Wenn Frauen öffentlich sprechen: was ist daran im 21. Jahrhundert noch besonders? (Teil 1)

Auf meinen Artikel “Hilfe, ich darf eine Rede halten!” Wirkungsvolle rheto­rische Werkzeuge für eine gute Rede trudeln immer wieder positive Rückmel­dungen ein, was mich sehr freut.

Und immer wieder die Frage von Frauen: »Wie soll ich das umsetzen? Mir fällt ja schon der Stich­wort­zettel aus der Hand, wenn ich nur dran denke, irgendwo »vorne« stehen und was vorstellen zu müssen! Und dann auch noch authentisch?! Und souverän? Und am besten auch noch toll gestylt?!«

Es wundert mich nicht, dass fast nur Frauen diese Fragen stellen. Oder besser: dass Frauen in einer größeren Not sind mit diesen Fragen. Denn:

Es gibt eine Besonderheit beim öffentlichen Sprechen, die nur Frauen kennen

Fast jeder Mensch, egal welcher Geschlechts­identität, kennt Lampen­fieber. Dabei handelt es sich um eine natürliche Körper­re­aktion auf eine bestimmte Stress-Situation. Dazu schreibe ich in einem späteren Artikel ausführ­licher.

Manche Menschen kennen Redeangst. Diese Form der Angst funktioniert sehr individuell und hat kann vielfältige biogra­phische, soziale und psycho­lo­gische Ursachen haben. Wenn ein Mensch sich dadurch sehr beein­trächtigt fühlt, kann es hilfreich sein, sich bei der Bearbeitung unter­stützen zu lassen.

Weibliche Menschen kennen zusätzlich eine Situation, die Marianne Grabrucker in ihrem Buch »Typisch Mädchen…« sehr eindrucksvoll beschreibt. Sie erzählt darin, wie Anneli in ihren ersten drei Lebens­jahren geprägt wird, was sie wahrnimmt, was sie lernt, wodurch sie beein­flusst wird. Anneli’s zentrale Erkenntnis, als sie gerade Zweiwortsätze lernt, habe ich mir bis heute gemerkt:

Mann redet, Frau nackt.

So sieht dieses kleine Mädchen unsere Realität. Erkennbar beein­flusst von Werbung. Da werden ja gerne (halb-)nackte Frauen­körper abgebildet, um für Beton, Bier oder Badfliesen zu werben, selten aber halbnackte Männer­körper (Ausnahme: scheinbar coole Typen mit Wasch­brettbauch, die duschen, duften oder genießen). Männer dürfen in der Werbung nämlich einen Kopf haben, der Denken und Sprechen erlaubt.

Anneli’s Erkenntnis nehme ich hier als Bild für die Situation, mit der Frauen konfrontiert sind, die öffentlich sprechen.

Diese Situation kannst du dir wie einen Cocktail vorstellen, der aus mehreren Zutaten gemixt ist. In dieser Artikel-Reihe stelle ich nach und nach einige dieser Zutaten vor. Im ersten Teil geht es ums Schönsein.

Wir alle wissen: Frauen sollen schön sein.

Eine sehr erfolg­reiche Industrie fördert angeblich unsere Schönheit: Kosmetik, Medizin, Bekleidung, Nahrungs(ergänzungs)mittel, Fitness. Dass die Maße dafür, was als schön gilt, sich geschichtlich wandeln, wissen wir auch. Aktuell sind wir schön, wenn wir mager­süchtig aussehen. Also krank.

Ja, auch Männer erleben zunehmend diesen Zwang. Was sie aber nicht erleben ist, ausschießlich auf Körper­lichkeit reduziert zu werden.

Quizfrage: Welche Frisur hat mehr öffentliche Aufmerk­samkeit bekommen – die von Gerhard Schöder oder die von Angela Merkel? Die Aufmerk­samkeit, die wir dem äußeren Erschei­nungsbild eines Menschen geben, ist eindeutig abhängig vom Geschlecht dieses Menschen.

