Eine einfache Entscheidungstechnik mit Weitblick. Für alle Gelegenheiten, auch #btw17

Wir alle entscheiden uns. Mehrmals am Tag. Manchmal, ohne es zu merken: Geh ich heute zur Arbeit oder nicht? Frühstücke ich Brot oder Müsli? Setze ich das um, was meine Ärztin mir rät? Zahle ich meine Steuern oder nicht? Die kleineren Entschei­dungs­kon­flikte nehmen wir gar nicht als solche wahr, haben vielleicht sogar das Gefühl, gar keine Wahl zu haben.

Anders ist das bei größeren Entschei­dungs­kon­flikten: Wo will ich wohnen? Will ich meine Lebensweise nachhaltiger gestalten? Will ich mich beruflich verändern? Bleibe ich bei meinem_meiner Partner_in? Oder eben: Welche Partei wähle ich bei der Bundes­tagswahl? Diese Konflikte nehmen wir sehr deutlich wahr. Manchmal rauben sie uns den Schlaf, oder sie werfen uns hin und her zwischen verschiedenen Verlo­ckungen oder »kleineren Übeln«. Dabei ist es völlig subjektiv, welche Entscheidung als »groß« empfunden wird. Und nicht jede große Entschiedung muss schwierig sein, denn in manchen Fällen sind wir uns einfach so klar, wissen oder spüren so genau, was für diesen Moment richtig ist, dass wir ohne Zögern entscheiden.

Entscheiden konfrontiert uns

Wenn wir vor einer gefühlt wichtigen Entscheidung stehen, bekommen wir es immer mit uns und unseren Ängsten, Bedürf­nissen, Sehnsüchten und Werten zu tun.

Ängste

Zum einen beinhaltet jede Entscheidung mit dem JA für das eine ein NEIN zum anderen. Wir verlieren die nicht gewählte Option. Und je nachdem, wie wir gestrickt und geworden sind (welche psychischen Muster wir ausge­bildet haben), kann diese Verlustangst allein schon jede Menge Stress hervorrufen.

Zum anderen können angesichts jeder Entschei­dungs­option die verschied­nesten Ängste wachgerufen werden: die Angst vor dem Alleinsein beim Beenden einer Beziehung oder die Angst, sich zu verleugnen, wenn man die Beziehung fortsetzt. Die Angst, nicht mehr am kultu­rellen Leben teilzuhaben, wenn man aufs Land zieht, oder die Angst, dass die Kinder in der Stadt ohne Naturbezug  aufwachsen.

Bedürfnisse

Hinter unseren Ängsten stehen Bedürfnisse: der Wunsch, durch die eigene Lebensweise möglichst wenig Leid für Mensch, Tier und die Erde zu produ­zieren, steht z. B. der eigenen Bequem­lichkeit gegenüber, dem Bedürfnis, es einfach zu haben, sich nicht anstrengen zu müssen. Das Bedürfnis nach Teilhabe, Bedeutung oder Status, den wir uns mit der beruf­lichen Verän­derung versprechen, steht dem Bedürfnis nach Sicherheit, Bestän­digkeit oder Kontrolle gegenüber.

Sehnsüchte

Manchmal sind wir in unseren Entschei­dungs­kon­flikten auch mit unstillbaren Sehnsüchten konfrontiert: Dass wir endlich dauerhaft glücklich sein mögen. Dass wir auf immer und ewig zusam­men­bleiben mögen. Dass die Welt eine friedliche sein möge.

Werte

In unseren Sehnsüchten und Bedürf­nissen offenbaren sich die Werte, die uns wichtig sind und die unseren Maßstab bilden, mit dem wir uns und die Welt betrachten und bewerten (und wenn wir eines ständig tun, dann ist es bewerten – es sei denn, wir üben uns): Nachhal­tigkeit, Leistung, Gemein­schaft, Gleich­stellung, Selbst­be­stimmung, Freiheit, Geld, Prestige, anderes.

Nicht immer sind Werte und Bedürfnisse gut ausein­an­der­zu­halten. Unsere Werte sind eher dem Intellekt zugänglich, können übers Nachdenken und Sprechen erkannt werden, lassen uns argumen­tieren und kämpfen für diese unsere gute Sache. Wenn wir dahin­ter­schauen, finden wir oft ein Bedürfnis, das uns dazu bringt, dieses oder jenes wichtig zu finden. Oder eine Sehnsucht. Etwas, das wir »einfach so fühlen«, ohne lange darüber nachgedacht zu haben, das einfach so ist, wie’s ist. Ein Bedürfnis schreiben wir uns nicht auf die Fahnen, unsere Werte schon.

