Feedback erhält uns am Leben – Tipps für einen guten Umgang mit #Kritik

In meinem Beitrag »Kritik in Zeiten des Patri­archats. Oder: mit einem Sandwich gegen die Vernichtung?« konntest du lesen, wie wir üblicherweise mit Kritik umgehen und warum wir das meiner Einschätzung nach so tun.

Hier erfährst du nun, welche Möglich­keiten du hast, so mit Kritik umzugehen, dass sie nützlich ist. Egal, ob du kriti­sierst oder kritisiert wirst.

Eine sehr menschen­ver­achtende und aggressive Sonderform des Kriti­sierens ist Hate Speech: das Kommen­tieren von Beiträgen oder Ereig­nissen im Internet. In Blogs, in den social media, in Online-Presseportalen. Darauf gehe ich hier nicht ein, denn da spielen ganz andere Mecha­nismen eine Rolle und andere Maßnahmen sind not-wendig. Die Amadeu Antonio Stiftung hat dazu die empfeh­lenswerte Broschüre »Geh sterben! Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet« entwickelt.

Feedback oder Kritik – wo ist der Unterschied?

Sehr oft werden beide Begriffe gleich­be­deutend verwendet, dabei ist Kritik lediglich eine bestimmte Form des Feedbacks. Feedback meint ganz neutral jede Form von Rückmeldung, die du gesprochen oder wortlos von deinem Gegenüber auf eine Handlung erhältst: die Antwort auf deine Frage, die Entgegnung auf deine Behauptung, das Stirn­runzeln auf deine Art zu stehen, ein Lächeln zur Begrüßung, was auch immer.

Feedback heißt wörtlich sowas wie »Zurück­füttern«, ein schönes Wort, weil es zeigt, dass wir durch Feedback etwas zurück­be­kommen, das uns nährt, am Leben erhält. Und in der Tat: ohne Feedback im mensch­lichen Kontakt sind wir als soziale Wesen zum Sterben verurteilt. Das wissen wir aus der Depri­va­ti­ons­for­schung und ihren teilweise grausamen Experi­menten aus den 1930er und früheren Jahren. Und aus der Arbeits­psy­chologie kennen wir die Tatsache, dass nach erledigter Arbeit »etwas« kommen muss, damit wir motiviert und mit Selbst­ver­trauen weiter arbeiten können.

In der Physik kennen wir den Begriff Rückkopplung als Mecha­nismus, der ein System (eine elektrische Schaltung zum Beispiel) bremst oder bestärkt, je nach Verlauf. Ich glaube, der Überhit­zungs­schutz im Wasser­kocher oder Bügeleisen basiert auf Rückkopplung. Dieses Prinzip findet sich auch in der Biologie (z. B. Körper­tem­peratur), in der Medizin (Biofeedback) oder in der Klima­for­schung. In allen Bereichen ermöglicht die Rückkopplung den langfristigen Erhalt eines Systems, ist also nichts anderes als das »Zurück­füttern«.

Kritik ist der Teil des Feedbacks, der das System bremst, der uns dazu bringen soll, etwas bestimmtes anders zu tun als bisher. Im Gegensatz zur Anerkennung (“Lob”), die das System bestärkt, also uns auffordert, mehr von dem Verhalten zu zeigen, auf das sie sich bezieht.

Die Tipps in diesem Beitrag beziehen sich grund­sätzlich auf Feedback, sind jedoch bei Kritik ganz besonders wichtig.

Wer kritisiert hier wen? Der Rahmen ist wichtig!

Für den produktiven Umgang mit Kritik spielt es eine wichtige Rolle,

  • wie gut sich die Betei­ligten kennen und vertrauen,
  • ob die Betei­ligten über eine hierar­chische Beziehung (Führungskraft/Mitarbeiter*in, Ausbilder*in/Azubi, Seminarleitung/Teilnehmende…) miteinander verbunden oder sich ebenbürtig (Kolleg*innen, Freund*innen, Partner*innen, Schüler*innen, Expert*innen…) sind,
  • ob die Kritik im privaten oder im öffent­lichen Raum (z. B. Arbeitsplatz) erfolgt und
  • was mit der Kritik bezweckt wird.

Je nach Kombi­nation dieser Faktoren ist ein unter­schied­liches Maß an Angst im Spiel (auf beiden Seiten!), an Macht­un­ter­schied und an Funktio­nalität bzw. Rollen­de­fi­nition.

