Was lässt uns mutig sein? Gedanken aus aktuellen Anlässen

Heute morgen: meine Katze Malou, die gerade erst lernt, was Katzenleben alles sein kann (sie hat ihre ersten zwei Lebensjahre im Tierver­suchslabor verbracht), stellt sich einfach vor den Hund hin, der hier im Gelände alle Katzen jagt. Immer. Jede. Alle hauen ab, sobald sie ihn sehen oder spätestens dann, wenn er sie entdeckt und losrast.

Meine Malou, eigentlich eher ein vorsichtiger Charakter, beobachtet ihn erst eine Weile sehr neugierig aus gesicherter Position, geht dann weg und wird von ihm entdeckt. Er sofort: knurrend­bel­lend­zäh­ne­flet­schend auf sie zu. Sie: stellt sich quer mit buschigem Schwanz und Rückenfell. Bleibt stehen und fixiert ihn! Meine mutige Maus!

Musst du jetzt hier neuerdings private Geschichten über mein Leben mit meinen Tieren lesen oder was? Sicher nicht! Aber diesmal hat Malou in mir den Impuls zum Schreiben geweckt.

Ich schreibe heute über Mut.

In den letzten Tagen begegnet mir auf vielen verschiedenen Ebenen das Thema Mut. Mut, sich gegen jeden Widerstand für die eigenen Werte einzu­setzen. Sich stark zu machen für das, woran eine/einer glaubt.

Da sind zum einen die Frauen und Männer in der Regie­rungs­ko­alition, die sich heute – jede und jeder für sich allein – entscheiden, ob sie entsprechend der Berliner Erklärung für die gesetzliche Einführung einer 30%-Frauenquote in Aufsichtsräten stimmen. Oder sich dem Druck aus der Partei beugen und nur eine Absichts­er­klärung für 2020 abgeben. Mehr zum Hintergrund z. B. bei Ekin Deligöz, MdB.

Da sind die Frauen der Gulabi Gang in Indien, die sich unter Gefährdung ihres eigenen Lebens für das Leben anderer Frauen und Mädchen engagieren. Sehr persönlich, konkret und handfest. Die sich nicht einschüchtern lassen von Morddro­hungen und weiter dafür kämpfen, dass 14jährige Mädchen nicht zwangs­ver­heiratet werden. Dass als Selbstmorde dekla­riertes Sterben von Frauen untersucht wird und die Mörder bestraft werden. Die Sendung lief vorgestern im WDR und ist in der Mediathek zu finden: Schlagstock unterm Sari – Indiens Frauen wehren sich. Sehr sehenswert!

Da sind die Menschen in Russland, die lesbisch, schwul oder anders l(i)eben, und sich nicht einschüchtern lassen von den Strafen, die ihnen drohen, wenn sie „Homo-Propaganda“ machen. Will heißen: sich in der Öffent­lichkeit als sich liebende Menschen zeigen. Eine Gayflag am Revers tragen. Eine Doppelaxt als Halsschmuck. Sowas eben. Ganz normales Leben eben (wie ich finde und leicht von hier aus sagen kann!). Zum Glück bekommen die LSBTI-Organisationen Unter­stützung. Freund­schaftsküsse vom LSVD Hamburg zum Beispiel.

Mich bewegt gerade die Frage:

Was bringt Menschen dazu, sich mutig für die eigenen Werte und Überzeugungen einzusetzen, ganz gleich, was ihnen dafür droht.

Gleich, welche Nachteile sie davon haben. Ob sie Macht, Position, Ansehen verlieren. Ob ihr Leben in Gefahr ist. Ob sie von Familie und Freun­dInnen verstoßen werden. Ob sie ins Straflager müssen.

Sicherlich gibt es einen Zusam­menhang zwischen dem Mut und der Tiefe der Überzeugung, die wir haben. Ich denke, dass der Mut wächst mit der Bedeutung, die wir unseren Werten zumessen. Je tiefer ich daran glaube, dass das, wofür ich eintrete, ein wichtiges Gut ist, desto mehr werde ich riskieren, um das zu erreichen.
Je größer zum Beispiel meine innere Gewissheit ist, dass mein Lesbischsein ganz normal und Teil meines Wesenskerns ist, desto weniger werde ich mich darin verletzbar fühlen.

