Was ist weiblich, was männlich? Plädoyer für die volle Farbpalette (2)

Was ist denn nun weiblich? Und was männlich? Was sagt uns diese Kategorie, was hilft sie uns in unserem Alltag? Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich beschrieben, wie die Verwendung dieser Begriffe unsere Verstän­digung erschwert, Konflikte fördert und unsere Vielfalt zu einer oberfläch­lichen Unbestimmtheit werden lässt.

Das ist einer von 4 Gründen, warum wir unser Denken in Bezug auf männlich/weiblich gerne auf den Kopf stellen dürfen.

2. Grund: Im Begriffspaar männlich/weiblich schwingt oft eine Bewertung mit

Die Einteilung männlich/weiblich wird sehr oft nicht beschreibend verwendet sondern bewertend. Absichtlich oder unabsichtlich. Diese Bewertung mag den Sprechenden oftmals gar nicht bewusst sein. Und dennoch schwingt sie mit, manchmal kaum greifbar. Und doch da. Es ist übrigens sehr spannend und erhellend, sich diesen Prozess bewusst zu machen.

Was denkst du, wenn du »weibliche Logik« liest? Oje? Und tritt erlösende Entspannung ein, wenn du »männliche Logik« liest? Ah, endlich wieder zwei Dinge, die zusam­men­gehören?

Was fällt dir ein, wenn ich dich nach »weiblichen Eigen­schaften« frage? Fürsorglich, freundlich, unbere­chenbar? Und zum Thema »männliche Eigen­schaften«? Kompetent, klar, mutig?

Und merkst du, wie unter­schiedlich sich das anfühlt? Wie großartig – oder zumindest angenehm – die Kompetenz, der Mut, die Klarheit klingen? Im Gegensatz zur Fürsorge, der Freund­lichkeit und der Unbere­chen­barkeit? Und das nicht, weil die einen so gut, die anderen so schlecht wären sondern einfach nur, weil wir es gewohnt sind. Weil wir die Bewer­tungen so sehr verin­nerlicht haben, dass wir sie gar nicht bemerken.

Wieder eine Einladung zum Experimentieren

Spiel das mal für alle Eigen­schaften durch, für die du bisher gern die Kategorie männlich/weiblich benutzt. Und beobachte, wie andere Menschen die Begriffe benutzen. Frag sie, wie sie das jeweils finden, bewerten, einordnen. Du wirst staunen, was du entdeckst!

Bewertung hier…

Diese Bewertung findet sich auch wieder, wenn wir das Gesprächs­ver­halten von Männern und Frauen betrachten. Ein Gebiet, mit dem ich mich nun schon seit über 18 Jahren beschäftige, theoretisch und praktisch.

Wenn eine Frau laut spricht, viel Redezeit beanspucht, andere unter­bricht und ihre Meinung standhaft vertritt, wird sie abgewertet: viel zu dominant, egozen­trisch, überheblich. Wenn ein Mann genau das Gleiche tut, gilt er gern als selbst­bewusst, offensiv und charak­terstark. Hier habe ich dieses Phänomen schon einmal genauer beschrieben.

… und hier…

Vor ein paar Tagen hat die kanadische Schau­spielerin Ellen Page bei der Konferenz der Human Rights Campaign in Las Vegas eine starke Rede gehalten. Und ihr öffent­liches Coming Out als Lesbe gewagt. In ihrer Rede spricht sie auch über die rigiden Geschlech­ter­normen, die allge­gen­wärtig und machtvoll unser tägliches Leben bestimmen und begrenzen. Das Beispiel, das sie nennt, zeigt deutlich die Bewer­tungen, die in den Stereotypen mitschwingen:

Ein Journalist fragte angesichts ihrer Kleidung (sie war gerade auf dem Weg zum Sport und hatte Sweatpants an), warum diese kleine Schönheit darauf bestehe, sich wie ein wuchtiger Mann anzuziehen. Ihre Antwort: »Weil ich mich gern behaglich fühle. Es existieren allge­gen­wärtige Stereotypen über Männlichkeit und Weiblichkeit. Die definieren wie wir alle uns verhalten, kleiden und sprechen sollen. Sie dienen niemandem. Jede/r, der diesen sogenannten “Normen” die Stirn bietet, wird zur Zielscheibe von Kommentaren und prüfenden Blicken.« Wie recht sie damit hat.

Hier kannst du dir die ganze Rede von Ellen Page anschauen.

… und hier…

Die Bewertung von männlich/weiblich spielt auch eine Rolle, wenn es um Homophobie und die Diskri­mi­nierung von Lesben, Schwulen und bisexuellen Menschen geht. Denn: je rigider ein Mensch an den Vorstel­lungen von männlich/weiblich festhält, desto größer ist die Wahrschein­lichkeit, dass er homophob ist. Das ist keine Erfindung von mir sondern steht mit Beleg in dem u. g. Artikel.

Hinzu kommt, dass unter Männern Homophobie stärker verbreitet ist als unter Frauen. Die Erklärung ist so einfach wie logisch: wenn ein Mann sich »unmännlich« verhält, wird er automatisch des Schwulseins verdächtigt. Er erfährt also eine doppelte Abwertung: er verliert seine Geschlechts­identität und seine hetero­se­xuelle »Normalität«. Damit ihm das möglichst nicht passiert und er als »richtiger« Mann wahrge­nommen wird, muss er sich vehement gegen Schwule und Lesben wenden, sie mit diskri­mi­nie­renden Äußerungen abwerten.

In diesem Zeit-Artikel über die Ursachen für Homophobie wird das sehr anschaulich und auf wissen­schaft­licher Basis analysiert.

