Was ist weiblich, was männlich? Plädoyer für die volle Farbpalette (1)

Neulich bei einem Netzwerkt­reffen landete die Diskussion – ich weiß nicht wie – bei der Frage, was männlich und was weiblich sei. Nun gut.

Und ganz aktuell – anlässlich des medial ausge­breiteten Coming Outs von Thomas Hitzlsperger, einem bekannten Fußball­spieler – wird auch mal wieder über Männlichkeit-und-was-das-denn-bedeute diskutiert.

Als Feministin bin ich natürlich mit der Kategorie Geschlecht/Gender, also männlich/weiblich, ständig unterwegs. Alles wird mit dieser Perspektive betrachtet, manches durch­leuchtet, vieles kritisiert. Wir brauchen diese Katego­ri­sierung, wenn und solange wir auf Zustände oder Prozesse hinweisen wollen, die eine Benach­tei­ligung für Frauen nach sich ziehen.

Und natürlich freute ich mich über die Diskussion in der Netzwerkerinnen-Runde. Weil ich instinkt­sicher die Chance witterte, wieder einmal ungefragt feminis­tisches Bewusstsein unter die Menschen zu streuen. Nicht Sand in die Augen. Das tut ja das patri­archale System. Sondern Sand ins Getriebe ;)

Gleich­zeitig halte ich die Gender-Kategorisierung für unnötig und sogar schädlich.

Warum? Das erfährst du in dieser kleinen Artikelreihe.

Zurück also zum Netzwerkt­reffen. Irgendwann stellte ich die Frage:

»Wofür brauchen wir dieses Einteilen in männlich/weiblich?

Wofür ist das wichtig?« Die Reaktionen sprachen Bände: Abwehr­stra­tegien. Abwiegeln à la »So ist halt die Natur« oder Verall­ge­mei­ne­rungen wie »Das ist doch gut, wenn man weiß, wie man sich verhalten soll« zum Beispiel. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Orien­tierung, Stabilität, Verläss­lichkeit klingt darin an. Die Angst, diese Sicherheit zu verlieren, keine klare Orien­tierung mehr zu haben, nicht mehr zu wissen, was »richtig« ist.

Ich weiß, dass das Rütteln an Überzeu­gungen, Denkweisen, Tradi­tionen vielen Menschen nicht gerade Freude macht. Das Rütteln an einer so zentralen Kategorie wie der Geschlechts­zu­ge­hö­rigkeit berührt zudem nicht irgendeine abstrakte, weit entfernte Allge­meinheit sondern ganz unmit­telbar die eigene Identität. Deshalb finde ich es sehr verständlich, wenn die Reaktionen in diesem Punkt heftig ausfallen.

Dennoch: mindestens 4 wichtige Gründe sprechen aus meiner Sicht dafür, unser Glauben bzgl. männlich/weiblich mal ordentlich auf den Kopf zu stellen.

1. Grund: Die Einteilung in männlich/weiblich fördert eine unklare Ausdrucksweise

Das Wortpaar männlich/weiblich ist ebenso ungenau und nichts­sagend wie zum Beispiel gut/schlecht.

Stell dir vor, du fragst eine Freundin, wie sie den Kinofilm fand, den du noch nicht gesehen hast, und sie antwortet mit »Gut«. Was weißt du dann? Dass sie die Darstel­le­rInnen gemocht hat, weil sie sie überzeugt haben? Dass sie den Soudtrack genossen hat, der ihren Musik­ge­schmack genau getroffen hat? Dass sie bei der Story mitge­fiebert hat, weil sie so spannend erzählt war?

Mal ehrlich, was weißt du, wenn jemand »gut« sagt? Oder was genau meinst du, wenn du »gut« antwortest auf die Frage, wie es dir geht?

Genauso verwenden wir die Begriffe männlich/weiblich.

Meistens, um Eigen­schaften, Verhal­tens­weisen oder Fähig­keiten von Menschen, Tieren oder Dingen zu beschreiben.

Was bitte ist ein weiblicher Mund? Ein männlicher Körper? Was ist ein weibliches Zögern? Ein männliches Lachen? Oder was ist mit einer weiblichen Raffinesse gemeint? Einem männlichen Tatendrang?

Welche Bilder entstehen in deinem Kopf beim Lesen? Der Mund hat volle Lippen, ist weich und rot angemalt? Das Lachen ist laut und aus vollem Hals? Bei der Raffinesse denkst du an Intriganz oder an Verfüh­rungskunst?

Jede/r von uns hat Vorstel­lungen. Über sich selbst, die anderen und die Welt. Und meistens unter­scheiden die sich voneinander. Dieser Umstand, den ich persönlich sehr angenehm finde, macht es notwendig, dass wir miteinander sprechen, uns austauschen darüber, was wir wie denken, fühlen, sehen, bewerten. Bei Alltags­worten wie (für unsere Regionen) Tisch, Haus, Baum, Kuh glauben wir zu wissen, was der/die andere meint und erklären nicht näher, was wir mit Tisch meinen. Das wäre auch schlicht unmöglich, wir kämen ja zu nichts.

Und dass jede/r einen etwas anderen Tisch vor dem inneren Auge sieht, macht so lange nichts, bis wir einen bauen oder kaufen wollen. Erst dann werden wir merken, dass wir verschiedene Vorstel­lungen von unserem Tisch haben und genauer darüber sprechen.

Auch bei männlich/weiblich glauben wir zu wissen, welchen Inhalt die Worte haben.

Der Punkt ist: wir GLAUBEN es. Wissen werden wir es erst, wenn wir den/die Sprechende/n fragen, was er/sie damit meint.

Mach doch mal ein Experiment:

Nimm dir mal für einen Tag lang vor, immer wenn du eines der Wörter gut/schlecht oder männlich/weiblich denkst oder hörst, zu fragen, was genau damit gemeint ist. Lass dein Gegenüber oder dich selbst präzise beschreiben, was ausge­drückt werden soll.

Du wirst erstaunt sein, wie vielfältig wir alle sind. Und dazu brauchen wir diese Einteilung gut/schlecht oder männlich/weiblich gar nicht.

Und du wirst merken, wie leicht ein Missver­ständnis entstehen kann. Das berühmt-berüchtigte »Hab ich doch gesagt!« hat nichts mit mangelndem Hörvermögen zu tun sondern sehr oft nur damit, dass wir uns nicht genau ausge­drückt haben. Dass das Gegenüber etwas anderes verstanden hat als wir meinten.

Fazit 1: Die Verwendung der Kategorie männlich/weiblich macht unsere Verständigung schwierig und fördert Konflikte. Sie verschleiert unsere Vielfalt und hält unseren Kontakt oberflächlich.

Mehr Gründe, warum ich die Verwendung der Kategorie Geschlecht/Gender außerdem unbrauchbar oder schädlich finde, erfährst du im 2. Teil.

Welche Erfah­rungen hast du mit dem Experiment gemacht? Wie denkst du darüber? Ich freue mich auf eine spannende Diskussion.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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