Was uns die Kommentare auf das Foto von Claudia Roth im Tränengasschock zeigen #occupygezi

Heute morgen bin ich auf den Blogpost von Martin Giesler »Der Tag, als ich in den Abgrund der deutschen Facebook-Kommentarkultur blickte || #occupygezi« aufmerksam geworden. Martin Giesler ist Nachrich­ten­re­dakteur beim ZDF und hat auf der Facebook-Seite von Heute.de das Foto gepostet, das Claudia Roth nach der Tränen­ga­s­attacke bei der Auflösung der Demons­tration im Istanbuler Gezi-Park zeigt. In seinem Blogartikel zitiert er ein paar Reaktionen der Facebook-NutzerInnen. Zumindest die, die nicht völlig gesetz­tes­widrig sind. Die Reaktionen verschlagen ihm die Sprache, wie er schreibt.

Mir auch.

Die Kommentare zum Foto – auch auf Twitter habe ich viele gelesen –  waren zum einen voll von Häme, Belei­di­gungen und wüsten Beschimp­fungen bis hin zur Auffor­derung zu Straftaten gegenüber dem Menschen Claudia Roth. Zum anderen erfüllt von Hass-Äußerungen über mal die türkische, mal die deutsche Seite des Geschehens. Erfüllt von Rassismen und Angriffen gegenüber den Medien.

Martin Giesler fragt von seiner journa­lis­tischen Perspektive aus danach, was er bzw. Journa­lis­tInnen daraus lernen können.

Ich frage mich, wie kann so etwas entstehen? Was bringt uns Menschen dazu, uns so zu äußern? Was wird darin deutlich?

Kommu­ni­kation
Die meisten von uns schaffen es nicht, anderen Menschen ehrlich und direkt zu sagen, was sie denken oder fühlen. Ein ehrliches und wertschät­zendes Feedback zu geben. Bei einer hochrangigen Politikerin ist das auch nicht ganz einfach. Wir tun das aber auch nicht bei Menschen, die wir persönlich kennen. Da lassen wir dann lieber Dampf ab in Situa­tionen, die »ungefährlich« (weil nicht konfrontativ) sind, am Stammtisch zum Beispiel. Und im Netz ist die Hemmschwelle sicher noch etwas niedriger, über andere schlecht zu sprechen, die nicht da sind. Auch wenn wir unter unserem Klarnamen agieren.

Gedan­ken­lo­sigkeit
Ich glaube, dass wir oft einfach gedan­kenlos unterwegs sind. Nicht wirklich wahrnehmen: wo bin ich gerade und mit wem, was ist hier angemessen, wie bin ich gerade drauf und der/die andere und was bewirkt mein Handeln. Und dann poltern wir eben mal ganz spontan raus mit dem, was uns gerade einfällt. Ohne nachzu­denken.

Macht der Sprache
Die meisten von uns unter­schätzen die Macht, die Sprache hat. Erkennen nicht, dass das, was und wie wir denken und sprechen, unsere Realität schafft und gestaltet. Dass es einen Unter­schied macht, ob ich zum Beispiel Wörter benutze, die aus rassis­tischen Zusam­men­hängen stammen. Weil jedes Wort eine eigene Wechsel­wirkung erzeugt. Deshalb gibt es z. B. auch so viele, die nichts daran finden, dass Frauen in unserer Sprach­kultur immer »mitgemeint« sind.

Gruppen­dynamik
Spätestens seit es Diktaturen gibt wissen wir, welche Macht eine Gruppe auf einzelne ausübt. Erst neulich habe ich wieder mal »Die Welle« gelesen. Wir lassen uns leiten und anstecken und schließen uns dem an, was wir für die Norm halten. Und ruck-zuck schaukeln sich, ähnlich dem »Stille-Post-Prinzip«, die Äußerungen gegen­seitig immer weiter hoch. Propor­tional dazu geht in diesem Prozess zunehmend die Fähigkeit verloren, Mitgefühl zu empfinden und zu zeigen. Und Gewalt eskaliert.

Macht­strategie in unserer Diskus­si­ons­kultur
Bei den Kommentaren fielen etliche auf, die ganz »am Thema vorbei« gingen. Zum Beispiel der Angriff gegen das ZDF, warum nie über den Einfluss von Kinder­schändern bei den Grünen berichtet worden sei. Da wurde ein kleines Detail, nämlich die Tatsache, dass Claudia Roth eine bündnisgrüne Politikerin ist, heraus­ge­nommen und für die Einführung eigener Inhalte benutzt. In der Kommu­ni­ka­ti­ons­for­schung wird das »Bewusstes Missver­stehen« genannt.