Heißt: wenn du mit deiner Freundin beim Kaffee sitzt und ihr sagst, dass du dir Sorgen um sie machst, weil sie so wenig auf ihre Gesundheit achtet, wird eher wenig Angst und Macht im Spiel sein, eure Rollen sind sehr frei gestaltbar und du möchtest, dass die Freundin ein gutes Leben hat. Wenn die Abtei­lungs­leiterin den Mitar­beiter kritisiert, sieht das ganz anders aus: hier sind die Rollen und Aufgaben definiert, lassen wenig Spielraum und sind auf das Funktio­nieren im System »Unter­nehmen« ausge­richtet, beide machen ihren Job (so gut sie das können und wollen) und beide kennen sich nur/in erster Linie in ihren beruf­lichen Rollen.

Wenn du kriti­sierst oder kritisiert wirst: mach dir bewusst, in welchem Rahmen du dich gerade befindest und wie du deine Handlungs­spielräume gestalten willst und kannst.

Tipps für selbstwertfreundliches und konstruktives Kritikannehmen

Tipp 1: Zuhören

Nur wenigen unter uns gelingt es, einfach nur zuzuhören, wenn sie kritisiert werden. Und nur nachzu­fragen, wenn ihnen etwas unklar ist. Wir sind oft so schnell in einer »Gefah­ren­ab­wehr­haltung«, dass wir nur noch mit unserer Angst und der Abwehr beschäftigt sind und darüber nicht mehr wirklich zuhören, was uns da gesagt wird. So verpassen wir vielleicht ein »Weißt du, ich bewundere dich dafür, wie souverän du Nein sagen kannst« oder ein »Das mag ich an dir« oder ein »Ich schätze Sie gerade wegen Ihrer Beson­nenheit sehr, das brauchen wir in unserem Team dringend«. Oder wir reagieren sofort mit Erklä­rungen und Recht­fer­ti­gungen und liefern damit eine gekonnte Steil­vorlage für einen handfesten Konflikt. Auf jeden Fall aber für Missver­stehen.

Tipp 2: Eigenmächtig entscheiden und schweigen

Wenn du zuhörst, erfährst du, wie dich dein Gegenüber erlebt und (leider oft!) dein Handeln bewertet. Nimm dir die Zeit, zu entscheiden, welche Kritik­punkte du nützlich, hilfreich, inter­essant findest. Diese Punkte merke dir, um an anderer Stelle darüber nachzu­denken. Die Kritik­punkte, die dich sehr verun­sichern, verletzen oder gar beleidigen, kick in die Tonne. Das ist fast wörtlich gemeint: stell dir, wenn es dich unter­stützt, einen Mülleimer vor, in den du diese Punkte wirfst. Was da im Müll liegt, kannst du getrost vergessen. Und: du brauchst kein Wort dazu zu sagen! Nochmal, weil’s so schön ist: du brauchst nichts dazu zu sagen! Wenn du doch reagierst, kann die Unter­haltung binnen Sekunden in einem Disput über die Frage landen, wer von euch beiden nun Recht hat. DARUM GEHT ES ABER NICHT! Es geht um deine Entfaltung und deine Gesundheit.

Tipp 3: Fehler zugeben

Wenn du für etwas kritisiert wirst, das auch in deiner Wahrnehmung nicht so toll oder gar falsch war, sag das einfach. Gib den Fehler zu und gut. Oftmals tappen wir gerade bei den Kritik­punkten, die wir als zutreffend empfinden, in die Abwehrfalle. Wir recht­fertigen uns, werden laut, wollen »zurück­schlagen« oder uns ins nächste Mauseloch verkriechen. Wenn du es aber schaffst, einfach zu sagen »Ja, das stimmt, das war blöd/unprofessionell/… von mir«, entlastest du dich selbst (weil du deinem System sagst: entspann dich, du musst keine Gefahr abwehren) und dein Gegenüber (weil er*sie keine Angst mehr haben muss, dass das Gespräch schiefläuft, und aufhören kann zu erklären).

Tipp 4: Danke!

Wenn dein Gegenüber alles gesagt hat, sag einfach nur »Danke«. Danke für die Rückmeldung, die Anregung, die Hinweise. Egal, ob du sie gutfindest, drüber nachdenkst oder in die Tonne kickst. Die Tatsache, dass dein Gegenüber Zeit und Mühe investiert hat, dir ein Feedback zu geben, ist es wert, dich für diese Lernchance zu bedanken. Natürlich nur dann, wenn die Äußerungen einigermaßen respektvoll waren! Wenn dir ein echtes Danke nicht gelingt, kannst du statt dessen z. B. »Ich denk drüber nach« sagen.

Im nächsten Beitrag folgen die Tipps für wertschät­zendes und produktives Kriti­sieren.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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