Merkels persönliches Empfinden weniger persönlich nehmen – Projekt »Gelassenheit«

Ich liebe die Artikel des Zaunfinks! Weil sie so zornig sind. Feinsinnig, sarkastisch, analytisch treff­sicher und durch allen Zorn hindurch liebevoll. Der Kabarettist Christoph Sieber sagte neulich (ab 34:00, die ganze Sendung lohnt sich!), das Wichtigste, das uns fehle, sei der Zorn. Der Zorn und die Empathie. Beides liefert uns der Zaunfink!

Im Artikel »Das Paarprivilegien-Projekt: Fast wie richtige Menschen« beschreibt der Zaunfink, wie sich das Lebens­gefühl ändern würde, wenn wir tatsächlich ein Klima der Akzeptanz hätten. Wie eins dann auf homo- und transphobe Äußerungen ganz entspannt reagieren könnte: »es wäre ein Unter­schied, ihre Belei­di­gungen und Schein­ar­gu­men­ta­tionen anzuhören und dabei denken zu können: ›Schätzchen, dein Gequassel hat glück­li­cherweise nicht mehr die Macht, mein Leben mehr zu beein­flussen, als ich selber zulasse. Die Minderheit, das bist jetzt du, und das wissen wir beide.’”

Diese Gelassenheit ist großartig! Und auch in widrigen Umständen möglich.

Gelassen zu sein, wenn eins sich getragen fühlt von einer Gemein­schaftsnorm, z. B. einer gesell­schaft­lichen Haltung der Akzeptanz, ist relativ einfach. Gelassen zu sein unter widrigen Umständen, ist eine Sache der Übung.

Ich kenne dieses Glück der Gelas­senheit gut. Nicht, weil sie mir in die Wiege gelegt wäre. Ganz bestimmt nicht! Ich habe mir diese innere Entspanntheit durch mein jahre­langes Training in Sachen Kommu­ni­kation erarbeitet. Denn Kommu­ni­kation berührt immer die Frage »Wie gehe ich mit mir selbst um?«. Und zur Zeit erlebe ich, wie diese wieder­keh­renden inhaltslosen Angriffe auf elementare Menschen­rechte von Lesben, Schwulen, Bi, Trans* und Inter­se­xuellen (LSBTI) mich persönlich erwischen. Ich merke, dass ich das nicht mehr hören mag. Weil es mir was ausmacht.

Es macht mir was aus zu hören, wie Frau Merkel sich windet in Inhalts­lo­sigkeit und versucht, ihre demokra­tische Verant­wortung als Kanzlerin durch ihr persön­liches Empfinden zu ersetzen. Es macht mir was aus, dass sie findet, ihr Unbehagen (“Ich tue mich schwer damit”) reiche aus, um Diskri­mi­nierung von Menschen zu begründen. Und erst recht, wenn sie in einem Nebensatz jede »Ich bin für Gleichstellung«-Rhetorik zu dem erklärt, was sie ist: leere Rhetorik (z. B. in der Diskussion um ein vollständiges Adopti­onsrecht für schwule und lesbische Paare, wenn sie sagt »Es geht ja hier ums Kindeswohl”). Schon während ich das schreibe, geht mir fast wieder der Hut hoch.

Der Hut hat ja nun aber seinen Sinn… er hält die wild fliegenden Haare zusammen. Damit sie uns nicht die Sicht rauben und wir vor den nächsten Later­nenpfahl rennen. Deshalb: lasst uns die Hüte retten und gelassener sein!

Projekt Gelassenheit, Teil 1: Zur Sache, Baby!

In meinem Artikel »Die Argumen­ta­ti­ons­taktiken der Gleichstellungsgegner*innen: jenseits aller Fakten!« habe ich die Argumen­tation der Gleichstellungsgegner*innen unter die rheto­rische Lupe genommen und festge­stellt, dass sie gänzlich ohne Fakten auskommen. Wie Merkel mit ihrem vielzi­tierten Bauch­gefühl. Sie argumen­tieren mit Taktik, Plausi­bilität oder Moral, aber nicht mit Sachin­halten.

