Eine kleine Mutmach-Geschichte: Frauenbegegnung im Business

Wer braucht das nicht ab und zu: Geschichten, Erfah­rungen, Erlebnisse, die Mut machen! Mut, das Eigene zu finden und zu verfolgen. Mut, sich zu zeigen mit den ganz persön­lichen Werten, Fähig­keiten oder Zunei­gungen. Mut, sich als Unter­nehmerIn authentisch zu zeigen, ehrlich zu sein im täglichen Business.

Wie schön, dass Christa Goede zur Blogparade aufruft: Mutmach-Geschichten – für mehr Authen­tizität im Job! Danke dafür!

Meine Mutmach-Geschichte ist eine kleine und fängt an wie jede gute Geschichte: ganz harmlos und alltäglich.

Sie beginnt mit einem Business-Netzwerktreffen. Meinem ersten größeren als gefühlt frisch gebackene aber eigentlich »nur« neu entworfene Unter­nehmerin.

Ich komme in den Raum, es sind ca. 30 Unter­neh­merinen da, überall zwischendrin sind noch Plätze frei. Ich kenne keine einzige in der Runde. Also durch die kleine Aufge­regtheit hindurch dem Gefühl folgen und mich nieder­lassen, wo es mir gerade gefällt.

So lande ich neben einer sehr schick gestylten Frau, nicht viel älter als ich, die ganz offen­sichtlich hier schon länger dabei ist. Wir stellen uns vor, sie kramt in iher Handtasche. Nebenbei bemerkt: ich besaß noch nie eine Handtasche und schick ist auch nicht mein geschäft­licher Style, eher bequem, natürlich und garantiert nicht trendy. Acces­soires finde ich unpraktisch und unnötig. Farbe im Gesicht… dito. Ich kann zwar auch »richtig« Business, wenn ich will, aber Bluse und Sakko blieben an diesem Abend zu Hause.

Frauen-Smalltalk;)

Sie also am Kramen und wir quatschen über Was-eine-nicht-immer-alles-sucht und Doch-vielleicht-mal-eine-Handtasche-für-Ordnungsfreundinnen-erwerben. Ich kann mich ja sehr gut in andere hinein­ver­setzen;) Beim Suchen fällt ihr eine Visitenkarte in die Hand und wir tauschen unsere Karten aus. Wie das eben so ist auf solchen Treffen.

Ich schaue ihre an und frage sie etwas dazu. Irgendwas fühlt sich bekannt an. Sie schaut meine an und findet »ganz inter­essant«, was ich so mache. »Da hast du ja einige Kolle­ginnen hier bei uns.« Super. So schnell ist eine in der Ich-coache-alles-und-jede/n-Schublade.

Anders als erwartet

Das was jetzt kommt, können wahrscheinlich vor allem diejenigen nachemp­finden, die mit feminis­tischen Werten durchs Leben gehen, ihre »radikalen Zeiten« hinter sich gelassen haben und nur noch in sehr ausge­wählten Runden klare Worte über patri­archale Macht­strukturen, Geschlechtsrollen-Stereotype, Gewalt gegen Frauen in verschie­densten Ausprä­gungen und die bodenlose Ungerech­tigkeit in unserer Welt sprechen.

Falls du dich nicht als FeministIn begreifst, denk dir gern ein anderes Setting aus. Ein Setting, in dem du mit dem, was du bist, tust oder sagst die »Normalität« des bestehenden, etablierten Systems komplett in Frage stellst. Stell dir zum Beispiel vor, du bist als Demeter-PionierIn bei einem Treffen des Bauern­verbands. Oder als einzige Person of Colour in einer Versammlung beliebiger Art. Der Schwule/die Lesbe bei einer hetero­se­xuellen Hochzeit. Was auch immer.

So. Zurück zu meiner Mutmach-Geschichte.

Zur Sache, Mädels!

Anstatt mich in eine Schublade zu packen, fragt sie mich, was ich denn genau mache. Und, ich sag’s dir, nach den ersten eineinhalb Sätzen höre ich mir mit wachsender Besorgnis zu, wie ich ihr etwas über Frauen und Visionen im Patri­archat erzähle. (Ja, das böse P-Wort hüpft mir so locker über die Lippen, als würde ich über ein Kochrezept reden.)

