Raus aus der Bewertung – rein ins Glück! Eine nützliche Übung aus dem Veränderungscoaching (1)

In letzter Zeit hast du hier viel über Bewer­tungen lesen können. Dass wir ständig bewerten und was das für Folgen hat. Zum Beispiel im Zusam­menhang mit den Geschlech­ter­rollen und ihrer Begrenzung. Oder im Zusam­menhang mit der Entstehung und Entwick­lungs­dynamik von Konflikten.

Wir Menschen bewerten ja wirklich dauernd. Und unbemerkt. Es sei denn, wir haben uns schon viel geübt in Selbst­be­ob­achtung und Achtsamkeit. In diesem Artikel lernst du eine kleine, nützliche Übung kennen, die dir hilft, deine Bewer­tungen bewusst zu machen und zu verändern.

Warum uns Bewertungen unglücklich machen

Bewertungen machen eng

Wenn ich einen Menschen, ein Tier, ein Ereignis, einen Prozess bewerte, mache ich eng. Mich selbst und mein Bewer­tungs­objekt. Denn ich begrenze das Bewertete auf eine bestimmte Position auf einem Kontinuum von z. B. »gut« bis »schlecht«, »schnell« bis »langsam« oder »schön« bis »hässlich«. Da gibt es dann nur auf dieser dünnen von-bis-Linie Platz, obwohl unendlich viele Möglich­keiten existieren.

So oft habe ich im Berufs­wahl­coaching mit Jugend­lichen, die ein Praktikum machten, von Führungs­kräften den Satz »Er/sie ist zu langsam« gehört. Nicht einfach, da den Mut nicht zu verlieren und am Wunschberuf dranzu­bleiben.

Du kannst diese Wirkung von Bewer­tungen direkt erleben, indem du z. B. einen Sonnen­aufgang beobachtest. Einmal schaust du unkom­mentiert zu (also keine Kommentare in Gedanken oder gespro­chenen Worten) und nimmst auf, was du siehst und spürst. Beim anderen Mal kommen­tierst du nach Lust und Laune, jedes »oh wie schön« oder »was für ein langweiliges türkis« ist erlaubt. Und dann nimm den Unter­schied wahr: wie frei und weit du dich erlebt hast beim kommen­tarlosen Beobachten und wie begrenzt/begrenzend beim Kommen­tieren.

Bewertungen stecken in Schubladen

Mit jeder Bewertung mache ich eine Schublade auf, in die ich mein Bewer­tungsojekt verfrachte. Und da sitzt/liegt es dann, wird vergessen, manchmal hervor­geholt, aber selten wird es in Freiheit entlassen. Die Schubladen haben viel mit Vorur­teilen zu tun. Und mit grund­sätz­lichen Vorstel­lungen, die wir über uns und die Welt haben.

Du kannst deine Urteils-Freude überprüfen, in dem du dir z. B. eine Liste aus verschiedenen Bevöl­ke­rungs­gruppen oder Menschenarten erstellst. Da steht dann vielleicht »Vegane­rInnen sind…«, »Fußballfans sind…«,  »Chris­tInnen sind…«, »Männer sind…«, »Zwillinge (Stern­zeichen) sind…«. Mach die Liste so lang, wie du magst, ganz nach deinem Geschmack. Und dann schreibst du alles auf, was dir über jede/n einzelnen/n einfällt, wie sie denn so sind. Angeblich. Und wenn dir wenig einfällt: freu dich:)

Bewertungen werden wahr

Das, was ich sage und denke, erzeugt eine Realität. Das ist keine Erfindung von mir sondern das Fundament des Konstruk­ti­vismus und eine uralte Weisheit, die ich aus dem Buddhismus und Schama­nismus kenne. Und wir wissen das auch. Nur machen wir’s uns viel zu selten bewusst.

Hier ein sehr eindrucks­volles Beispiel dafür: Eine US-Studie belegt, wie der Spruch »Du bist dick« für Mädchen und Frauen ganz real wird.

Bewertungen können falsch sein

Jedes Urteil, das ich über mein Bewer­tungs­objekt fälle, ist subjektiv. Immer. Übrigens auch dann, wenn die Bewer­tungen scheinbar objektiv sind, wie Schulnoten zum Beispiel oder MitarbeiterInnen-Beurteilungssysteme. Meine Urteile sagen meist mehr über mich selbst als über mein Bewer­tungs­objekt aus. Denn es ist ja meine subjektive Wahrnehmung, die die Grundlage für meine Bewertung bildet, und die unter­scheidet sich von der Wahrnehmung jedes anderen Menschen. Manchmal nur in Nuancen, manchmal überdeutlich.

Das sind dann die Situa­tionen, in denen eine/r im Freun­dIn­nenkreis über einen Festi­val­besuch berichtet, bei dem du dabei warst, und du rätselnd daneben stehst und dich fragst, ob du wirklich dabei warst oder ob ein anderes Festival gemeint ist. Kennst du, oder?

