#Frauen können und wollen nicht #führen. Jedenfalls nicht so. #unternehmenskultur

Danke an Helen Hahne von EDITION F, die mit ihrem Artikel »Warum unfähige Männer so oft in Führungs­po­si­tionen sind« sehr aufschluss­reiche Forschungs­er­gebnisse sichtbar macht, die 2013 in einem Harvard Business Review-Artikel von Tomas Chamorro-Premuzic veröf­fentlicht wurden.

Darin geht es um Fähig­keiten, Denk- und Verhal­tens­weisen von Männern und Frauen und unseren gesell­schaft­lichen Umgang damit als Erklärung dafür, warum immer noch so wenige Frauen in Führungs­po­si­tionen sind.

Ich freue mich sehr, dass das, was ich seit vielen Jahren denke und worauf ich meine Arbeit ausrichte, wieder einmal wissen­schaftlich belegbar ist. Gleich­zeitig will ich mit diesem Artikel die psycho­lo­gische Sichtweise des Autors um einen erwei­terten Blick auf unsere Kultur und das, was wir dafür halten, ergänzen. Schließlich gibt es ja eine Wechsel­wirkung zwischen indivi­duellem Denken und Handeln einerseits und System­kultur andererseits (mit System­kultur meine ich die Kultur, die wir in Unter­nehmen und Organi­sa­tionen, in der Gesell­schaft, in den Familien etc. erschaffen und erleben).

Unser Bild von Männern und Frauen

In unserer Vorstellung vom Zusam­menleben als Menschen sind Männer die Außen­dienstler. Die, die gegen Angreifer kämpfen und sich im wilden Erwerbs­ar­beits­dschungel erfolgreich behaupten, aber auch mit anderen Stämmen netzwerken und sich verbünden. Und sie sind diejenigen, die die Regeln für die Gemein­schaft bestimmen. Davon abgesehen müssen sie sich um nicht viel anderes kümmern als um sich selbst und ihren Jagderfolg.

Die Frauen sind die Backoffice-Managerinnen. Die, die sich um die Einhaltung der Regeln kümmern, um die Kinder, die Alten, die Kranken, die Tiere, die Notlei­denden und um die Ernährung der Menschen im Clan. Und um den Fortbestand des Clans. Und sein Glück, seine Kultur, sein gutes Leben. Dafür müssen sie aber nicht so tapfer und wagemutig sein wie die Männer, denn sie sammeln ja nur, was friedlich vor sich hinwächst. Und sie müssen sich auch nicht um sich selbst kümmern. Wann denn auch.

Dass dieses Bild immer noch wirksam ist, zeigen nicht nur zahllose Bücher und Argumen­ta­ti­ons­linien, die sich auf die Jäger und Sammle­rinnen berufen, sondern auch die tägliche Erfahrung von Müttern und Vätern, die ihre Kinder zu freien Menschen erziehen wollen. Oder Trans*personen und inter­se­xuelle Menschen, die permanent mit diesen Vorstel­lungen konfrontiert sind. Überhaupt alle, die sich mit diesen engen Rollen­zu­schrei­bungen nicht zufrie­dengeben.

Matri­ar­chats­for­schende sagen schon lange, dass das Quatsch ist mit dieser prähis­to­rischen Arbeits- und Fähig­kei­ten­teilung. DieStandard und der SWR haben ihnen in den letzten Monaten Recht gegeben.

Tatsache ist, dass es bestimmte Fähig­keiten zu geben scheint, die häufiger bei Frauen festge­stellt werden als bei Männern, z. B. Empathie, emotionale Intel­ligenz, das Zurück­stellen eigener Bedürfnisse, Beschei­denheit, das Denken ans »große Ganze«. Dem gegenüber stehen Fähig­keiten, die eher Männer zu haben scheinen, wie Durch­set­zungs­fä­higkeit, Egozen­triertheit oder Selbst­ver­trauen. Diese Unter­schiede haben jedoch nichts mit »unserer Natur« zu tun sondern mit der Wirksamkeit der Rollen­bilder. Das ist z. B. in diesem ZEIT-Artikel aus der Sicht der Neuro­biologie beschrieben.

Unser Bild von gutem Führen

Nicht nur Hobby-Astrolog_innen behaupten gerne und wiederholt, dass Menschen mit dem Stern­zeichen Löwe die geborenen Führungs­per­sön­lich­keiten seien (Das ist Unfug! Wenn, dann sind das Menschen mit einer Steinziegen-Betonung. Dazu gerne mehr auf Nachfrage.). Weil sie gern im Mittelpunkt stehen, dominant sind und mit ihrem strah­lenden Glanz andere in ihren Bann ziehen. Aha.