Ich erzähle ihr, dass Frauen sich in parti­ar­chalen Gesell­schaften schwertun, sich überhaupt ihrer Vision für ihr Leben bewusst zu werden. Sie sind es ja gewohnt, nicht danach gefragt zu werden, also fragen sich viele auch selbst nicht danach.

Außerdem – ich plappere munter weiter während meine Besorgnis über das, was ich da sage, in allmäh­liches Entsetzen umschwingt – werden Frauen, die Visionen haben und darüber sprechen, womöglich sogar öffentlich, gnadenlos abgestraft. Es ist wirklich noch nicht lange her, dass der letzte Schei­ter­haufen gebrannt hat. Und die Schei­ter­haufen sind Teil unseres kollektiven Gedächt­nisses als Frauen. Die Erinnerung an sie ist tief in unseren Knochen verankert. Wir wissen genau, was einer Frau blüht, wenn sie sich zeigt mit dem, was sie ist und kann und will.

»Inalein, was um alles in der Welt redest du da?! Kaum 10 min hier und schon katapul­tierst du dich mit deinen Äußerungen ganz gschmeidig gleich in zwei Oje-Kategorien: ›Kampf­emanze‹ und ›durch­ge­knallte Spinnerin‹…! Du bist hier, um geschäftliche Kontakte zu knüpfen, schon vergessen?«

Und… was passiert?

Während meiner letzten Sätze sehe ich, wie ihre Augen immer größer werden, sie mich immer genauer fixiert.

»Ok, Ina, falls da jemals eine geschäftliche Beziehung hätte entstehen können, war’s das jetzt.« Ich weiß wirklich nicht, was mich da geritten hat. Außer, dass mich das Thema in dieser Zeit wieder einmal besonders berührt hat. Hier habe ich im Zusam­menhang mit Rhetorik dazu geschrieben.

Norma­lerweise bin ich immer erstmal zurück­haltend mit dem, was ich von mir preisgebe, solange ich nichts von meinem Gegenüber weiß oder erahne. Diesmal bin ich einfach meinem Impuls gefolgt. Ich hätte auch ganz unver­fänglich ein paar Worte zur Mediation verlieren können. Aber nein, ich habe mich entschieden, in einem Setting, in dem es um klassisches Business und Auftrags­ge­winnung geht, übers Patri­archat zu reden. Noch dazu mit einem Touch von Was-Leute-für-Esoterik-halten. Beides ist perfekt dazu geeignet, sich schlagartig unbeliebt zu machen. Auch in Frauen­gruppen.

Nun gut. Schauen wir, wie die Geschichte weitergeht.

Ein unerwartetes Geschenk

Meine Gesprächs­partnerin wartet einen Moment, ehe sie antwortet. Und dann erzählt sie mir, dass sie das ganz großartig findet, dass wir uns hier begegnen. Dass das etwas ganz besonderes sei. Dass sie seit langen Jahren ebenfalls die Welt mit feminis­tischer Brille betrachtet und verschie­denste Lebens- und Arbeits­formen ausprobiert hat, die sich abseits der Konven­tionen bewegen.

Wow! Da setze ich mich ausge­rechnet neben eine Gleich­ge­sinnte, eine sister in mind&heart, und treffe mit meinem Sein und Denken genau den Nerv.

Nicht, dass ich sonst nicht authentisch bin in meinem Job. Ich wäge nur ab, was gerade passt und was nicht, und wähle aus, was ich sage. Anstatt heraus­zu­plautzen mit dem, was mich gerade beschäftigt. Das mache ich wie fast jede/r andere auch. Ich finde es schlicht respektvoll und höflich, erstmal heraus­zu­finden: »Was könnte meine/n Gesprächs­partnerIn inter­es­sieren?«. Und das Gegenüber im Erstkontakt nicht mit potentiell Unange­nehmem zu konfron­tieren.
Zum Thema Authen­tizität gibt es übrigens hier sehr lesenswerte Blogparaden-Beiträge und hier einen eigenen: Authentisch sein – eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit?.

… und seine Folgen

Dieses Geschehen ist ungefähr ein Jahr her. Inzwischen haben wir eine spannende Koope­ration ausgeheckt, lassen unsere Wege sich immer wieder kreuzen und unter­stützen uns in kleinen und größeren Fragen. Und: Kontakte und Aufträge sind auch daraus entstanden.

Gute Sache, das mit dem Sichzeigen!

Das ist meine Mutge­schichte. Klein eben. Nichts gegen die Geschichten hier.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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