»Hilfe, ich darf eine Rede halten!« Wirkungsvolle rhetorische Werkzeuge für eine gute Rede

»Hallo Frau Machold, Sie sind mir empfohlen worden. Ich muss nächste Woche eine Rede halten. Vor ganz vielen Leuten. Und ich hab sowas doch noch nie gemacht! Können sie mir ein paar Tipps geben? Ich hab keine Ahnung, wie das geht.«

In den letzten Wochen erhielt ich mehrfach solche und ähnliche Anfragen von Menschen, die eine kleine oder größere Rede vor sich hatten. Das bringt mich nun dazu, ein paar wirksame Empfeh­lungen zusam­men­zu­tragen.

Eine kleine Auswahl aus den Basics der Rede-Rhetorik

Sie stammen aus meiner 16jährigen Erfahrung als Trainerin und haben sich in der Praxis bewährt. Sowohl in meiner eigenen wie auch bei den Menschen, die ich in meinen Rheto­rik­trainings und Kommu­ni­ka­ti­ons­se­minaren begleitet habe.

Es gibt viele verschiedene Arten von Reden, die sich meist aus dem Anlass oder dem Ziel ergeben. Die politische Überzeu­gungsrede. Die Trauerrede. Die Infor­ma­ti­onsrede, der Sachvortrag, das Referat. Die Meinungsrede. Festrede. Die Eröff­nungsrede, das Grußwort. Laudatio, Dankesrede, Würdigung. Und mehr.

Für jede Redeart gelten in der Vorbe­reitung und Durch­führung besondere Bedin­gungen, auf die ich hier nicht eingehen werde.

Für alle Redearten gilt: dein wichtigstes Ziel ist, dass du verstanden wirst.

Dazu musst du deine Zuhörenden zu Teilneh­me­rInnen werden lassen. Deine Rede ist dann gut, wenn deine Teilneh­menden innerlich beteiligt sind – die ganze Zeit, während du sprichst. Gar nicht einfach! Sehr viele Redne­rInnen, auch solche, die das profes­sionell machen, schaffen das nicht. Erinnere dich einfach mal an deine Schulzeit zurück, an deine Ausbildung, dein Studium. Welchen Lehrenden hast du wirklich gerne zugehört? Welchen konntest du
gut folgen?

Wenn du verstanden werden willst, empfehle ich dir 5 Werkzeuge:

 

Einfach drauf­losreden und trotzdem irgendwo ankommen? Das können nur wenige geübte Spreche­rInnen.

Deshalb: achte auf einen klaren Aufbau und eine für deine Teilneh­menden nachvoll­ziehbare Struktur. Du kannst, je nach Situation, deine Gliederung visua­li­sieren, also für alle sichtbar machen. Zum Beispiel an einem Flipchart, mittels Beamer oder in einem Übersichtsblatt, das du den Zuhörenden austeilst.

Um eine klare Struktur hinzu­be­kommen, musst du genau wissen, was du mit der Rede erreichen willst. Willst du infor­mieren, überzeugen, eine bestimmte Atmosphäre herstellen, honorieren oder anderes? Was soll am Ende deiner Rede im Raum schweben? Überra­schung, Zustimmung, Heiterkeit, Betrof­fenheit, Aktions­be­reit­schaft…?

Lege besonderes Augenmerk auf den Beginn und auf das Ende deiner Rede, getreu dem Motto »Der Anfang prägt – das Ende haftet«.

Zum einen rhetorisch: fang erst an zu sprechen, wenn du bereit bist, gut stehst und die Aufmerk­samkeit deiner Teilneh­menden hast. Schau sie direkt an und beginne mit klaren, freund­lichen Worten. Am Ende deiner Rede verkneif dir ein »Ja, das war’s eigentlich« und setze statt dessen einen deutlichen Schlusspunkt. Und wenn’s nur ein »Vielen Dank!« ist.

Was die inhaltliche Seite betrifft, braucht deine Rede eine innere Drama­turgie. Beginne, indem du z. B. mit einem pfiffigen Zitat, einer persön­lichen Begebenheit oder einem Ereignis, das alle kennen, zum Thema hinführst. Baue den Mittelteil so auf, dass dein Ziel vorbe­reitet und unter­mauert wird. Und beende deine Rede mit einer Formu­lierung, die das, was du erreichen willst, in einem Satz zum Ausdruck bringt. Ein Statement, eine Auffor­derung oder eine Frage zum Beispiel.

Benutze einfache Wörter, die jede/r verstehen kann.

Auch wenn Fachbe­griffe und Fremd­wörter vielleicht schlau und kompetent klingen: sei sparsam damit und nutze sie nur, wenn du in einem Fachgremium sprichst. Oder wenn du sie wie nebenbei erklärst (das »wie nebenbei« ist hier wichtig, deine Teilneh­menden sollen ja nicht das Gefühl haben, du hieltest sie für ungebildet).

