6 Tipps für wirksames Argumentieren mit AfD und anderen Rechtspopulist_innen #Rhetorik

Wie soll mensch mit der AfD umgehen? Zum einen strategisch-politisch, argumentativ-inhaltlich zum anderen. Es ist bereits einiges dazu geschrieben worden. Die Beiträge im Kölner Stadtanzeiger und in der taz finden meine volle Zustimmung. Und vergangenen Sonntag hat Ursula von der Leyen in Anne Will’s Talkshow ein argumentatives Meisterstück im Umgang mit der AfD abgeliefert (ab Min. 28).

Im Gegensatz dazu gibt es ja auch einige kreative Beispiele für den Umgang mit der AfD, in denen die vermeintliche Dummheit ihrer Anhänger_innen betont wird. Davon halte ich wenig. Zum einen schürt das Aggression. Auf beiden Seiten. Zum anderen stimmt es einfach nicht. Es gibt sehr viele schlaue Leute im rechtspopulistischen Feld.

Deshalb ist eines klar aus meiner Sicht: wir müssen die Erfolge der AfD ernstnehmen, die Partei wachsam beobachten (nicht wie 1933 unterschätzen, zuschauen und dann überrascht sein) und uns ihr mit allen demokratischen Mitteln entgegenstellen. Ich halte es für unsere Pflicht, uns parteiübergreifend zu verbünden, um gemeinsam deutlich zu machen, wie menschenverachtend diese Partei tickt.

Nun aber zum Kern: der argumentativen Auseinandersetzung mit der AfD. Dazu brauchen wir zunächst eine Analyse des Gesprächsverhaltens ihrer Funktionär_innen und Anhänger_innen.

Welche Argumentationstechniken sind typisch für Vertreter_innen der AfD?

Im Artikel Die Argumentationstaktiken der Gleichstellungsgegner*innen: jenseits aller Fakten! habe ich anhand von Beispielen beschrieben, welche rhetorischen Techniken es gibt. Für die Vertreter_innen der AfD gilt das Gleiche wie für die im Artikel zitierten Gleichstellungsgegner_innen – diese beiden Gruppen haben ja auch eine hohe Schnittmenge.

Sie setzen moralische, emotionale, taktische und Plausibilitäts-Argumentationen ein: Ablenken (extrem häufig genutzt!), Übertreiben, Evidenz-Suggestion, Falschbehauptung, Verdrehung von Tatsachen, Viktimisierung, Schwarz-Weiß-Taktik, Eingehen auf Nebenaspekte und andere Techniken. Nur eine Argumentation nutzen sie nicht oder selten: Fakten.

Manche AfD-Funktionär_innen machen das rhetorisch ziemlich geschickt und führen ihr Gegenüber in einem hochfrequenten Schlagabtausch durch ihre (scheinbar?) wirren Gedankenverläufe, ohne jemals konkret zu werden. Das hinterlässt ein Gefühl von „Hä? Was war das jetzt?“. Einen Eindruck von nicht-so-recht-wissen, was sie gesagt haben, aber irgendwie war’s verworren, unlogisch, haarsträubend. Irgendwas stimmte nicht damit, es ist aber nicht zu greifen. Wie die Seife in der Dusche.

Das Fatale: im Außeneindruck, also bei den Zuschauenden, kann ein Bild entstehen von kompetenten AfDler_innen, die souverän den_die politische_n Gegner_in an die Wand argumentieren. Weil diese Gegner_innen nicht wirklich durchkommen mit den eigenen Argumenten. Ein vages Unbehagen bleibt. Oder Freude – je nach politischer Gesinnung.

Was also tun mit solchen Verhaltensweisen?

Die folgenden Tipps zielen darauf ab, souverän und einigermaßen gelassen in Diskussionen mit AfD-Vertreter_innen zu bestehen – egal ob sie auf der Straße, in Gesprächsrunden oder in Landtagen stattfinden – und gleichzeitig die Gesinnung und Substanzlosigkeit hinter den Worten für alle sichtbar zu machen.

1. Tempo rausnehmen

Studien zeigen, dass eine Person, die langsam spricht, eher das Vertrauen der Zuhörenden gewinnt, das Vertrauen in den Menschen hinter den Worten. Wohl gemerkt: nicht das Vertrauen in die inhaltliche Kompetenz. Diese Kompetenz wird eher denjenigen zugeschrieben, die schnell sprechen.