… und auch an unerwarteter Stelle

Diese Bewertung findet sich übrigens auch in einem meiner Fachgebiete, über das ich hier noch nie geschrieben habe, wieder: in der Astrologie. Ich konnte das lange Zeit nicht glauben, wenn ich gehört habe, dass alles, was in der klassischen Astrologie als männlich gilt (Feuer­zeichen Widder/Lamm, Löwe/Löwin, Schütze und Luftzeichen Zwillinge, Waage, Wasser­trägerin), positiv darge­stellt werde. Alles dem Weiblichen Zugeschriebene komme dagegen schlecht weg, also alle Erdzeichen (Stier/Kuh, Jungfrau, Steinziege) und alle Wasser­zeichen (Krebs/Seespinne, Skorpion, Fische).

Irgendwann habe ich mir ein »klassisches« Lehrbuch gekauft und konnte kaum glauben, was ich lese. Ich fand diese Gegen­über­stellung (aus der Erinnerung zitiert, weil das Buch kurz danach im Müll das Zeitliche segnete):

männlichweiblich ggue

 

 

 

 

Ich habe nachge­forscht, wie das gemeint sein kann. Und da wird sich dann heraus­geredet mit Das-sei-doch-schon-immer-so, Das-Weibliche-sei-nunmal-biologisch-begründet-der-empfangende/passive/reagierende-Part oder Positiv-Negativ-sei-doch-nur-gemeint-wie-zwei-Pole-die-sich-gegenseitig-anziehen. Und so weiter.

Wenn ich sowas höre, schüttelt’s mich.

Und dieses Denken ist ja nicht nur in astro­lo­gischen Kreisen verbreitet. Wir hören sowas ja überall. Gerne wird betont, dass Instinkthaftigkeit-ja-nun-gar-nichts-sooo-Negatives-sei. Womöglich wird noch mit süffi­santem Grinsen hinzu­gefügt: So-ein-bisschen-was-Animalisches-kann-doch-auch-sehr-reizvoll-sein. Buaah!

Ganz unabhängig davon, wie diese Beschrei­bungen angeblich gemeint sind: sie sind hetero­zen­triert und auf klare Trennung von männlich/weiblich fixiert. Und sie erzeugen eine Wirkung.

Eine Wirkung, die mit gesell­schaftlich gewachsenen Bewer­tungen zu tun hat. Und da kommt reagie­rendes, gesche­hen­las­sendes, undurch­schaubares Verhalten sehr viel schlechter weg als Aktivität und Initiative.

Ich finde ja, dass in »reaktiv« eine große Kompetenz enthalten ist, nämlich die Fähigkeit, sich an Gegeben­heiten anzupassen, flexibel auf das zu reagieren, was gerade geschieht. Und Instinkt ist ja nun mal die Fähigkeit in uns, klar zu spüren, was not-wendig ist, was »richtig« ist. (Dass der Instinkt so eine negative Bewertung bei uns bekommen hat, verdanken wir zu großen Teilen Freud und seinen Freunden.)

Was allerdings hat das mit männlich/weiblich zu tun, bitte?

Bewertungen bewusst machen

Für mich ist das Entscheidende: wenn wir diese Begriffe lesen, erfordert das erst einmal Arbeit, sich von den Bewer­tungen zu lösen, um den Wert dahinter zu erkennen. Und weil die Bewer­tungen so wunderbar unbewusst in uns verankert sind, ist diese Arbeit nur mit sehr viel »Achtsam­keits­training« überhaupt erst möglich. Denn wenn ich nicht bemerke, was ich tue, kann ich es ja auch nicht verändern.

Fakt ist: tatsächlich alles, was mit Wasser oder Erde zu tun hat, hat in der klassischen Astrologie eine extreme Abwertung erfahren. Was wir heute (übrigens nicht nur Hobby-AstrologInnen oder der Quatsch in den Zeitungen sondern auch sehr viele, die die Astrologie profes­sionell anwenden!) unter den Zeichen verstehen, ist etwas völlig anderes als das, was uns die ursprüng­lichen Symbole und Mytho­logien übermitteln. Und die urspüng­lichen Bilder sind es, die die Qualität der Zeichen sichtbar machen, ihnen ihre eigentliche Tiefe und Vielfalt zurückgeben. Allen Zeichen übrigens, auch den Feuer- und Luftzeichen. Das habe ich in jahre­langer Forschung heraus­ge­funden.

Ein Beispiel

Was fällt dir spontan zur Jungfrau ein? Pedantisch, ordnungs­fa­natisch, kritik­süchtig, kühl bis frigide, rational, die perfekte Chefse­kretärin? So oder manchmal auch ein kleines bisschen freund­licher wird Jungfrau darge­stellt.

Kaum eins weiß heute noch, dass Jungfrau einst die Heilerin war. Weil sie um Ordnung weiß, die Ordnung im Körper, im Seelischen, im Geistigen, in der Gemein­schaft. Sie stellt sich in den Dienst einer höheren Ordnung, um zum Wohl der Menschen beizu­tragen, die Ordnung wieder­her­zu­stellen, zu heilen. Das und noch mehr können wir erfahren, wenn wir genauer hinschauen, zu den Ursprüngen zurückgehen.

Und uns nicht mit männlich/weiblich zufrie­dengeben.

Fazit 2: Die Fixierung auf die Kategorie männlich/weiblich zementiert Vorurteile gegenüber Männern und Frauen, trägt zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen bei und fördert Homophobie.

Im nächsten Teil der Reihe erfährst du einen weiteren Grund, aus dem ich gern unser »männlich/weiblich« über Bord werfen würde.

Danke fürs Lesen – die Astrologie ist ja nun verständ­li­cherweise nicht jeder­menschs Sache. Wenn du mehr über meinen Ansatz erfahren willst, schau sehr gerne hier oder hier auf meiner Website vorbei.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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