Wie ticken wir eigentlich in einem Konflikt? Eine kleine Geschichte

Warum sind Konflikte eigentlich so… bäh? Warum will die keine/r? Warum rennen alle haare­fliegend davon, wenn das böse K-Wort in den Raum schwirrt? Ich weiß warum: Konflikte sind einfach furchtbar anstrengend! Ist so. Muss aber nicht sein.

Denn das, was Konflikte für uns so anstrengend macht, sind nicht die Konflikte.

Das sind wir selbst.

Unser Denken, unser Fühlen, unser Verhalten. Nichts anderes. Das gilt übrigens für zwischen­menschliche Konflikte genauso wie für innere Konflikte. Hier findest du dazu eine genauere Beschreibung.

Würdest du sagen, du bist deinem Denken, Fühlen und Handeln willenlos ausge­liefert? Hast keinen Einfluss darauf, was du wie denkst, fühlst und tust? Eben. Natürlich hast du Einfluss auf dich selbst. Nur geht uns dieses Wissen und Können innerhalb eines Konflikt­ge­schehens leider verloren. Wir glauben dann, wir könnten nicht anders. Wir glauben uns das, was wir denken und fühlen. Dabei ist unser Fühlen ja ein Resultat unseres Denkens. Das wir jederzeit verändern können. Auch in einem Konflikt.

Je weiter der aber fortschreitet, desto schwieriger wird das. Bis es irgendwann unmöglich scheint.

Jeder Konflikt hat eine Dynamik

Heute habe ich dir ein Modell mitge­bracht, das beschreibt, wie wir in einem Konflikt ticken. Das Modell hat Friedrich Glasl entwickelt, ein öster­rei­chischer Konflikt­forscher, auf dessen Erkenntnisse sich die Mediation, wie ich sie anwende, bezieht.

Glasl beschreibt in seinem Modell die sich sukzessiv verschärfende Dyna­mik innerhalb von Konflikten als stufenweise Eskalation. Er stellt die Eskalation als einen neunstufigen Abstieg zu immer tieferen und unmensch­li­cheren Formen der Ausein­an­der­setzung dar. Mit der Abwärts­be­wegung will er »zum Ausdruck bringen, dass der Weg der Eskala­tion mit einer zwingenden Kraft in Regionen führt, die große, ›unmenschliche Energien‹ aufrufen, die sich jedoch auf die Dauer der mensch­lichen Steuerung und Beherr­schung entziehen.« (Glasl: Konflikt-Management, S. 233).

eskalation glasl

Weil dieses Modell mit sehr abstrakten Begriffen arbeitet, entführe ich dich in die Welt von Heidi und Alois. Es könnte auch die Welt von Heidi und Sarah sein oder die von Alois und Oskar. Auf jeden Fall zwei Menschen. Und die erleben einen Konflikt miteinander, durch alle neun Stufen. Am Ende… du wirst es sehen.

Am Anfang war die Zahnpastatube

Heidi und Alois sind ein Paar und leben seit kurzem zu­sammen in einem Haus. Seit einiger Zeit gibt es eine kleine, von beiden als Neben­säch­lichkeit wahrgenomme­né Störung: Heidi schraubt die Zahnpas­tatube nach dem Benutzen wieder zu, Alois lässt sie offen. Beide fühlen sich schon ein bisschen angespannt und jede/r reagiert genervt, wenn sie/er ins Bad geht und die Tube ist nicht so, wie sie/er sie hinter­lassen hat. So machen sie das eine ganze Weile. Irgendwann spricht Heidi Alois darauf an. Aber nichts ändert sich. Tube auf – Tube zu.
(Stufe 1: Spannung und Verhärtung)

Inzwischen gibt es immer wieder kleinere Diskus­sionen um die Zahnpas­tatube: Heidi besteht darauf, dass die Tube nach dem Benutzen wieder fest verschlossen wird, Alois hingegen will den Deckel abgeschraubt lassen. Alois nennt Heidi eine Ordnungs­fa­na­tikerin und sie wirft ihm umgekehrt Schlamperei und Ignoranz vor. Ein typischer Wortwechsel:
Heidi: »Du weißt genau, dass ich offene Zahn­pastatuben hasse. Die Tatsache, dass Du sie dennoch nicht zuschraubst beweist, dass ich Dir im Grunde voll­kommen egal bin.«
Alois: »Schatz, du kennst mich doch… ich bin morgens bestenfalls physisch anwesend und froh, wenn ich mich an die grobe Jahreszeit erinnern kann. Zahnpas­ta­tu­ben­deckel kommen in meinem Morgen­uni­versum schlicht und einfach nicht vor!«
Heidi: »Warum kannst du nicht auch mal Rücksicht auf mich nehmen?! Ist das so schwer, den Deckel zuzumachen? Himmel­nochmal!«
Alois: »Auch mal… was soll denn das jetzt? Als würde ich nie darauf achten, was du brauchst! Aber du stellst mich seelenruhig als ignoranten Idioten hin!« undso­wei­ter­und­so­weiter.
(Stufe 2: Debatte und Polemik)