Frauke Petry zum Beispiel spricht sehr schnell und treibt durch Ablenkungsmanöver, Unterbrechungen und Einwürfe, während das Gegenüber spricht, das Tempo rasant in die Höhe. Wer mit ihr diskutiert und sich von ihrer Schnelligkeit beeindrucken lässt, kann kaum eigene Inhalte platzieren. Denn die werden sofort wieder verdreht, ignoriert oder als rhetorischer Aufhänger (nicht inhaltlich!) für eigene Thesen benutzt.

Wenn du merkst, dass du dich getrieben fühlst und versuchst, möglichst viel Input in kürzestmöglicher Zeit unterzubringen, halte an. Nimm dein Tempo zurück und das Tempo aus der Diskussion raus. Dazu kannst du die folgenden Tipps nutzen. Oder du formulierst das direkt: „Frau Petry, jetzt mal eins nach dem anderen: was sagt Ihre Partei zu Thema X?“ „Ok, nochmal zum Mitschreiben: Sie sagen also…“.

Das Entscheidende ist aber, dass du merkst, was du da tust, und darauf reagierst. Genau deshalb ist der nächste Punkt so wichtig:

2. Überblick behalten

Jedes Gespräch findet auf zwei Ebenen gleichzeitig statt: auf der Ebene der Inhalte und auf der Prozessebene. Gerade Menschen, die mit viel Herzblut ihre Werte und Visionen für ein gutes Leben für alle vertreten, neigen dazu, die Prozessebene zu vergessen. Und gerade die ist in schwierigen Diskussionen die wichtigere: Wo sind wir gerade? Worum geht es? Was war die Ausgangsfrage (von der ich mich gerade ablenken lasse)? Was ist die wirklich wichtige Frage? Was passiert hier? Welche Strategien werden eingesetzt? Was tut mein Gegenüber und welche Wirkung hat das auf mich? Und welche Wirkung hat das wohl auf die anderen Gesprächsteilnehmenden oder die Zuhörenden? Wie geht’s mir im Moment/mit diesem Menschen/mit diesem Thema? Wie agiert der_die Moderator_in? Was tut er_sie, um das Gespräch zu leiten? etc.

Diese Fragen solltest du in schwierigen Diskussionen mehr im Blick haben als die Inhalte. Wenn du vor lauter „Mir sind aber meine Inhalte so wichtig, die Menschen/die Frau von Storch muss doch begreifen…“ völlig übersiehst, dass dein Gegenüber überhaupt nicht an sachlicher Auseinandersetzung interessiert ist sondern ausschließlich an sprachlich konstruierter Machtverschiebung oder -demonstration, wirst du scheitern.

Lass also in solchen Situationen immer deine_n innere_n Moderator_in neben dir stehen und dir solche Prozessfragen soufflieren. Dazu brauchst du Übung, eine gute Konzentration und Nachsicht mit dir selbst, wenn es dir nur in 30% der Fälle gelingt. Die Antworten auf die Fragen deines_r Prozessmanagers_in machen dich handlungsfähig und ermöglichen dir, die folgenden Tipps einzusetzen.

3. Fragen stellen

„Wie meinen Sie das?“, „Was genau sagen Sie nochmal zu X?“ oder „Was heißt das konkret?“ dürften wohl die unbeliebtesten Fragen sein, die du AfD-Vertreter_innen stellen kannst. Denn genau das vermeiden sie ja: konkret zu werden. Es sei denn, es geht darum, auf flüchtende Frauen zu schießen. Aber daran sind ja dann rutschige Mäuse schuld. Also lieber doch nicht so konkret.

Der Effekt: während du dich entspannt (ok, einigermaßen entspannt angesichts der geäußerten Abstrusitäten) zurücklehnen kannst, muss dein Gegenüber arbeiten. Und du bekommst mehr Informationen, die du für deine eigene Argumentation verwenden kannst.

Zusätzlich erwartbares Ergebnis: je länger du AfDler_innen reden lässt, desto mehr verwickeln sie sich in Widersprüche oder offenbaren ihre Ahnungslosigkeit in einer bestimmten Sachfrage. Es kann auch passieren, dass sie eine Meinung plötzlich ohne die übliche Schönfärbung kundtun. Aber Vorsicht: je mehr Redezeit ein_e Gesprächsteilnehmer_in hat, desto mehr Status und Macht wird dieser Person zugeschrieben. Also rechtzeitig ausbremsen.

