ablenkung hin zur Person:

„Ich verstehe, dass das schwierig ist für Sie, wenn Sie als lesbische Frau nicht heiraten können. Würden Sie überhaupt heiraten wollen?“

Zurück zum Thema: nennen Sie mir bitte nochmal ihr wichtigestes Sachargument gegen die Eheöffnung.

5. Faktische Argumentation

Wer mit Fakten argumentiert, führt Belege, Zahlen, Studien, Statistiken an und beruft sich auf Gesetze und die Logik. Beispiele der GG*:

Keine.

Diskutieren mit Kontrahent*innen, die jenseits aller Fakten argumentieren

Wie kannst du in einer Diskussion mit GG* bestehen, in der vor allem mit emotionalen, moralischen, taktischen und Plausibilitäts-Argumentationen gearbeitet wird?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die je nach Argumentationstechnik und abhängig von deiner Persönlichkeit, deinen Zielen und deinem momentanen persönlichen Energiezustand sinnvoll sein können. Ganz grundsätzlich gilt:

1. Erkennen

Hör dir die Argumente deiner Kontrahent*innen an und übe dich darin, die Techniken zu erkennen und die Strategie zu durchschauen. Dieser Beitrag möge dir dabei eine kleine Hilfe sein. Mach dir bewusst, dass die meisten Techniken nichts zur Sachdiskussion beitragen sondern lediglich auf Machtgewinn und Abwertung des Gegenübers abzielen.

2. Offenlegen

Viele Strategien, vor allem, je unfairer und unsachlicher sie sind, kannst du entkräften, indem du sie als das entlarvst, was sie sind. Wenn du deinem Gegenüber direkt sagst, dass er*sie gerade die Fakten verdreht, vom Thema ablenkt oder mit der Ja-Aber-Technik seine*ihre Zustimmung Lügen straft, erreichst du nach und nach, dass die Zuhörenden das Machtspiel durchschauen und eher bereit oder fähig sind, deiner (hoffentlich) faktischen Argumentation zu folgen.

3. Nachfragen

Detailliertes und beharrliches Nachfragen hat sehr oft den Effekt, dass ganz schnell klar wird, wer Sachargumente anführen kann und wer nur „heiße Luft“ produziert. „Welche christlichen Werte meinen Sie genau?“ „Was würde denn Ihrer Meinung nach passieren, wenn die Ehe für alle eingeführt wäre?“ „Wie kommen Sie darauf, dass die Ehe für alle die Polygamie fördert?“ „Was genau meinen Sie mit ‚Homolobby‘?“ usw.

 

Fragen? Gerne!

Viel Erfolg beim Argumentieren!

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

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Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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