Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 4)

Es geht weiter: “Mann redet, Frau nackt.”

In dieser Reihe gebe ich Antworten auf die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass Frauen, die öffentlich sprechen, eine andere Situation erleben als Männer.

Eine Situation, für deren Bewäl­tigung sie wesentlich mehr Kraft aufwenden müssen als nur die für ihre Rede.
Wie Frauen das erleben und für sich lösen ist individuell sehr unter­schiedlich.

Gleich­zeitig existiert eine kollektiv gleiche Grund­er­fahrung aller Frauen. Die jedoch ist uns zu gefühlten 90% überhaupt nicht bewusst. Deshalb schreibe ich hier erstmals darüber, nachdem ich schon sehr lange in meinen Rheto­rik­trainings damit arbeite.

Im ersten Teil der Reihe ging es ums Schöns­ein­müssen und die “Angst vor dem Schrottplatz”.

Der zweite Teil der Reihe drehte sich um die Angst vor der eigenen Größe und das Gefühl, Raum für sich erkämpfen zu müssen.

Der dritte Teil handelte von der Entfaltung der inneren Rampensau und von der Angst vor dem eigenen Selbst.

Heute nun soll das weibliche Visio­nieren im Mittelpunkt stehen.

Frauen haben keine Ziele. Frauen nehmen, was kommt.

Was ich in Coachings und Trainings immer wieder erlebe: Frauen können mit diesen klassischen Zeit-/Ziel-/Selbstmanagement-Systemen nichts anfangen. »Wo wollen Sie in 5 Jahren sein?«, »Setz dir Ziele, dann bist du erfolgreich!«, »Ohne Ziele ist alles beliebig.« Diese und ähnliche Botschaften haben nichts mit der Lebens­wirk­lichkeit von Frauen zu tun.

Das heißt aber nicht, dass Frauen nicht erfolgreich sind oder sich willenlos im Lebensstrom treiben lassen. Im Gegenteil: Frauen gestalten sehr aktiv ihr Leben, allerdings eher auf die Art, dass sie flexibel auf das reagieren, was ihnen begegnet. In der Begegnung entwickeln Sie für sich intuitiv und manchmal auch spontan kurzfristige Ziele und treffen Entschei­dungen.

Ich habe Frauen oft sagen hören: »Wenn ich mir feste Ziele setze, womöglich sogar nach der SMART-Formel, dann habe ich das Gefühl, völlig unbeweglich zu sein.«
(Zur Erklärung: Nach dieser Formel sollen Ziele spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert formuliert werden.)

Die Ziele vieler Frauen entstehen organisch in der Verbindung mit dem Außen.

Ich finde, darin steckt eine andere Weisheit als in den meist von Männern ausge­dachten Selbst­ma­nage­men­t­an­sätzen.

Eine Vision? Ach, das ist nix für mich!

Viele Menschen spüren eine tiefe Suchbe­wegung nach einer Vision für ihr Leben in sich. Ich glaube, dass es sich dabei um das Bedürfnis handelt, zu begreifen, wo unser Platz in der Welt ist, wohin wir uns zugehörig fühlen, was unsere Aufgabe ist, der Sinn unseres Hierseins.

Diesen tiefge­henden Blick auf den Begriff der Vision kenne ich aus dem klassischen Selbst­ma­nagement so nicht. Wenngleich in einigen Konzepten sehr wohl die Vision im Leben eines Menschen für das Entwickeln von Zielen ausschlag­gebend ist.

In der Visions­arbeit mit Frauen habe ich oft gehört: »Ja, das wär schon schön… aber: das ist doch nicht realistisch!«.

In diesem Satz steckt meiner Ansicht nach eine tiefe Wahrheit und weibliche Erfahrung. Deshalb funktio­nieren auch die oberfläch­lichen Ratschläge in Richtung »Trau dich!«, »Werde selbst­bewusst!« oder »Glaub an dich!« nicht.

Wenn Frauen sich ihr Wissen, ihr Können, ihre Visionen bewusst machen und sich auch noch damit zeigen, riskieren sie alles.

Es hat schon immer Frauen gegeben, die genau das getan haben: sie wussten, was sie wissen und können, sie hatten ihre Werte, ihre Vorstel­lungen vom Leben, ihre Visionen für die Welt, und haben sich aktiv dafür eingesetzt. Und die meisten von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass sie damit ein hohes Risiko eingehen.

Sie setzten ihre körperliche, geistige und seelische Unver­sehrtheit aufs Spiel. Ihr Leben. 

Olymp de Gouges, Jeanne d’Arc, Steffa de Ley, Sophie Scholl, Rosa Luxemburg, Camille Claudel, Anna Polit­kowskaya. Und sehr viele andere. Sie alle wurden hart bestraft für das, was sie in die Welt hinaus­trugen. Sie wurden hinge­richtet, verfolgt, gefoltert, in »Irren­an­stalten« wegge­sperrt, gewaltsam ruhig­ge­stellt, ausge­schlossen aus einer Gemein­schaft. (Wenn du mehr wissen möchtest, empfehle ich dir FemBio von Luise Pusch. Gib doch mal in die Suche »hinge­richtet« ein.)

Natürlich war das, was sie forderten, nicht gerade bequem für ihre (männlichen) Zeitge­nossen. Ob sie Schul­bildung für Mädchen propa­gierten, ihre Heilkunde ausüben wollten, für ihr Recht auf ein eigen­ständiges Leben oder für die Freiheit eintraten.

Besonders die Zeit der Hexen­ver­folgung macht uns deutlich, dass die Bestrafung von Frauen System hat und sich explizit gegen weibliche Weisheit richtet.

Eine Frau, die öffentlich spricht, begegnet unweigerlich ihrer Angst vor dem Scheiterhaufen.

Die Angst vor dem Schei­ter­haufen habe ich in meinem Artikel Was lässt uns mutig sein? Gedanken aus aktuellen Anlässen schon einmal erwähnt.

Es gibt sie immer noch, die Schei­ter­haufen. Sie sind nur moderner geworden.

Sie begegnen uns in Form von ungerecht­fer­tigten Kündi­gungen, Ächtungen, Drohungen, Shitstorms, Abwertung, Lächer­lich­machen oder schlimmerem. Feminis­tinnen können ein Lied davon singen. In Form von Ausschluss aus Lebens- oder Glaubens­ge­mein­schaften. In Form von (Psycho-)Pathologisieren, wie es in den drei Bänden der »Wahnsinns­frauen« von Sibylle Duda und Luise Pusch beschrieben wird. Als körperliche oder seelische Gewalt.

Wir insze­nieren sie sogar medial und behaupten, das sei Kunst, wie das z. B. Baldovino Barani tut: er fotografiert eine Frauen­gestalt, die in einer Hinter­hof­at­mo­sphäre auf einem brennenden Haufen Holz liegt. (Bild Nr. 16. Achtung: Auf der Seite sind viele extreme Bilder zu sehen, in denen die Modebranche Gewalt gegen Frauen als Kunst zu dekla­rieren versucht. Entscheide selbst, ob du das sehen willst.)

Frauen wissen, tief verankert in den Körper­zellen, was ihnen blüht, wenn sie sich öffentlich zeigen mit ihrem Wissen. Wenn sie auf eine Bühne treten, brauchen Sie Kraft, um mit ihrer Angst vor dem Schei­ter­haufen umzugehen

Diese Kraft fehlt ihnen für das Wesentliche: ihren Auftritt.

Der Cocktail ist fertig für den Shaker: im nächsten Artikel gibt es eine Zusam­men­führung der bisherigen Beiträge dieser Reihe.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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