Nachdem die wieder­holten Diskus­sionen (logischerweise!) nicht fruchten, wirft Alois den Deckel der Tube einfach weg. Heidi, die das Austrocknen der Zahnpasta stört, legt statt dessen nun ein Stück Folie auf den Verschluss, die Alois aber immer wieder wegwirft.
(Stufe 3: Taten statt Worte)

Immer häufiger kommt es bei gemeinsamen und getrenn­ten Treffen mit Freun­dInnen vor, dass Alois über Heidis „Zahnpastatuben-Spinnerei“ herzieht und Heidi sich bei ihren Freun­dInnen über Alois Ignoranz ausweint und sie von seiner Unmensch­lichkeit und Schlam­pigkeit zu überzeugen versucht. Es entsteht ein destruktives Klima nach dem Motto „Es darf gelästert werden“.
(Stufe 4: Images und Koali­tionen)

Hinzu kommt, dass Alois wie auch Heidi sich bei Freun­dInnen nur noch beschweren über den/die andere, es wird kein gutes Haar an ihm/ihr gelassen. Die Themen sind dabei beliebig: Alois’ berufliche Probleme werden lächerlich gemacht genauso wie Heidis Probleme mit ih­rer Familie. Immer häufiger spielt dabei die Wahrheit keine Rolle mehr, Hauptsache, der/die andere steht schlecht da.
(Stufe 5: Gesichts­verlust)

Alois droht Heidi, aus dem gemeinsam gemieteten Haus auszu­ziehen, wenn sie ihn nicht endlich mit dem Zah­pasta-Mist in Ruhe lässt und Heidi schießt zurück, indem sie kundtut, sie werde sich von ihm trennen, wenn er wei­ter so missachtend mit ihr umgehe.
(Stufe 6: Drohstra­tegien)

Während Alois seinen Auszug plant, hat Heidi heimlich eine eigene Wohnung gemietet und richtet sie mit Alois’ Kreditkarte ein. Alois räumt in einer Nacht-und-Nebel-Ak­tion das Haus halb leer (dabei gehen „zufällig“ Heidi’s liebste Erinne­rungs­stücke an ihre verstorbene Schwester zu Bruch) und stellt die Sachen bei einem Kollegen unter, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat.
(Stufe 7: Begrenzte Vernichtung)

Heidi zeigt Alois beim Finanzamt an und Alois taucht im­mer wieder in Heidi’s Praxis auf und randaliert und streut üble Gerüchte, die ihre Patien­tInnen vertreiben.
(Stufe 8: Zersplit­terung)

Alois manipuliert Heidi’s Fahrrad und sie hat einen schwe­ren Unfall damit. Heidi dreht im ehemals gemeinsamen Haus, für den der Mietvertrag zum Monatsende ausläuft, den Gashahn auf, weil sie weiß, dass Alois immer und überall raucht und sicher auch dann, wenn er seine restli­chen Sachen aus dem Haus holen will. Sie weiß nicht, dass er schon alles abgeholt hat. Nur noch der Überga­betermin mit dem Vermieter steht an, zu dem beide er­scheinen müssen. Und bei diesem Termin will Alois sich eine Zigarette anzünden, löst damit eine Explosion aus und nur der Vermieter entkommt aus dem brennenden Haus.
(Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund)

Am Ende steht der Tod

Ein bisschen wie Stille Post, oder? Die Reihe fängt an mit »Liebe« und der/die Letzte hört »Autowerkstatt« oder sowas. Dieses Beispiel ist bewusst sehr plakativ und verein­fachend darge­stellt und auch ein bisschen weit hergeholt. Obwohl? ;) So wird die zwingende Abwärts­spirale und die Absurdität unseres Verhaltens deutlich.

Ein Feld, in dem ich solche Eskala­ti­ons­spiralen in erschüt­terndem Ausmaß kennen­gelernt habe, ist der Streit im Zusam­menhang mit dem Sorge- und Umgangsrecht zwischen Eltern. Da wurden Frauen in die Psych­iatrie zwangs­ein­ge­wiesen, Kinder entführt, Schläger bestellt. Und vielleicht kennst du ja auch einen Konflikt, der sich so entwickelt hat.

Tatsache ist: wenn wir einen Konflikt haben und nicht konstruktiv damit umgehen oder irgendwann die Notbremse ziehen, nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Grund genug, das eigene Denken, Fühlen, Handeln zu hinterfragen und zu steuern, oder?

Hier lernst du eine wirkungsvolle Methode kennen, die dir hilft, dein Denken, Fühlen und Handeln besser zu beobachten und bewusster damit umzugehen. Eine Voraus­setzung, um die Dynamik in einem Konflikt zu stoppen. Und letztlich entspannter durchs Leben zu gehen.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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