Denken hilft! #refugeeswelcome #mundaufmachen

Samstag Morgen um 6 Uhr in Höslwang. Während die Tiere frühstücken und sich für erste Abenteuer bereit machen, werfe ich einen Blick in die Tagesschau App. Und beschließe, dass ich heute bloggen muss.

Für dieses Wochenende werden in Deutschland 40.000 Geflüchtete erwartet. Die CSU kritisiert die Entscheidung von Angela Merkel, die Menschen, die in Ungarn festgehalten wurden, unregistriert nach Deutschland reisen zu lassen, und spinnt Geschichten über „Flaschen, die nicht wieder zuzukriegen sind“ (Horst Seehofer), redet von einer „beispiellosen politischen Fehlentscheidung“ mit „verheerenden Spätfolgen“ (Hans-Peter Friedrich) und geht in Schulterschluss mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban (Herr Seehofer will ihn zur Klausur der CSU-Landtagsfraktion einladen!). Und es werden Maßnahmen zum „Schutz“ der EU-Außengrenzen (wovor eigentlich genau?!) und eine europäische Verteilungsquote gefordert, über die Islamisierung der christlichen Welt und eine uneinschätzbare Zahl von IS-Kämpfern schwadroniert, die angeblich mit den Geflüchteten unerkannt einreisen (Herr Friedrich).

Ängste schüren, ein Bewusstsein von „Wir sind arme Opfer dieses unkontrollierbaren, plötzlich-über-uns-hereinbrechenden Flüchtlingsstroms“ stärken (zur Wortwahl gleich noch mehr!), rechtes Gedankengut bedienen und Menschen verachten.

Das und die tätliche oder verbale Brandstiftung gegen Menschen, die sich zu uns retten, ist es, was mir Angst macht. Nicht die Geflüchteten.

Danke an alle, die sich dem Hass entgegenstellen und verbal oder tätlich die Geflüchteten unterstützen.

Und danke an Claudia Roth, die es mal wieder auf den Punkt bringt, wenn sie zu Verteilungsquote sagt: „Menschen sind keine Gepäckstücke, die man einfach zuordnet nach diversen Himmelsrichtungen“.

Über die Macht der Worte

Was transportieren wir, wenn wir von „Flüchtlingsstrom/-welle“ oder „Flüchtlingskrise“ reden?

Der „Strom“ und die „Welle“, auch der „Zustrom“, kreieren ein Bild von reißenden Fluten, die jede_n einzelne_n mit sich nehmen und verschlingen. Von Chaos und Tod und der Angst, keine Kontrolle mehr über das eigene Leben zu haben. Und wer ist der Übeltäter? Genau: die „Flüchtlinge“.

Das Gleiche beinhaltet die „Krise“, nur ohne das emotional wirksame Bild: die „Flüchtlinge“ werfen uns in eine Krise. Wir können nichts tun, sind ausgeliefert und Opfer eines Phänomens, das von außen und ganz ohne unser Zutun über uns hereinbricht. Ursache für diese Krise sind: die „Flüchtlinge“.

Nichts davon ist wahr, das Opfertum nicht, das Wehrlose nicht, das Überraschende nicht. Schon gar nicht die Schuldzuweisung. Aber eine Krise will halt niemand haben. Ganz egal, welchen Nutzen sie hat (und das haben Krisen normalerweise immer!).

Deshalb schlage ich vor, das Wort „Fluchtsituation“ zu benutzen.

„Flüchtling“ – wer bist du?

Ein Wort mit „-ling“-Anhang für Menschen zu benutzen, finde ich aus mehreren Gründen sehr unpassend.

1. Die Wertung

Welche „-ling“-Begriffe fallen dir ein? Ich denke da an Däumling, Hänfling, Schädling, Schönling, Häftling, Haarling (das ist ein Hautparasit), Günstling, Schwächling.

Merkst du was? Keines davon klingt sympathisch oder so, dass du dich freust, ihm zu begegnen. Ganz zu schweigen davon, ein solches Wesen zu sein!