Bewertungen führen zu Missverstehen und Konflikten

Ich behaupte, dass die meisten Konflikte deshalb entstehen, weil wir bewerten, ohne das  – uns selbst oder den anderen gegenüber – bewusst zu machen. Wir hauen uns gegen­seitig um die Ohren, was wir wie finden, anstatt darüber zu verhandeln, was wir erreichen wollen. Oder, besonders beliebt, wir bewerten unser Gegenüber als Mensch, obwohl wir nur ein bestimmtes Verhalten schrecklich oder anders finden.

Wie subtil das ablaufen kann, siehst du in dem kleinen fiktiven Beispiel, das ich im oben verlinkten Artikel zur Dynamik von Konflikten beschrieben habe (Stufe 2 – Debatte und Polemik). Darin wird deutlich, dass Heidi sich als »unwichtig« bewertet fühlt und Alois als »Idiot«, ob das nun so ausge­sprochen war vom Gegenüber oder nicht.

Außerdem steckt in jedem der 5 Bewertungen-machen-uns-unglücklich-Mechanismen ein kraft­volles Konflikt­po­tential: unser Gegenüber fühlt sich eingeengt oder falsch gesehen durch unsere Bewertung oder fühlt sich in eine Schublade gesteckt und setzt alle Energie daran, da rauszu­kommen. Oder wir fangen an zu streiten, wie denn der Festi­val­besuch nun »wirklich« war (so als gäbe es im mensch­lichen Miteinander eine objektive Wahrheit).

Das sind 5 gute Gründe, unser Bewertungsverhalten zu verändern

Damit wir das tun können, ist es meiner Erfahrung nach sinnvoll (wenn nicht sogar unerlässlich), zu begreifen, was wir eigentlich tun. Was wir tun, wenn ein Mensch etwas zu uns sagt. Wenn wir ein Verhalten beobachten oder ein Ereignis. Wenn wir reagieren auf das, was uns in jedem Moment begegnet.

Was passiert da eigentlich, wenn wir mit unserer Umwelt umgehen?

Die Grafik zeigt den inneren Prozess von Wahrnehmen, Bewerten und Fühlen, den ich hier schon einmal im Zusam­menhang mit der Wirksamkeit von Mediation beschrieben habe. Was passiert also?

BewertenGefühl

1. Wahrnehmen:
Ich gehe in einen Raum und sehe die Wandfarbe. Dabei habe ich die Brille meiner Physiologie, also meiner körper­lichen Grund­aus­stattung, und meiner Biographie auf der Nase.

2. Bewerten:
Auf der Basis dieser indivi­duellen Wahrnehmung bewerte ich die Farbe. Ich finde sie so oder so, zu dies oder zu das.

3. Fühlen:
Weil ich die Wandfarbe so bewerte, wie ich es tue, fühle ich mich irgendwie.

4. Handeln:
Und weil ich mich so oder so fühle, handle ich (mit dem Ziel, mein Wohlfühlen zu erhalten oder wieder herzu­stellen).

So machen wir das mit allem, was uns begegnet. Unbewusst und ständig. Und selten so übersichtlich der Reihe nach, wie das hier darge­stellt ist.

Im Beispiel sieht in deiner Wahrnehmung die Wandfarbe orange aus. Sie ist dir »zu aufdringlich« und du fühlst dich deshalb unwohl. Weil du dich besser fühlen willst, gehst du weg.

Was wäre, wenn…?

Jetzt stell dir mal vor, es wäre dir aus persön­lichen, beruf­lichen oder anderen Gründen total wichtig, dass du eine Weile in dem Raum bleibst. Weil da vielleicht die große Liebe deines Lebens sitzt. Oder gleich dein Bewer­bungs­ge­spräch oder eine andere Vertrags­ver­handlung statt­finden wird. Weil da jemand ist, der dir in einer wichtigen Frage weiter­helfen kann. Oder weil du hungrig bist und das der einzige Raum im näheren Umkreis mit Essbarem ist.

Schade, wenn du trotzdem rausgehst, oder?

Nehmen wir an, alles liefe anders: du siehst die Wandfarbe und denkst »Aha, orange«, fühlst dich unver­ändert und setzt dich hin.

Oder auch: du siehst das Orange an der Wand und denkst sofort »Cool, genau die Power, die ich jetzt brauche!«, freust dich über die unerwartete Unter­stützung und tust das, weswegen du herge­kommen bist.

Spannend, oder? Was da passiert, ist kein Zufall. Das kannst du mit deinem Denken selbst bestimmen: indem du in dir ein »Igitt«, ein »Aha«, ein »Cool« oder anderes erklingen lässt. Der Schlüssel für dein Glück liegt in deinem Bewer­tungs­ver­halten.

Und weil der Artikel beim Schreiben wieder mal länger geworden ist als gedacht, erfährst du im zweiten Teil, wie die Übung funktioniert, mit deren Hilfe du dein Bewerten verändern kannst.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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