Gestalte auch deinen Satzaufbau einfach. Also keine langen Bandwurmsätze, bei denen du am Ende selbst nicht mehr weißt, worauf du hinaus wolltest, oder dich mit der Grammatik verhedderst.

Das Prinzip »einfach« gilt auch für deine Visua­li­sie­rungen. Besonders bei Powerpoint-Präsentationen lassen sich sehr viele Redne­rInnen dazu verleiten, die Folien viel zu voll zu packen. Eine Visua­li­sierung soll das, was du sagst, stützen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn deine Teilneh­menden jedoch mehr mit dem Lesen (oder gar Entziffern!) als mit dem Zuhören beschäftigt sind, geht das zu Lasten der Verständ­lichkeit und der inneren Betei­ligung.

Weniger ist mehr, ist hier die Devise.

Kurze Sätze mit präziser, treffender Wortwahl sind sehr viel wirkungs­voller als ein halber Roman. Manche von uns neigen dazu, einen Sachverhalt mehrfach zu umschreiben und produ­zieren so unnötige Wieder­ho­lungen. Beispiel: »Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass wir sehr froh sind, dass das alles so gut geklappt hat und nun alles funktioniert wie es soll.« Das geht kürzer: »Wir freuen uns, dass alles so funktioniert, wie Sie es erwarten.«

Noch was: halte dich an deinen Zeitrahmen oder unter­schreite ihn leicht. Aus Rücksicht auf deine Teilneh­menden, nachfolgende Redne­rInnen und den Gesamt­ablauf.

Mach es deinen Teilneh­me­rInnen so einfach wie nur möglich, dir mit innerer Betei­ligung zuzuhören.

Unterhalte sie! Wenn du eine/n Enter­tainerIn zu deinem inneren Team zählst, schicke ihn/sie auf die Bühne. Falls nicht, bring ein bisschen Würze in deine Rede.

Zum Beispiel durch frische Kräuter: O-Töne/Zitate, Fragen, direkte Ansprache. »Stellen Sie sich vor: da sagt er zu mir ›Mach dich vom Acker, Alte!‹ – Was hätten Sie an meiner Stelle getan?«. Das könnte wunderbar zum Einstieg in einen Vortrag über Jugend­kri­mi­nalität gehören.

Oder durch Humor (womit nicht gemeint ist, Witze zu erzählen!). Vorsicht allerdings: je nach Region wird Humor sehr unter­schiedlich empfunden – also bitte nur, wenn du dich damit »heimisch« fühlst.

Salz in der Wortsuppe kann auch eine schöne Visua­li­sierung sein, eine lebhafte Gestik und Mimik, eine abwechs­lungs­reiche Stimm­führung (laut-leise, hoch-tief, schnell-langsam, Pausen), Dialekt-Ausdrücke oder –Färbung, verschiedene Standorte im Raum, eine Vorführung, ein Rollenspiel, eine Auffor­derung zum Mitmachen, ein wundersamer Gegenstand, dessen Bedeutung du erst gegen Ende deiner Rede enthüllst. Oder anderes.

Die Haltung, mit der du an eine Redesi­tuation herangehst, beein­flusst in hohem Maß, was wie ablaufen wird und wie sich alle Betei­ligten fühlen werden.

Ich empfehle dir dreierlei:

Freu dich auf deine Teilneh­menden. Freu dich, ihnen was erzählen zu dürfen. Dass du dabei Lampen­fieber hast, ist völlig normal, eine tief verankerte Körper­re­aktion. Lass dich davon nicht beirren. Atme.

Mach dir klar, dass du es nicht (oder nur sehr begrenzt) in der Hand hast, was deine Teilneh­menden mit deiner Rede anfangen werden. So funktioniert Kommu­ni­kation. Ich schicke ein Paket los und hoffe, ich habe alles bruch­sicher verpackt. Ob alles heil geblieben ist, weiß ich nur, wenn ich eine Reaktion von dem/der Paket­emp­fängerIn bekomme. Und wer weiß schon, was auf dem Trans­portweg so alles passiert?

Stell dich in den Dienst der Sache oder deiner Teilneh­menden. Dein Ego darf mal eine Weile die Klappe halten. Denn, worum geht’s nochmal? Genau: deine Teilneh­menden sollen dich verstehen. Und das gelingt nur, wenn du dich selbst nicht so wichtig und statt dessen deine Teilneh­menden ganz in den Fokus nimmst. Gib ihnen, was sie brauchen, überrasche sie, unterhalte sie, lass sie sich gut fühlen.
 Ich weiß, wenn du eine Runde Schweins­haxn­lieb­ha­be­rInnen davon überzeugen willst, im Gemein­de­kin­der­garten wöchentlich zwei Veggie-Days einzu­führen, wird das schwierig sein. Schwierig, ja. Und dennoch möglich.