Wir verknüpfen innerlich Bedürfnisse mit Werten, z. B. Geldverdienen/-besitzen mit Teilhabe oder Anerkennung, und sagen dann gerne sowas »Wenn ich erstmal Geld habe, dann bin ich glücklich«. Das kennen manche unter dem Begriff Glaubenssatz. Oder wir glauben, dass ein nachhaltiges Leben die Welt rettet. Oder dass jede_r erfolgreich (=glücklich) sein kann, wenn er_sie nur genug leistet. Oder dass wir nur in der Stadt unsere sozialen Kontakte pflegen und unserem Bedürfnis nach Teilhabe und Gemein­schaft gerecht werden können.

Sehr oft verwechseln wir darin etwas. Wir verknüpfen Dinge, die per se nichts miteinander zu tun haben. Das wird deutlich, wenn wir uns klarmachen, dass z. B. ein Dschihad-Kämpfer in seinem Denksystem genauso im Sinne der Freiheit tut, was er tut, wie eine linke Politikerin in ihrem Denksystem. Dass hinter knall­hartem Leistungs- und Karrie­re­streben genauso das Bedürfnis nach Selbst­be­stimmung stehen kann wie hinter dem Verzicht auf Karriere.

Mit diesem Sammel­surium sind wir also bei einem bedeutsamen Entschei­dungs­konflikt konfrontiert. Was tun?

3 Schritte zu einer fundierten Entscheidung

Damit du deinen Entschei­dungs­konflikt wohlüberlegt und stimmig lösen kannst, kannst du mindestens drei Dinge tun.

Selbstklärung

Mach dir bewusst, womit du es bei deiner Entscheidung zu tun hast. Finde heraus, welche Ängste, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Werte in deinem Konflikt eine Rolle spielen. Manch eine Entscheidung wird mit diesem Schritt bereits klar. Falls nicht, probiere es mit der folgenden Technik.

Die berühmte Liste, nur anders

Diese Technik nutze ich gerne, wenn ich bei einer Entscheidung nicht weiterkomme. Sie ist ganz einfach:

1. Nimm ein Papier, gerne groß, und schreibe alle Argumente, die aus deiner Sicht für OPTION A sprechen, auf die linke Seite des Blattes. Die Argumente, die für OPTION B sprechen, notierst du rechts.

2. Richte einen Platz auf dem Papier ein für offene Fragen. Denn es kann sein, dass du feststellst, dass dir entscheidende Infor­ma­tionen fehlen, um dich fundiert entscheiden zu können.

3. Bewerte jedes einzelne Argument möglichst spontan danach, wie wichtig es dir ist. Dazu vergibst du Punkte, z. B. von 1 für wenig wichtig bis 5 für unver­han­delbar. Gehe jedes Argument einzeln durch und notiere eine passende Punktzahl daneben. Das kann ein bisschen dauern, vielleicht veränderst du auch manches. Und falls Fragen auftauchen, notiere sie und finde die Antworten darauf, bevor du weiter­machst.

4. Zähle alle Punkte auf der linken Seite zusammen und schreibe die Summe unter die Argumen­teliste. Das Gleiche tust du mit der rechten Seite. Die Seite, die die höhere Punktzahl hat, hat gewonnen und ist deine Wahl.

5. Und jetzt das Wichtige: Lass dieses Ergebnis auf dich wirken. Stelle dir vor, du entscheidest dich so, wie es das Ergebnis sagt. Wie fühlt sich das an? Wie geht es dir damit? Alles rund und richtig? Oder tauchen Zweifel, Unbehagen oder gar das Bedürfnis zu schummeln (die Punkte­vergabe so zu ändern, dass ein anderes Ergebnis rauskommt) auf?

6. Nimm deine Zweifel, dein Unbehagen und spiele damit. Was passiert, wenn ich dieses Argument höher bewerte? Stimmt das eigentlich, das mir dieses so viel wichtiger ist als jenes? Welche Bedürfnisse oder Ängste bediene ich, wenn ich Option A oder B wähle? Fällt mir noch eine dritte Option ein, an die ich noch gar nicht gedacht habe? Muss ich das überhaupt entscheiden? Was würde passieren, wenn ich meinem Unbehagen nachgebe und die Option wähle, die dem Ergebnis wider­spricht? Wie fühlt sich das an? Rund und richtig? Erleichtert, freudig?