Das ist auch im Jahr 2013 noch so. Zweite Quizfrage: Bei welchem Menschen, der zum ersten Mal Wimbledon gewann, wurde mehr über das Aussehen (hier: das Fehlen der erwarteten Schön­heits­vor­stel­lungen) berichtet und geschimpft als über den errungenen Sieg und die Leistung, die dazu geführt hat? Wenn ich mich recht erinnere, gibt es 2 richtige Antworten: Martina Navra­tilova und Marion Bertoli. Frauen.

Mädchen und Frauen lernen in dieser Gesellschaft, dass sie geliebt werden und Anerkennung bekommen, wenn sie schön sind. Nicht, wenn sie was leisten.

Ein Grund dafür ist, dass schon kleine Mädchen für ihr hübsches Kleidchen gelobt werden, kleine Jungs für ihren Turmbau (=ihre Leistungen). Und auch das ist 2013 noch so.

Vor kurzem gab es mal wieder eine kleine Diskussion auf Facebook dazu. Anlass war ein sehr empfeh­lens­werter Artikel »How to Talk to Little Girls«.

Antje Schrupp, Politik­wis­sen­schaftlerin und Journa­listin, macht sich in ihrem Artikel »Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.« lesenswerte Gedanken über Schönheit und die Beschäf­tigung damit.

Eine Frau wirft ihre Waage weg und beobachtet, was passiert. Und viele andere tun das Gleiche und tauschen sich via Twitter aus. Die Aktion #waagnis.

Andere Frauen erzählen ihre mager­süchtige oder bulimische Geschichte im lebenshungrig-Blog von Simone Happel.

Überall: Frauen sollen schön sein. Oder sich zumindest permanent damit beschäftigen.

Für Frauen ist öffentliches Auftreten gleichbedeutend mit einem Schönheits-TÜV bei einem sehr übellaunigen Mechaniker.

Und weil die Schön­heits­ideale so dermaßen unrea­listisch sind, gibt es kaum eine Frau, die nicht durchfällt. Irgendwas findet sich immer. Autofahrende kennen das. Und wenn sie durchfällt, bedeutet das den Verlust ihrer Existenz­be­rech­tigung. Denn sie hat ja nur die eine. Zeit für den Schrottplatz, Schätzchen.

Es gibt übrigens auch TÜV-Mechanikerinnen. Auch von ihnen wird die Optik vermessen. Allerdings tun Frauen das auf andere Weise und auf einem anderen Hintergrund als Männer. Das ist mal ein Thema für einen eigenen Artikel.

Wenn eine Frau öffentlich spricht, ist sie automatisch mit ihrer Angst vor dem Schrottplatz konfrontiert.

Diese Angst kennt jede Frau. Manch einer ist sie mehr, einer anderen weniger bewusst. Gleichwohl: diese Angst wirkt.

Sie bewirkt, dass Frauen, wenn sie auf eine öffentliche Bühne treten, sich einer gefühlten oder realen Gefahr aussetzen, die ihre Existenz als Ganzes bedroht.

Deshalb ist übrigens die Frage »Was zieh ich nur an?« für eine Frau keine oberflächliche Eitel­keits­nummer. Wir alle mögen es, wenn wir anderen Menschen gefallen, keine Frage. Eine Frau allerdings trifft bei der Wahl ihres Outfits immer auch eine gefühlt existen­tielle Entscheidung. Eine Entscheidung, mit der sie glaubt, das Urteil des Publikums beein­flussen zu können. Das Urteil darüber, ob sie sein darf oder nicht.

Um mit der Angst vor dem Schrottplatz umgehen zu lernen, müssen Frauen einiges an Energie aufwenden. In ihrem Leben und in der konkreten Rede-Situation.

Zusätzlich zur Energie, die sie für ihre Performance brauchen.

Dieses war der erste Streich… der zweite folgt in einer Woche: eine weitere Zutat im Cocktail »Mann redet, Frau nackt.«


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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