4. Benennen, was ist

Mit dieser hoch wirksamen Technik gelingt es, aufzudecken und für alle sichtbar zu machen, wie die AfD wirklich tickt. Voraussetzung dafür ist, dass du deine_n Prozess-Souffleur_in an der Seite hast (Tipp 2).

Du kannst zum einen auf der inhaltlichen Ebene benennen, was ist: „Und nochmal: Ihre Forderung, Alleinerziehenden die Leistungen zu verweigern, sind unmenschlich und unsolidarisch. Wo Sie doch immer behaupten, solidarisch mit den Menschen in Deutschland zu sein.“ Oder: „Sie haben ein Familienbild, das schon vor 20 Jahren völlig veraltet war.“ Oder: „Liebe Zuhörenden, diese Partei/Herr Höcke/Frau von Storch behauptet, die Interessen der Menschen zu vertreten – und will gleichzeitig heimlich still und leise die staatlich geregelte Unterstützung für arbeitslose Menschen reduzieren. Wie passt das zusammen?“

Oder benenne, was auf der Prozessebene passiert: „Frau Petry, Sie versuchen schon wieder, der Frage auszuweichen. Sagen Sie doch ganz konkret, was die AfD in diesem Punkt will!“ Oder, mit humoristischem Beigeschmack: „Sie wollen einfach nicht antworten auf meine Frage, nicht wahr?“ Oder: „Ihre Strategie, immer nur auf das Thema der Flüchtlinge auszuweichen, funktioniert nicht mit mir.“ Oder: „Bleiben Sie bitte beim Thema: wir sprechen gerade über XY – was sagt Ihr Parteiprogramm zu diesem Punkt?“

Wichtig ist: die Wiederholung macht’s. Immer und immer wieder die Strategien/Verhaltensweisen und die menschenverachtenden Inhalte benennen. So lange wiederholen, bis es auch der_die letzte der Zuhörenden wahrgenommen hat.

5. Gegenüberstellen

Eine Erweiterung des „Benennens, was ist“, ist das Gegenüberstellen der Positionen. Hier geht es nur um die Inhaltsebene. „Sie wollen also homosexuellen Paaren die Ehe verweigern, sie als Menschen 2. Klasse behandeln! Das ist mit uns nicht zu machen: wir stehen für die Rechte von Minderheiten ein.“ Oder: „Wenn es nach Ihnen geht, ist das Leben für Frauen wieder reduziert auf Kinder, Küche und Kirche. Frauen, die berufliche Ziele haben, werten Sie ab. Das ist mit unseren freiheitlichen, demokratischen Werten nicht vereinbar. Im 21. Jahrhundert dürfen Menschen selbst bestimmen, was für sie gut ist. Und zwar Männer und Frauen!“

Ein Gegenüberstellen auf der Prozessebene empfehle ich nicht. Solche Aussagen à la „Ich lasse Sie ausreden, also lassen Sie mich bitte auch ausreden!“ haben eher einen nachteiligen Effekt für den_die Sprechende_n. Denn was bleibt, ist ein Hauch von Jammern, Meckern, Opferhaltung. Definitiv nicht zu empfehlen!

Mit dem Gegenüberstellen von Inhalten kannst du immer wieder deutlich machen, wo die Unterschiede liegen. Was die Menschen sich aussuchen, wenn sie AfD wählen.

6. Zentrale Kritik wiederholen

Eine einfache Technik: wiederhole – gerne mantraartig – immer wieder aufs Neue und in jeder Situation, in der es dir geeignet scheint, deine zentralen Kritikpunkte. „Ihre Haltung ist undemokratisch“, „Sie sind unsozial“, „Was Sie wollen ist zutiefst ungerecht“ u.v.m.

Was immer wieder genannt wird, schleift sich ein bei den Zuhörenden. Und wenn du Glück hast und deine Sache gut machst, kreierst du womöglich ein Markenkennzeichen für die AfD, weil die Menschen irgendwann „ungerecht“ denken in Verbindung mit der AfD. Ganz wie bei Toyota, wo nichts unmöglich ist ;)

Viel Erfolg beim Anwenden! Und wie immer: frag gern nach.

Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unterstütze seit 1996 Menschen darin, ihre persönlichen, beruflichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themenfelder: Kommunikation | Konflikte | Ziele

Unternehmen und Organisationen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unternehmensprozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autorisierte Prozessberaterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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