 

Diese Werkzeuge sind keine Zauber­mittel. Das Entscheidende für eine gute Rede ist, dass du in allem, was du sagst und wie du agierst, einigermaßen echt bist.

Da ist sie wieder, die Authentizität

Authen­tisches Auftreten ist gerade wieder sehr gefragt. Vielleicht ein Trend. In meinem Artikel »Authentisch sein – eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit?« habe ich vor kurzem dazu geschrieben.

Echtes, unver­stelltes Auftreten? Leichter gesagt als getan. Drei Beispiele:

Häufig werde ich von Menschen, die Dialekt sprechen, gefragt, ob sie hochdeutsch sprechen müssen. Die Antwort ist nicht einfach. Es hängt zum einen von den Teilneh­menden und dem gesamten Setting ab. Es hilft ja nichts, wenn du in tiefstem Oberbayrisch daher­kommst und kein Wort verstanden wird. Es hilft aber auch nichts, wenn du dich wie verrückt anstrengst, a bisserl hochdeutscher zu reden, dadurch aber deinen Charme, deine Natür­lichkeit, deinen Witz, deine Entspanntheit, deine Emotio­nalität, deine innere Flexi­bilität verlierst. Entscheidend ist: tu, was zu dir passt und womit du dich wohlfühlst.

Die Kleiderfrage. Auch so eine Sache, ganz besonders für Frauen. Weil Frauen immer noch sehr viel stärker nach ihrem Äußeren beurteilt werden als Männer. Dazu könnten wir einige Seminartage füllen. Also: kurzer Wohlfühlrock und hohe Amusement-/Neid- aber geringe Kompe­ten­zwerte? Oder doch lieber die unauf­fällige, ungeliebte Business-Hose? Bei (verhasster) Anzug­pflicht aus dem Rahmen fallen weil ohne Anzug oder unwohl fühlen weil mit? Hier können oft Kompromisse gefunden werden. Der Anzug im sport­lichen Look oder ohne Krawatte. Der Rock mit flachen, festen Schuhen kombiniert. Entscheidend auch hier: zieh dich so an, dass du dich wohl und sicher fühlst. Oder, wenn du das als Frau willst: zieh dich strategisch an.

Alle Kolle­gInnen verwenden eine Powerpoint-Präsentation und du magst kein Powerpoint und auch kein Prezi? Schön, dann wird deine Rede eine sein, bei der mal wieder alle aufwachen ;). Entweder, weil du statt dessen am Flipchart schreibst. Oder weil deine Folien­ge­staltung besonders ist. Extrem minima­listisch, stilvoll oder aus mittlerer Raumdistanz noch gut lesbar.

Wenn du dich »verkleidest« oder verstellst, mutest du deinen Teilneh­menden zu, ständig mit einem inneren Konflikt unterwegs zu sein. Dem Konflikt, mit der sogenannten Inkon­gruenz, also der wahrge­nommenen Wider­sprüch­lichkeit in deinem Auftreten, umzugehen. Dem Konflikt, wem sie nun glauben sollen: deinen Worten, deinem Auftreten, ihrem Gefühl? So kann dir kaum eine/r wirklich zuhören.

Es gibt gerade in der Rhetorik vieleviele Ratge­be­rInnen, die in Seminaren oder Büchern Rezepte verkaufen… »Mach das so und so, dann wird deine Rede ein Knaller!«. Das ist verfüh­rerisch. Und leider in 90% der Fälle erfolglos. Warum funktio­nieren in Rhetorik und Gesprächs­führung keine Rezepte?

Sprechstil und Persönlichkeit: wir sprechen, wie wir sind!

Jeder Mensch hat einen eigenen Sprechstil.

Die eine ist eine ruhige, unauf­geregte und sachori­en­tierte Zeitge­nossin und spricht eher langsam und gleichmäßig und mit wenig Gestik. Der andere ist gedanklich sehr fix und beweglich und spricht eher schnell, in kurzen Sätzen und springt mit Leich­tigkeit von einem Thema zum anderen.

Dieser persönliche Sprechstil hat immer etwas mit dem Menschen zu tun: wir sprechen, wie wir sind!

Stell dir vor, du bist schüchtern und zurück­haltend in deinem Wesen. Dann trittst du wahrscheinlich eher »leise« auf: leise Stimme, wenig raumgreifend, wenig Gestik. Jetzt sagt dir jemand: sprich doch einfach laut und benutze deine Hände, um deine Worte zu unter­streichen. Und…? Genau: es kann nicht funktio­nieren. Weil du so bist, wie du bist.

Nur wenn die Rezepte für dein Geschmacks­emp­finden abgewandelt werden, kannst du ein Gericht kochen, wie es dir schmeckt. Dann kannst du die rheto­rischen Mittel und Werkzeuge wirkungsvoll einsetzen. Weil sie zu dir passen.

Mein Rat zum Schluss

Such dir aus meinen Empfeh­lungen das aus, was zu dir passt. Das andere vergiss einfach.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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