Den Blick weiten

Wenn du immer noch ganz und gar unsicher bist, frage dich, welche Option besser mit deinen Werten harmoniert. Ganz grund­sätzlich, ohne die Details aus der Liste. Wo bist du eher »zuhause«? Wo fühlst du dich »richtig«? Wo magst du einfach etwas, ohne es begründen zu können?

Wenn immer noch nichts vorangeht, prüfe, ob dir doch noch Infor­ma­tionen fehlen. Das kann in Bezug auf die Bundes­tagswahl auch bedeuten, dass du Parteivertreter_innen kennen­lernen willst, um dir ein persön­liches Bild zu machen. Weite so deinen Blick, beziehe neue Argumente ein, gehe in Kontakt mit den Optionen, erlebe ihre Auswir­kungen. Was immer möglich ist.

Und frage dich immer wieder: Was ist wirklich wichtig? Worum geht es im Kern?

Am besten gelingt dir das, wenn du alles ein paar Tage liegenlässt.

Beispiel Bundestagswahl

Hier findest du in Ausschnitten einen Entschei­dungs­prozess zur Bundes­tagswahl skizziert, der meiner sein könnte, wäre ich mir darin nicht eh völlig klar.

Meine Werte: Nachhal­tigkeit, Freiheit, Gerech­tigkeit. …

Ängste, die dabei eine Rolle spielen: Alles bleibt, wie’s ist, und wird noch schlimmer. Wir zerstören die Lebens­grundlage unserer Kinder. Die Geschichte wiederholt sich und wir wählen die Nazis an die Macht. …

Sehnsucht: Möge die Welt eine gute, friedliche sein. Mögen alle Wesen frei und glücklich leben.

Bedürfnisse dahinter: Ich will sicher und frei leben können, jetzt und im Alter. Ich will als Frau die gleiche Anerkennung und die gleichen Freiheiten haben wie Männer. Ich will mit meinem Leben möglichst wenig Leid verur­sachen. …

Die Liste:

Ausgehend von diesem Artikel in der Süddeutschen zum TV-Duell nehme ich FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN als Option A und B und stelle sehr verein­fachend ein paar Argumente gegenüber. Und damit du’s mit dem Lesen einfacher hast, gibt’s die Liste nicht handschriftlich:)

In der Liste sollten unter A und B jeweils eigene Argumente stehen, keine entge­gen­ge­setzten (z. B. pro Klima­schutz – Verhindern von Klima­schutz), damit keine Doppe­lungen bzw. Punkte­ver­fäl­schungen auftauchen. Je unter­schied­licher die Argumente für jede Option sind, desto spannender wird es.

Du kannst so eine Liste auch ohne den Partei­en­ver­gleich nutzen, um z. B. zu klären, ob du dieses Mal wieder SPD wählen willst oder nicht. Dann ist Option A eine Sammlung deiner Argumente, die FÜR die SPD sprechen, Option B versammelt Arguemente GEGEN die SPD. Gerade wenn du einer Partei treu bist oder lange warst, lohnt sich eine solche Prüfung deiner Motive. Vielleicht findest du heraus, dass dir nicht das Kleinklein sondern die grund­sätzliche Richtung wichtig ist, und bst dir deiner Entscheidung sicher.

entscheidung btw

 

 

 

 

 

 

 

 

Natürlich sieht ein Ergebnis selten so eindeutig aus. Klar, wenn du in einer Entscheidung wirklich unsicher bist, können die Punkte­summen schon sehr nah beieinander liegen, das spiegelt dann dein Hin-und-Hergerissensein.

Beim Wirken­lassen des Ergeb­nisses könnte mir einfallen, dass mir der Nutzen der Deregu­lierung doch wichtiger ist und dass ich gar nicht genau weiß, was die Grünen für Selbständige tun. Dann ist das eine Frage, die ich notiere und auf die ich mir im Wahlprogramm oder bei Parteivertreter_innen vor Ort Antworten suche.

Vielleicht denke ich auch einfach nur: Yep, passt.

Ich wüsche dir allzeit gute Entschei­dungen, für deine kleinen Kreuzchen mit großer Wirkung und alle anderen auch. Und eines noch: ein genauer Blick in die Wahlpro­gramme ist besser als jede Entschei­dungs­technik.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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