Ein bisschen anders ist der „Schützling“. Der sagt immerhin aus, dass da ein Wesen Schutz braucht. Für die „Flüchtlinge“ sehr zutreffend! Aber mal ehrlich: bist du gern angewiesen darauf, von anderen beschützt zu werden? Und fühlst du dich wohl damit, als passives, wehrloses Etwas dargestellt zu werden? Die Menschen, die alles zurücklassen, um ihr Leben vor Krieg, Armut, Diskiminierung, Verfolgung zu retten, sind alles andere als passiv. Es braucht jede Menge Mut, Entschlossenheit, Tatkraft, Organisations- und Improvisationstalent, Durchhaltevermögen, (Über-)Lebenswillen und mehr dazu, eine Flucht durchzustehen.

2. Die Größe

Der Anhang „-ling“ macht eine Sache oder ein Lebewesen klein. Manchmal sind es tatsächlich kleine Wesen (der Haarling zum Beispiel oder der Däumling aus dem Märchen). Wenn das nicht der Fall ist, machen wir das, was wir nicht mögen, kleiner als es ist. Den Schönling zum Beispiel (der bloß nicht so angeben soll mit seinem Aussehen!).

3. Das Ding

Wenn wir ein Wort mit „-ling“ hören, denken wir selten an einen Menschen mit Gefühlen, Bedürfnissen und Rechten. Eher an eine Sache, ein Etwas, ein Ding. Auch wenn der Begriff männlich ist: ein „-ling“ ist irgend ein seltsames, passives oder unbeliebtes Wesen.

4. Die Frauen

Wie gesagt: das Wort „Flüchtling“ ist im Deutschen ein männliches Wort: „Der Flüchtling“. Diese Tatsache bringt Menschen, die ein Interesse daran haben, auch Frauen sprachlich sichtbar zu machen, dazu, Begriffe zu konstruieren wie „Flüchtlingsfrauen“. Hilfe! Was ist denn das?

Wenn wir das Wort Frauen als Anhang benutzen, meinen wir genau das: eine Frau, die ein Anhängsel ist an einem – in der Regel angesehenen – Mann. Wird zum Glück nur noch selten angewendet, ist aber immer noch zu hören. Die Arztfrauen oder, was mich mal echt schockiert hat: die Unternehmerfrauen (damit waren allerdings die Unternehmerinnen selbst gemeint!). Uaah… da huddert’s mich.

Wenn aber „Flüchtlingsfrau“ nicht geht, was bleibt? Welche Bezeichnung ist treffend und geschlechtsneutral?

Zum Vorschlag, den Begriff „Vertriebene“ zu nutzen, hat Anatol Stefanowitsch sich bereits geäußert. Spannend ist außerdem der kurze Aufschrei, der in dieser Diskussion durch die Presse ging. Darüber, wer denn nun die wirklichen Vertriebenen sind und vor allem: waren.

Mein Favorit ist der Begriff „Geflüchtete“. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass wir Menschen meinen, die etwas auf sich genommen haben und aktiv geworden sind. Die etwas hinter sich gelassen – verloren – haben. Und wir können damit Frauen und Männer gleichermaßen meinen. Wenn eine Unterscheidung notwendig ist, zum Beispiel in der Frage, in welcher besonderen Situation sich die Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften und Notlagern wiederfinden, sagen wir einfach „geflüchtete Frauen“ oder „weibliche Geflüchtete“. Das funktioniert auch für „lesbische/schwule Geflüchtete“, die ebenfalls in einer besonderen Situation sind.

So geht’s ganz einfach, oder?

Einen doppelten Perspektivenwechsel, bitte!

Wenn wir uns der unveränderlichen Tatsache stellen, dass in der nächsten Zeit weiterhin Menschen nach Europa und nach Deutschland fliehen werden, müssen wir aus meiner Sicht schleunigst die Perspektiven wechseln. In mindestens zweifacher Hinsicht:

Von der Angst zur Vielfalt

Mit unseren Ängsten ist das so eine Sache. Sie entwerfen Szenarien, die uns dazu bewegen sollen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen. Manchmal sind unsere Ängste ein geniales Frühwarnsystem, das uns das Leben retten kann. Und manchmal machen sich unsere Ängste nur deshalb so groß, weil sie dafür sorgen wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn Veränderung ist nichts, worauf sich unser Ego freut.