Symbol­ver­ständnis
Ich habe festge­stellt, dass es Menschen gibt, denen es leicht fällt, die symbo­lische von der konkreten Ebene zu trennen. Und Menschen, denen das schwerfällt. Martin Giesler hatte das Foto von Claudia Roth ja als Symbol für die Gewalt, die gegen die Demons­tran­tInnen eingesetzt wurde, gewählt. Er hätte auch ein beliebiges anderes auswählen können, auf dem der Einsatz von Wasser­werfern und Tränengas dokumentiert ist. Dann hätten sich die  Kommentare nicht gegen Claudia Roth/die Grünen gerichtet, dafür aber gegen andere abgebildete Menschen oder Menschen­gruppen. Es ist unter diesem Blick­winkel also beliebig, welches Foto gepostet wurde.

Indivi­dua­li­tätshype
Ich nehme uns als Gemein­schaft so wahr, dass wir unser eigenes Empfinden/Denken/Handeln in den Mittelpunkt rücken, nicht aber das der anderen Menschen. Wir wollen oder müssen, so glauben wir, »auf Teufel komm raus« individuell sein. Einen eigenen Stil haben, eine Marke sein, trendy sein oder gerade nicht, auffallen in der »grauen Masse«. Und die Welt (die Erde und ihre Ressourcen, die Tiere und Pflanzen, andere Menschen) hat uns bitteschön zu Füßen zu liegen. Da bleibt kein Platz für Einfüh­lungs­vermögen.

Umgang mit Verant­wortung
Wir gehen sehr oft mit unserem Denken/Fühlen/Handeln entweder gar nicht um oder in der Art, dass wir die Verant­wortung dafür auf die anderen abschieben. Weil die anderen so sind, wie sie sind, können wir nicht anders als… Dazu habe ich hier im Blog mal einen Beitrag geschrieben: “›Only ‘Yes’ Means Yes‹ oder: wir haben die Verant­wortung für unser Tun«.

Vertrauen und Ohnmacht
Immer mehr Menschen verlieren ihr Vertrauen in die Bericht­erstattung der Medien und in öffentliche Personen. Weil immer häufiger Skandale aufgedeckt werden und Politi­ke­rInnen oder andere Macht­trä­ge­rInnen unglaub­würdig sind. Die Ohnmacht, die angesichts dieser Entwick­lungen empfunden wird, entlädt sich dann zum Beispiel in solch heftigen Kommentaren.

Angst vor dem Anders­artigen
Die Angst vor dem, was uns fremd, ungewohnt, anders erscheint als wir selbst, scheint eine menschliche Eigenart zu sein, die überall vorkommt. Ich glaube, dass uns lediglich der Umgang mit dieser Angst voneinander unter­scheidet. Die einen gehen aktiv damit um und versuchen, sich diesem »Fremden« zu nähern, es besser kennen­zu­lernen und zu verstehen. Die anderen lassen zu, dass sich ihre Angst in Aggres­sivität umwandelt und gegen das scheinbar Fremde richtet. Das kann dann die Türkei sein oder die TürkInnen, Claudia Roth oder Bündnis 90/Die Grünen, die Repor­te­rInnen oder andere.

Unzufrie­denheit mit dem eigenen Leben
Ich bin überzeugt und erlebe fast täglich in meiner Arbeit, dass sehr viele Menschen unzufrieden sind mit ihrem Leben. Mit ihrem Können, ihren Erfolgen, ihrem Aussehen. Ihrer gesellschaftlichen/beruflichen Position, ihrem finan­ziellen Background, ihrer Lebens­ge­staltung. Und je weniger wir uns mit uns selbst rund und wohl fühlen, desto stärker besteht die Gefahr, dass wir die Verant­wortung dafür auf andere abschieben. Dann sind wir neidisch auf das Ansehen, den Erfolg oder anderes, was uns selbst scheinbar fehlt. Vielleicht auf den Mut von Claudia Roth. Und anstatt uns auf uns selbst zu konzen­trieren und an unserer eigenen Situation etwas zu verändern, also die Verant­wortung für unser Leben zu übernehmen (was zugege­be­nermaßen selten ein Zucker­schlecken ist), werten wir lieber die anderen ab. Das scheint uns einfacher zu sein. Einfacher zumindest als hinzu­schauen.

Wir sind ver-rückt
Wer hier im Blog öfter unterwegs ist, weiß, was ich damit meine. Zuletzt habe ich in meinem Artikel »Ver-rückt sind wir! Was unsere Gewohn­heiten mit dem Rest der Welt zu tun haben« darüber geschrieben. Deshalb hier nur kurz: wir sind meiner Ansicht nach ver-rückt von uns selbst und von jeglichem gesunden Maß. Wir suchen im außen nach einen Maßstab für unser Tun, bei irgend­welchen anderen. Berate­rInnen, Fachleuten, Religionen. Eigentlich aber sehnen wir uns nach Authen­tizität. Und weil wir so nicht fähig sind zu spüren, was »richtig« ist, sind wir fähig, uns so zu verhalten wie die Menschen, die die Kommentare auf das Foto geschrieben haben.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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