Der Psychologe Chamorro-Premuzic schreibt in seinem eingangs genannten Artikel, dass unsere Vorstellung von guter Führung bzw. Führungs­ei­gen­schaften den Verhal­tens­weisen bestimmter Persön­lich­keits­stö­rungen entsprechen:

  • Narzissmus (egozen­trische Selbst­ver­liebtheit, Selbst­über­schätzung, Überheb­lichkeit, Vorteils­denken),
  • Psycho­pathie (Mangel an Empathie, Selbst­kon­trolle und Selbst­ver­ant­wortung, krank­haftes Lügen, überstei­gertes Selbst­wert­gefühl),
  • Machia­vel­lismus (skrupelloses Macht­streben mit allen Mitteln) und
  • Histrionie (histrio, lat. Schau­spieler: egozen­trisches, drama­ti­sie­rendes, theatra­lisches Verhalten, Streben nach Anerkennung).

Das liest sich wie die typische (Negativ-)Beschreibung von Löwe in der klassischen Astrologie.

Sehr inter­essant.

Ich habe mal einen Geschäfts­führer erlebt, der bei seiner Antrittsrede eine Show veran­staltet hat, die viele Kolleg_innen überzeugt hat. Ich dachte spontan: »ich glaub dir kein Wort«. Wie sich heraus­stellte, trafen viele dieser Verhal­tens­weisen auf ihn zu. Er hat sich maßlos finanziell bereichert, hat betrogen und gelogen und das Unter­nehmen gegen die Wand gefahren. Eine Weile, nachdem ich das Unter­nehmen verlassen hatte, wurde er mit dem Sicher­heits­dienst vom Gelände geführt. Soweit ich weiß, läuft seine Klage gegen das Unter­nehmen noch – und er ist woanders als Interims-Manager einge­stiegen.

Unser Bild vom richtigen Wirtschaften

Ich bewege mich in verschiedenen beruf­lichen Netzwerken und begegne dort Menschen, überwiegend Männern, die Unter­nehmen leiten. Solchen, die das mit Herzblut, Überzeugung und Verant­wortung tun. Und vielen­vielen aufge­blasenen Luftnummern: Schau­spieler, die bei genauerem Blick wenig Substanz haben. Männer, die vermutlich aus genau den Gründen in dieser Position sind, die Chamorro-Premuzic beschreibt: wir Menschen halten Selbst­be­wusstsein und Selbst­ver­trauen (sogar überzogenes) für Kompetenz.

Es wundert mich nicht, dass genau solche Menschen in unserem Wirtschafts­system erfolgreich sind. Zumindest kurzfristig, denn laut Chamorro-Premuzic führen dieselben Eigen­schaften, die das Gelangen in so eine Position ermög­lichen, zum Scheitern in dieser Aufgabe. Weil für gutes Führen eben auch Beschei­denheit, Rücksichtnahme und Empathie notwendig sind. Nur will das kaum eins wissen oder wahrhaben.

Denn dann würden wir begreifen, was wir tun. Wir würden merken, dass die willenlose Wachs­tums­gläu­bigkeit in die Irre führt. Dass die kapitalistisch-patriarchale Profitgier nicht funktioniert. Dass wir mit den globalen Ressourcen, den Menschen, den Tieren, der Erde respektvoll umgehen müssen.

Statt dessen setzen wir auf Gewinn­ma­xi­mierung um jeden Preis (den andere dafür bezahlen müssen). Statt die Vielfalt zu stärken setzen wir auf Monokulturen. Nicht nur in der Landwirt­schaft. Und zerstören damit die Grundlage unseres Lebens. Wir züchten Sauen, die noch mehr Ferkel »produ­zieren« und werfen dann die schwä­cheren Ferkel auf den Müll, weil die Muttersau nicht genug Zitzen hat, um alle zu versorgen. Wir schweißen Bananen einzeln in Plastik ein und wundern uns, dass die Meere kolla­bieren. Wir lassen Kinder und junge Frauen für einen Hungerlohn unsere Klamotten nähen. Nehmen Affen ihre Freiheit, um sie für eine effizi­entere Kokos­nussernte abzurichten. Wir hören nicht auf, Tierversuche zu finan­zieren, obwohl wir wissen, dass sie nutzlos sind. Wir rotten die Bienen aus. Wir berauben für den Palmenanbau Menschen und Orang Utans ihres Lebensraums. Der Wahnsinn hat System. Unseres.

In diesem System haben Männer das Sagen, weil wir Überheb­lichkeit und Egozen­trismus mit Führungs­qualität verwechseln. Chamorro-Premuzic nennt das so: »The result is a patho­logical system that rewards men for their incom­petence while punishing women for their competence, to everybody’s detriment.«

Zum Glück gibt es schlaue Menschen, die Alter­nativen entwickeln. Und mittlerweise werden sie auch immer wieder mal sichtbar. Sina Trink­walder zum Beispiel, die ihr Unter­nehmen ganz anders führt und sich selbst den Mindestlohn zahlt. Oder Ökono­minnen, die ihr Denken an der gesamten gesell­schaftlich notwendigen Arbeit, nicht nur der bezahlten, ausrichten, wie sie die Süddeutsche im Artikel über Feminis­tische Ökonomie und die Männer-Wirtschaft portraitiert.