Diese Tatsache in einer Diskussion offen­zulegen und die Gleichstellungsgegner*innen damit zu konfron­tieren (immer wieder, nicht nur einmal, wie eine Schall­platte – wer sowas noch kennt – mit Kratzer), kann schon sehr viel zur eigenen Gelas­senheit beitragen. Weil dadurch deutlich wird, wie die Karten verteilt sind, wer wie fair oder unfair argumentiert, wo Fachkom­petenz zu finden ist und wo nicht. Damit kannst du Distanz herstellen zwischen dir und deinen Mitdis­ku­tie­renden. Und die ist der Schlüssel zu deiner eigenen Gelas­senheit. Du kannst dann (immer häufiger) dasitzen und denken »Ahja, jetzt kommt das, das kenne ich schon.« – »Aha, jetzt also so rum, bitteschön.« – »Ok, dann spielen wir jetzt so weiter…« …

Projekt Gelassenheit, Teil 2: Aha. Und sonst so?

In meinem zweiteiligen Beitrag über eine Übung aus dem Verän­de­rungs­coaching erfährst du, wie du mittel- bis langfristig gelassener mit deiner frauen-/homo-/trans*-/»fremden-«/menschenfeindlichen Umwelt umgehen kannst. Der Schlüssel liegt hier in deinem Denken. Wenn du – platt gesagt – über Merkel denkst »Die spinnt ja, was fällt der Frau ein, so eine xxx!« bringst du dich selbst in Rage. Wenn du statt dessen denkst »Aha. Frau Merkel offenbart Menschen­feind­lichkeit«, gelingt es dir besser, sachlich zu bleiben und dich nicht persönlich angegriffen zu fühlen.

Wichtig ist, dass du wirklich eine Alter­native zu deinem bisherigen Denken findest (hier unter Schritt 3 beschrieben). So hast du ad hoc eine entspanntere Denkweise parat und es fällt dir leichter, dich aus deiner Gewohnheit zu lösen.

Projekt Gelassenheit, Teil 3: Was ist los mit dir, Schätzchen?

Diese Selbstentspannungs-Technik basiert auf dem Kommu­ni­ka­ti­ons­modell von Friedemann Schulz von Thun (Miteinander reden, Band 1–3) und funktioniert auch ohne langwieriges Üben. Schulz von Thun sagt, dass wir nicht mit 2 sondern mit 4 Ohren ausge­stattet sind. Mit diesen 4 Ohren hören wir Botschaften, die mit Gesagtem mitge­schickt werden. Beides passiert bewusst oder ungewollt.

Beziehungsbotschaft…

Eines der 4 Ohren ist dasjenige, mit dem wir heraushören, was das Gegenüber im Untertitel darüber mitteilt, was/wie es über uns denkt. Das ist das Bezie­hungsohr und besonders dann weit offen (und alle anderen zu), wenn wir persönlich von dem Inhalt betroffen sind oder uns betroffen fühlen. Das Bezie­hungsohr ist hilfreich, wenn es um einen intensiven Kontakt mit dem Gegenüber geht. Und es ist gesund­heits­schädlich, wenn wir dieses Ohr am besten trainiert haben. Da hilft es auch nichts, zu wissen, dass 70% der Menschen (meine persönliche Schätzung) ebenfalls dieses Ohr besonders einsetzen.

Wenn du dich von einer menschen­feind­lichen Aussage angegriffen fühlst, wütend wirst oder verletzt reagierst, kann ein Grund dafür sein, dass dein Bezie­hungsohr auf vollem Empfang steht.

… und Selbstoffenbarung

Abhilfe schafft ein anderes Ohr. Nämlich das der Selbstof­fen­barung. Mit diesem Ohr hören wir heraus, was das Gegenüber mit seiner*ihrer Aussage über sich selbst verrät. Wir bekommen mit, dass das Gegenüber zum Beispiel gestresst ist, Angst hat oder nicht so recht herausrückt mit der Sprache. Das Selbstof­fen­ba­rungsohr hat viel mit Empathie zu tun (da landen wir wieder bei Christoph Sieber, s. o.). Und ja: es mangelt uns daran, auf diesem Ohr zu hören. Wir beziehen zu gern alles auf uns selbst, nehmen persönlich, was gesagt wird, als dass wir unsere Antennen auf unsere Gesprächspartner*innen richten. Was nicht heißt, dass wir nur noch auf dem Selbstof­fen­ba­rungsohr hören sollten! Dann werden wir nämlich zu Hobbypsycholog*innen.

