Konflikte lösen sich dort, wo sie entstehen! Warum Mediation funktioniert

»Guten Tag, Sie wünschen?… Ein Leben ohne Konflikte? Oh, das tut mir leid, da muss ich sie leider enttäuschen: das »Konflktfreie Leben« haben wir schon lange nicht mehr im Angebot. Ich könnte mal im Keller suchen, ob ich noch ein kleines Bruchstück finde, vielleicht aus matri­ar­chalen Zeiten… aber auch das dürfte schwierig sein. Wissen Sie, die Menschen sind halt so wie sie sind, und jede/r ist anders. Und da sind Konflikte eben ganz natürlich. … Ah, Moment, eine Idee habe ich noch: wir könnten in der Abteilung Authen­tizität nachschauen! Da hatten wir mal ein »Unechtes Leben« im Regal. Wenn Ihnen das reichen würde, hätten Sie automatisch auch eins mit weniger Konflikten. Aber ganz ohne? Nein, das gibt’s nicht!«

Nun ja: herzlich willkommen im ganz normalen Leben, im Menschsein ;).

Was ist eigentlich ein Konflikt?

Ein bisschen habe ich dazu schon in meinem ersten Artikel geschrieben: »Jeder Konflikt ist eine Einladung zur Entfaltung… oder: warum der Blog „Konflikte entfalten“ heißt«. Dort ging es um innere Konflikte (z. B. eine Entscheidung, ein »Sich-nicht-rund-fühlen«, ein »Wollen-aber-nicht-wissen-wie”) und um äußere Konflikte (z. B. Teamkonflikt, Streit zwischen Nachba­rInnen, Beziehungs-Konflikt).

Wir können die Vorge­hensweise der Mediation grund­sätzlich für beide Arten von Konflikten einsetzen, hier jedoch beziehe ich mich nur auf die äußeren, sog. sozialen Konflikte. Und die finden jedesmal dann statt, wenn du irgendeine Form von Nicht-Übereinstimmung mit deinem Gegenüber erlebst, die dich beein­trächtigt.

Ein Konflikt aus wissenschaftlicher Sicht (Definition nach Friedrich Glasl)

Ein sozialer Konflikt ist eine Inter­aktion zwischen Akteu­rInnen (Personen, Gruppen, Organi­sa­tionen), wobei wenigstens ein/e AkteurIn persönlich bedeutsame Unver­ein­bar­keiten im Denken/Vorstellen/Wahrnehmen und/oder Fühlen und/oder Wollen mit dem/der anderen AkteurIn in der Art erlebt, dass er/sie sich durch den/die andere/n AkteurIn beein­trächtigt fühlt.

Einfach gesagt: Konflikte unter Menschen entstehen, weil wir Menschen sind. Konflikte unter Menschen finden dann statt, wenn eine/r sich in den eigenen Bedürf­nissen einge­schränkt oder verletzt fühlt.

Ein paar Beispiele für soziale Konflikte

Paar
Stell dir vor, du trennst dich von deinem Partner/deiner Partnerin. Ihr löst eure Verbindung zwar in beider­seitigem Einver­nehmen, seid euch jedoch uneinig darüber, wie ihr die gemeinsamen Besitztümer aufteilen sollt und mit wem der von euch beiden geliebte Hund leben darf.

Familie
Stell dir vor, in der Familie einer Freundin ist die Mutter gestorben und die Angehörigen haben sehr unter­schiedliche Vorstel­lungen darüber, die wie Bestattung aussehen soll.

Geschäfts­part­ne­rInnen
Stell dir vor, deine Geschäfts­partnerin hält Verein­ba­rungen nicht ein und trifft Entschei­dungen, die aus deiner Sicht das gemeinsame Unter­nehmen gefährden.

Praxis­ge­mein­schaft
Stell dir vor, du bist Teil einer medizi­nischen Praxis­ge­mein­schaft, in der sich die Dinge anders entwickeln als gedacht: ein Arzt verändert sein Angebot in Richtung medialer Heilweisen. Damit könnt ihr anderen ÄrztInnen euch nicht identi­fi­zieren und fürchtet um ihren Ruf.

Team
Stell dir vor, in deinem 7-köpfigen Arbeitsteam werden immer wieder homophobe Bemer­kungen und »Witze« gemacht, obwohl bekannt ist, dass ein Mitglied schwul ist. Dieses Teammitglied beschränkt inzwischen den Kontakt auf das Nötigste und denkt an Kündigung.

Partei­vorstand
Stell dir vor, in deinem Partei­vorstand wird um die Wahlkampf­strategie gerungen und ihr könnt euch einfach nicht auf eine gemeinsame Linie einigen.

Betriebsrat und Geschäfts­leitung
Stell dir vor, du bist Betriebsrat/Betriebsrätin in einem mittel­stän­dischen Unter­nehmen, in dem Umstruk­tu­rie­rungen geplant sind, von denen 60% der Mitar­bei­te­rInnen betroffen sind. Der Betriebsrat und die Geschäfts­führung haben sehr unter­schiedliche Vorstel­lungen darüber, inwieweit der Betriebsrat zu beteiligen ist.

Ausbil­dungs­betrieb
Stell dir vor, du bist AusbilderIn in einem kleinen Handwerks­betrieb. Dein Azubi hält sich wiederholt und immer häufiger nicht an vereinbarte Regeln, reagiert unwillig auf Arbeits­aufträge und lässt in der Leistung nach. Du weißt nicht, was los ist.