Ganz bestimmt hat der Mut auch zu tun mit der Not, die erlebt wird. Je größer die gefühlte oder tatsächliche Not ist, in der ein Mensch sich allein oder als Teil einer sozialen Gruppe befindet, desto stärker wird das Bedürfnis sein, diese Situation zu ändern. Je unaus­haltbarer ich meine Situation empfinde, desto mehr Kraft werde ich bereit sein zu inves­tieren für meine Überzeu­gungen.
Die Gewalt gegen Frauen, wie sie in Indien als Teil der alltäg­lichen Tradition gelebt wird (“Mitgiftmorde«, Verhei­ratung von Mädchen, sexua­li­sierte Gewalt etc.), ist, so stelle ich mir das vor, für die Frauen der Gulabi Gang so sehr nicht mehr auszu­halten, dass sie bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um diese Tradition zu wandeln.

Ich glaube, dass Mut auch etwas mit Sicht­barkeit zu tun hat. Wenn ein Mensch sich für die eigenen Werte einsetzt, Partei ergreift, macht er/sie sich sichtbar. Er oder sie wird sichtbar mit der eigenen Meinung. Und je mehr ich mich sichtbar mache, desto angreifbarer werde ich. Je mehr ich mich mit meinen Überzeu­gungen zeige, mich hinstelle und sage »Ich sehe das so…!«, desto mehr riskiere ich, dass andere… ja was denn… mich weniger toll finden? Mich ablehnen, ausschließen, verur­teilen, stürzen?
Wenn z. B. Frau von der Leyen heute gegen die Quote stimmt, sichert sie sich dann die Anerkennung der QuotengegnerInnen/der Partei­spitze? Ihre Position? Den Macht­erhalt der derzeitigen Regie­rungs­ko­alition?

Mut hat eben immer auch mit den eigenen Ängsten zu tun…

Und die sind einerseits eine sehr persönliche Angele­genheit. Die einen fürchten sich davor, Anerkennung zu verlieren, ungeliebt zu sein, zu scheitern, gesehen oder nicht gesehen zu werden… die anderen haben Angst um ihre Sicherheit, ihre Existenz, ihr Einkommen… wieder andere fürchten sich vor der eigenen Stärke, dem eigenen Können, der eigenen Größe. Ängste gibt es sicherlich so viele wie es Menschen gibt.

Gleich­zeitig sind Ängste auch ein kollektives Erleben. Und gerade was das »Sich-sichtbar-machen-mit-den-eigenen-Werten-und-Weisheiten« angeht, haben wir Frauen allen Grund dazu, Angst zu haben. Denn wir alle haben in verschiedenen Zeiten und Teilen der Erde die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, als Frau öffentlich die eigene Meinung zu bekunden. Das eigene Wissen zu zeigen. Für die eigenen Rechte einzu­treten. Ich nenne diese Angst die »Angst vor dem Schei­ter­haufen«.

Und wenn eine Frau sich heute dafür entscheidet, ihr Leben vor einem der modernen Schei­ter­haufen zu retten, hat sie dafür mein größtes Verständnis.

Umso mehr wiegt vor diesem Hintergrund der Mut der Frauen, die mit dieser Angst an ihrer Seite losgehen und für ihre Sache kämpfen. Ihnen gilt meine tiefe Anerkennung und mein Dank!

Und umso mehr bleibt meine Frage im Raum: Was lässt uns Menschen mutig sein?

Ich lade euch jetzt dazu ein, hier im Blog eure Meinung zu sagen. Miteinander auszu­tauschen, wie ihr darüber denkt. Welche Erfah­rungen ihr dazu gemacht habt. Was ihr glaubt, was es braucht, um mutig zu sein. Warum sich manche Menschen für den Mut entscheiden und andere nicht.

Ich freue mich auf den Austausch mit euch und bin gespannt auf eure Ideen! Macht euch sichtbar :)


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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