Wenn du einen vertieften Einblick in Feminis­tische Ökonomie willst, empfehle ich dir den Aufsatz Feminis­tische Ökonomie, Ökofe­mi­nismus und Queer Ecologies von Prof. Christine Bauhardt, Leiterin des Fachge­bietes Gender und Globa­li­sierung an der Berliner Humboldt-Universität. Ich durfte sie auf einer Tagung kennen­lernen und freue mich sehr, eine so große Denkerin unter uns zu wissen!

Unser Bild vom guten Leben

Als Erklärung, warum so wenig Frauen in Führungs­po­si­tionen sind, werden neben struk­tu­rellen Hinder­nissen (die »Glasdecke«) vor allem persönliche Gründe genannt: Frauen könnten und wollten auch gar nicht führen.

Ich glaube, das stimmt. Viele meine Kundinnen wären super in einem Führungsjob, weil sie gut mit sich und anderen umgehen, humanis­tische Ziele haben, die Welt besser machen wollen und optimistisch-lösungsorientiert denken. Allerdings haben sie in unserem Denk- und Wirtschafts­system schlechte Chancen, wie Chamorro-Premuzic eindrücklich belegt. Sie müssten mindestens schau­spielern und skrupellos sein, um dahin zu kommen. Und genau deshalb wollen viele Frauen eben auch keine Führungs­po­sition, in der Wirtschaft genau­sowenig wie in der Politik: »Wenn ich nicht ehrlich sein kann, will ich das nicht tun«. Das höre ich oft. Übers Authentisch sein – eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit habe ich einen meiner ersten Blogartikel geschrieben.

Inter­essant ist, dass Frauen eher diejenigen Parteien und Kandidat_innen wählen, die für eine gesell­schaftliche Erneuerung und für Werte wie Mensch­lichkeit und soziale, ethische und ökolo­gische Verant­wortung stehen. Das zeigt sich bei fast jeder Wahl, zuletzt bei der Bundes­prä­si­den­tenwahl in Österreich (60% der Wähler_innen Van der Bellens waren Frauen). Ich glaube, sie tun das, weil sie wissen, dass es ein besseres Leben geben kann, für alle. Wenn wir unser Denken verändern und auf das richten, was wichtig ist: das Eindämmen von Ungerech­tigkeit, Ausbeutung und Zerstörung.

Ich glaube außerdem, dass Frauen mutiger sind, wenn es darum geht, etwas gedeihen, sich entfalten und dem natür­lichen Prozess von Werden und Vergehen zu überlassen (die vermeintliche »Passivität«, die Frauen zugeschrieben wird). Das trifft meiner Erfahrung nach definitiv auf ihren Umgang mit Zielen zu.

Und in den letzten Monaten machen sich Frauen_Feministinnen immer sichtbarer, die sich dem Machbarkeits- und Kontrollwahn entziehen. Auf dem Feld der Schönheit, das für Frauen ja eine elementare Bedeutung hat, wird das besonders deutlich. Immer deutlicher werden #bodyimages und #fatshaming/#bodyshaming zum Thema gemacht, Fotostrecken mit ungeschminkten oder »ganz normalen« Frauen werden veröf­fentlicht mit dem Ziel, unsere Vorstel­lungen von Schönheit zu hinter­fragen. Frauen entta­bui­sieren die Menstruation und entwickeln bequemere und ökologisch sinnvollere Hygie­ne­produkte (z. B. die Marke Thinx) oder treten für die Abschaffung der Luxusartikel-Steuer für Tampons ein – und schaffen es damit in die ZEIT. Sie weigern sich, High Heels oder einen BH zu tragen und riskieren öffent­liches Bashing wie z. B. Sharon Stone, die Mit 58 ohne BH unterwegs! ist und dafür Empörung und Unter­stellung erntet.

Ich glaube, dass sich in diesem Widerstand das Wissen um ein gutes Leben für alle spiegelt. Und Innova­ti­onskraft, Weisheit, Kreativität. Führungs­kom­pe­tenzen eben.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website

Außerdem:
Entwicklerin der DREILANDastrologie: poten­zi­alori­entiert, schub­la­denfrei und wohltuend uneso­terisch
Mitgründerin der MONDin3 GbR – Firlefanz mit Sinn. T-Shirt-Designs mit Anspruch: fairwear, bio, sozial und politisch engagiert

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