Wenn wir gesund und konstruktiv mit unseren Ängsten umgehen, tun wir drei Dinge

1. Wir schauen uns unsere Ängste an und begreifen, was wir da tun, manchmal auch, warum wir etwas tun. Das hilft, die eigenen Anteile und die individuelle Verantwortung zu erkennen. Für die Situation und die eigenen Ängste.
2. Wir stellen und der Realität, betrachten Fakten und Tatsachen. Ganz nüchtern, wie das so mit Tatsachen eben ist.
3. Wir werden aktiv. In einer sinnvollen, menschenfreundlichen, gemeinschaftsverträglichen Weise. (Auch das Brandstiften kann verstanden werden als Versuch, mit Ängsten umzugehen. Ist allerdings nicht gesund, für keine_n.)

Deshalb ist neben der Klärung der akuten Wohnsituation der Geflüchteten vor allem die Frage wichtig:

Was können, was müssen wir als Gesellschaft tun, um den Menschen, die hier bleiben wollen und dürfen, die Chance zu geben, ein Teil unserer Gemeinschaft zu werden – mit allem, was dazugehört?

Manche nennen das Integration. Mit Integration verbinde ich aber Anpassung. Anpassung derjenigen, die dazukommen in die Gemeinschaft. Ein bisschen wie „Widerstand ist zwecklos – Sie werden assimiliert“, duweißtschon.

Es geht aber um mehr! Es geht mir – ganz im Sinne des Diversity Managements – darum, die Potentiale, die jeder Mensch/jede Menschengruppe einbringen kann, zu entdecken und zu nutzen. Nachhaltig. Das bedeutet, dass alle bereit sein müssen, sich zu verändern. Bestehendes zu hinterfragen, eigene Rassismen zu erkennen (im Diversity Management wird von „Unconscious Bias“ – unbewussten Vorurteilen geredet), gewohnte Denk- und Handlungsweisen zu überpüfen. Alle, diejenigen, die hier schon länger leben und diejenigen, die neu dazukommen. (Wer da jetzt Angst bekommt, möge nochmal bei der letzten Überschrift anfangen zu lesen.)

So kann ein Stück mehr Vielfalt in unsere Gesellschaft Einzug halten! Was für ein Glück!

Und wenn du jetzt findest, das klingt idealistisch, romantisch, verträumt: ja, auch ich mache mir Sorgen. Ich frage mich zum Beispiel: was wird die Tatsache, dass noch mehr Männer mit einem – so meine Vermutung – rigiden und begrenzenden Frauenbild hier mit uns leben werden, mit unserer Gesellschaft machen? Oder welche Wirkungen gehen davon aus, dass der Anteil der traumatisierten Menschen in unserer Gesellschaft drastisch ansteigt? Wie wird sich das Gefüge der Religionen/Kirchen entwickeln? Mein Umgang damit: kreativ sein und aktiv werden!

Vom Problem zum Nutzen

Ich bin keine Volkswirtin. Aber wenn ich eines weiß, dann das: die Geflüchteten stellen uns nur ganz kurzfristig vor ein (lösbares!) ökonomisches und logistisches Problem. Langfristig retten uns die Geflüchteten. Aus dem vielbeschworenen Fachkräftemangel, vor der Rentenmisere, vor der Überalterung unserer Gesellschaft, aus dem Pflegenotstand. Sie geben uns die Chance, unser veraltetes Bildungssystem zu überdenken. Und sie bringen unschätzbar viel Wissen und Können mit. Die meisten von ihnen brennen darauf, sich mit diesem Know-how einzubringen!

Wir müssen sie nur lassen!

Bitte, liebe Volkswirt_innen, Trendforschende, Zukunftsexpert_innen: meldet euch zu Wort und setzt eure Stimmen gegen die verbalen Brandstifter_innen!

Und allen, die den Mund aufmachen wollen, sei das 26 Regeln-Statement bei #bloggerfuerfluechtlinge ans Herz gelegt, deren Aktion ich mit diesem Beitrag unterstütze.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
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