Auf den ersten Blick sehen die meisten Beispiele vielleicht nach einem mehr oder weniger einfachen Konflikt aus. Da geht es um die Verteilung von Ressourcen und unter­schiedliche Vorstel­lungen, Werte, Überzeu­gungen oder Interessen. Vorder­gründig. Hier sind wir auf der Sachebene, dem Inhalt des Konflikts.

Was außerdem in jedem(!) Sachkonflikt mitschwingt, ist die Bezie­hungsebene. Und hier sind wir auf der Ebene, wo es um die Menschen geht, die beteiligt sind.

Alle Konflikte entstehen bei uns Menschen. In unseren Köpfen, Herzen und Händen.

Was ich damit meine?
Ein Beispiel: die Wandfarbe mag gelb oder orange sein, das ist gleich­wertig. Vielleicht lässt sich das sogar messen: wieviele gelbe und rote Farbpigmente sind beige­mischt. Das eigentlich Entscheidende ist jedoch, dass wir auf die Wandfarbe ganz verschieden reagieren. Und diese Reaktion setzt sich aus vier Bestand­teilen zusammen:

Wir nehmen die Wandfarbe unter­schiedlich wahr.
Das hängt mit unserer physiol­gischen Ausstattung zusammen und mit unserer Erfahrung/Gewöhnung.

Wir bewerten aufgrund dieser Wahrnehmung die Wandfarbe. Wir benennen, was wir sehen.
Dir gefällt die Farbe. Oder du findest sie einen Tick zu zitronig oder zu rötlich oder einfach scheußlich. Oder du magst sie nicht, weil sie dich an den Praxisraum deiner Zahnärztin erinnert.
Und ruck-zuck landen wir so beim dritten Schritt:

Wir fühlen uns aufgrund dessen, wie wir die Wandfarbe bewertet haben, irgendwie.
Wenn du die Farbe magst, fühlst du dich wohl. Wenn du sie zu gelb oder zu rot oder zu hell oder zu irgendwas findest, fühlst du dich vielleicht gestört, unzufrieden, unwohl. Oder du bekommst ein beklem­mendes Gefühl wie in der Praxis deiner Zahnärztin.

Und dann handeln wir. Wir handeln, um uns »gut« zu fühlen. Also sicher, vertraut, stimmig, geborgen, wohl, harmonisch, im Einklang.
Du bleibst in dem Zimmer. Oder du gehst einfach raus. Oder du flüchtest vor dem »zahnärz­tingelb«. Oder du fragst den/die Wandstrei­cherIn, wie er/sie nur so bescheuert sein kann, eine solche Farbe zu verwenden. Oder du beschließt, künftig alle Menschen zu meiden, die ihre Wand so streichen. Oder du nimmst dir einen Farbeimer und streichst die Wand neu. Oder du startest eine Initiative zur Förderung des Schwarz-Weiß-Sehens. Und so weiter.

Diese vier Schritte finden statt, wenn wir mit irgendetwas konfrontiert sind. Also immer. Die ersten drei Schritte zu 90% unbewusst und völlig durch­ein­an­der­ge­mischt. Wie in der Trommel einer Wasch­ma­schine. Die saubere Wäsche, die übrig­bleibt, ist dann unser nach außen sichtbares Verhalten. Unser Verhalten in Bezug auf die Sache und die betei­ligten Menschen. Wären wir allein und niemand wäre beteiligt an der Sache, ginge alles reibungslos. Sind wir aber nur selten. Und so entstehen ganz automatisch Konflikte.

Hier also – bei uns Menschen – entsteht der Konflikt.
In unseren Köpfen (Bewertung), unseren Herzen (Fühlen) und unseren Händen (Handeln).

Und genau hier kann er auch gelöst werden!

In der Mediation gehe ich davon aus, dass jeder Mensch so handelt, dass er sich möglichst »gut« fühlt. Jede Handlung hat zum Ziel, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Wir Menschen wollen uns sicher, frei, satt, authentisch fühlen, wir wollen geliebt, gesehen, respektiert werden, brauchen Anerkennung, Gebor­genheit, Teilhabe, Gerech­tigkeit, Erfolg, Inspi­ration, Freude, Verbun­denheit. Jede und jeder in einem anderen Mischungs­ver­hältnis.

Und diese Bedürfnisse bekommen in der Mediation Raum. Hier dürfen sie benannt werden. Und hier werden sie gesehen. Wenn ich mit den Konflikt­parteien in der Mediation an den Punkt komme, wo sie sich wieder als Menschen mit Bedürf­nissen und Gefühlen wahrnehmen und begegnen können, ist die Lösung des Konflikts meist nicht mehr weit. Denn sobald wir uns nicht mehr als Feinde, Gegne­rInnen, Beschuldigte oder Opfer sehen, kann etwas in uns weich werden. Wir können unsere harten Fronten verlassen, weil wir z. B. spüren: »Hey, ihr geht’s eigentlich ähnlich wie mir… sie will einfach nur, dass unser Projekt gut läuft… sie macht’s einfach nur anders als ich«.

Wir bekommen mit unserem Menschsein Raum. Einen Raum, der groß genug ist, dass alle darin Platz finden. Mit ihrer ganzen Vielfalt.

Und genau deshalb funktioniert Mediation! Genau darin liegt ihre Kraft! 


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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