Dieses Ohr ist ein kleines Wunderwerk – und hier liegt der Gelas­sen­heits­faktor -, denn es schafft gleich­zeitig mit dem Einfühlen eine gewisse Distanz zum Gegenüber. Wenn du bewusst versuchst, heraus­zuhören, was dein Gegenüber mit einer menschen­feind­lichen Aussage über sich selbst ausdrückt, wird dir klar, dass es dein Gegenüber ist, das so denkt. Und dass dieses Denken nichts mit dir zu tun hat.

Der Zaunfink liefert mit dem »Untertitel-Service« für das Interview von Youtube-Aktivist LeFloid mit Angela Merkel eine gekonnte Steil­vorlage für das Benutzen des Selbstof­fen­ba­rungsohrs. Allerdings mit der gewohnt-geliebten Ironie. Auch Ironie ist ein wunderbares Mittel der Distanz­her­stellung und damit zur Gelas­senheit. Und für Aussagen von Politiker*innen außerhalb einer Gesprächs­si­tuation oft eine hilfreiche Strategie.

Anders in einem Gespräch: hier ist Ironie eher dazu geeignet, wütender zu machen – dich selbst und dein Gegenüber. Deshalb hier ein paar Beispiele dafür, wie du das Selbstof­fen­ba­rungsohr so einsetzen kannst, dass mehr Empathie möglich wird.

Nehmen wir die Aussage »Ungleiches kann nicht gleich gemacht/behandelt werden«. Damit wurde und wird versucht, Diskri­mi­nierung zu recht­fertigen: die Lohnun­gleichheit zwischen Männern und Frauen, die Verhin­derung der Eheöffnung für schwule und lesbische Paare, der Ausschluss bestimmter Gruppen aus schulischer Bildung undso­weiter.

Gelassene Reakti­ons­mög­lich­keiten, die sich näher mit dem Gegenüber befassen und gleich­zeitig Distanz zum Eigenen herstellen:

  • »Was meinen Sie damit genau?«
  • »Heißt das, Sie finden, dass Frauen und Männer nicht gleich sind?«
  • »Meinen Sie damit, dass Hetero­se­xuelle anders lieben als Homose­xuelle? … Inwiefern?«
  • »Sie sagen also, dass homo- und hetero­se­xuelle so ungleich sind, dass sie nicht die gleichen Rechte bekommen sollen. Ich bin anderer Ansicht…«
  • »Sie verweigern also bestimmten Menschen ihre gesetzlich veran­kerten Rechte. Inter­essant.«
  • »Sie haben offen­sichtlich das Gefühl, im Recht zu sein mit Ihrer Meinung.«
  • »Ich habe den Eindruck, dass Sie es nicht ernst meinen mit der Gleich­stellung. Stimmt das?«

Je ehrlicher du deinen Gesprächspartner*innen ihre Wirkung auf dich mitteilst (die letzten beiden Beispiele), desto größer die Gefahr, dass eine unent­spannte Reaktion kommt. Dieser Umweg birgt aber auch die Chance auf eine ehrliche Ausein­an­der­setzung.

Ich hätte bitte gern Zorn und Gelassenheit!

Ein Wort zum Schluss: wenn wir gelassener auf unsere Umwelt regieren, fördern wir damit unsere Gesundheit. Und ein fried­volles Miteinander. Allerdings klappt das nur dann, wenn wir nicht innerlich weiter­brodeln, sondern wirklich gelassen SIND.

Genauso wichtig wie die Gelas­senheit ist unser Zorn. Der über Ungerecht­ligkeit und Unmensch­lichkeit zum Beispiel. Allerdings nützt der Zorn uns selbst und der Gemein­schaft nur dann, wenn wir ihn produktiv nutzen. Schreibend, politi­sierend, malend, disku­tierend, handwerkend, demons­trierend… Und eben, wenn wir uns an der richtigen Stelle in Gelas­senheit üben.

So kann’s gelingen! Was meinst du?


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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