Der Unterschied zwischen Opfern und Pfadfinder_innen und was wir für eine konstruktive Debattenkultur tun können

Wieder einmal kocht eine Debatte unter Feminist_innen hoch – inzwischen unter massiver Betei­ligung von Antifeminist_innen. Ähnlich wie nach der Kölner Silves­ternacht, die von Konser­vativen bis Rechts­ge­richteten für ihre rassis­tischen Zwecke benutzt wurde. Diesmal geht es um die Frage, ob wir nicht einen neuen Begriff für Menschen brauchen, die Opfer einer Vergwal­tigung wurden. Oder »eine Verge­wal­tigung erlebt haben«. Um diese beiden Varianten geht es im Grunde: soll eine Person, die verge­waltigt wurde, »Opfer« oder »Erlebende« genannt werden. Und warum.

Was bisher geschah

Wenn du die Diskussion nicht mitbe­kommen hast: Mit diesem taz-Artikel von Mithu Sanyal nahm die Diskussion ihren Anfang. Sie schlägt den Begriff »Erlebende« vor, als zusätzliche, im Duden zu veran­kernde Wahlmög­lichkeit zum Opfer­begriff. In erster Linie, um die negative Belastung des Wortes »Opfer« von den Betroffenen fernzu­halten, die Betroffenen ins Licht der Empathie zu rücken und ihnen (Entscheidungs- und Handlungs-)Freiheit zu ermög­lichen. So verstehe ich das Ansinnen der Autorin bzw der Frauen, für die sie diesen Vorschlag zu machen angibt. Die Antwort: ein offener Brief gegen die Verharm­losung sexueller Gewalt im Blog der Stören­friedas. Die Emma äußert sich ebenfalls – im Sinne der Stören­friedas. Im Anschluss entbrennt eine Debatte mit Vorwürfen, Angriffen und Missver­ständ­nissen (so scheint mir) auf nahezu allen Seiten. Im Netz wird in feminis­tischen Zusam­men­hängen heiß und sehr emotional diskutiert, so dass kaum mehr eine inhaltliche Ausein­an­der­setzung mit dem Thema statt­finden kann. Und Mithu Sanyal sieht sich einem Shitstorm voller Hass und Gewalt­an­dro­hungen von rechter oder antife­mi­nis­tischer Seite ausgesetzt, gegen den sie sich in der Huffington Post zur Wehr setzt. Karin Gottschalk stellt in der taz die Frage nach der Verant­wortung in der Debat­ten­kultur.

Eine prägnante Analyse des Geschehens und der lingu­is­tischen Frage nach den Begriffen liefert Luise F. Pusch in ihrem Beitrag »Verge­wal­tigung als Erlebnis?«.

Zur inhaltlichen Ebene der Diskussion

Ich will hier nur in Kürze auf die Inhalte der Debatte eingehen, denn es geht mir um etwas anderes.

1. Sprache ist Macht

Sprache ist unser zentrales Werkzeug, um die Realität zu beschreiben. Dabei spielt die Wortwahl eine große Rolle, denn sie wirkt nach innen, auf die Sprechenden, wie auch nach außen, auf die Adressat_innen. Und sie macht sichtbar, was sich im Innen abspielt. Wenn ich mich bei einem Netzwerkt­reffen als »Unter­nehmerin« vorstelle, fühle ich mich anders und erzeuge einen anderen Eindruck nach außen als wenn ich mich als »Freibe­ruflerin« benenne. Auch wenn meine Arbeit dadurch keine andere ist.

2. Sprache ist mit Bedeutung versehen

Und zwar mit kollektiven und mit indivi­duellen Bedeu­tungen und Wertungen. Und jede Wertung ist potenziell – wir können uns fast nie sicher sein – verletzend für die gemeinte Person. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir um eine inklusive, also alle Menschen­gruppen einbe­ziehende Sprache ringen. Dass wir in der privaten und in der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­kation nach Begriffen suchen, die einen Menschen/eine Gruppe nicht abwerten. Da entstehen dann durchaus gewöh­nungs­be­dürftige oder sperrige Begriffe wie zum Beispiel Person of Colour, Mensch mit Behin­derung, Mensch mit Migra­ti­ons­hin­tergrund, Nicht-Weiße, Biodeutsche, Cisgender.

3. Sprache ist veränderbar

Wir können uns als Gemein­schaft dazu entschließen, bestimmte Begriffe durch andere zu ersetzen. Histo­rische Beispiele gibt es etliche. Und wir können neue erschaffen, wie das z. B. in der Suche nach einer gender­ge­rechten Sprache passiert (das Binnen-I, das Gender-Sternchen oder der Unter­strich sind ja Erfin­dungen). Und es ist wichtig und sinnvoll, Sprache so zu verändern, dass innere Prozesse und Strukturen (Rassismen, Sexismen etc.) aufgedeckt und verändert werden können.

4. Opfer oder Erlebende_r?

Was ich an dem Begriff »Erlebende« besonders kontra­pro­duktiv finde (neben der juris­tischen Bedeutung, auf die ich hier nicht eingehe, das ist bei den Stören­friedas ausreichend beschrieben), ist die Tatsache, dass dieses Wort in der Gegenwart formuliert ist, so, als würde es gerade eben passieren. Deshalb halte ich es geradezu für schädlich, wenn wir Menschen, die vor 2 oder 20 Jahren eine Verge­wal­tigung überlebt haben, heute noch als »Erlebende« bezeichnen. Oder wenn eine Person das für sich selbst tut. Denn das Verar­beiten eines Traumas setzt voraus, dass die betreffende Person die zeitliche Dimension unter­scheiden lernt: was war und was ist heute.

Mit dem Begriff »Opfer« ist das viel leichter möglich. Wir können sagen »Sie/ich war Opfer von…«. Und damit machen wir klar (dem Umfeld, der gemeinten Person und unserem eigenen System), dass das Vergan­genheit ist. Das Erlebnis ist vergangen. Die Spuren bleiben zwar, lassen sich aber verändern. Und der Umgang damit lässt sich ändern.

5. Opfer, nicht Pfadfinder_in!

Entscheidend ist, dass Menschen, vor allem Frauen, lernen, das Opfersein hinter sich zu lassen und Eigenmacht zu lernen. Ganz egal, in welcher Form sie Opfer geworden sind.

Das ist in diesen patri­ar­chalen Strukturen, in denen wir leben, nicht einfach. Ein Beispiel: vor kurzem habe ich einen Vortrag von Helma Sick, einer bekannten Finanz­be­raterin für Frauen, zum Thema Rente und Altersarmut von Frauen gehört. Sie betonte, wie oft sie es erlebe, dass Frauen vollkommen blauäugig sich darauf verlassen, dass sie nichts für ihre finan­zielle Eigen­stän­digkeit tun müssten, sobald sie verheiratet sind. Und wie diese Frauen aus allen Wolken fallen, wenn sie z. B. nach einer Scheidung von ihr hören, dass sie mit leeren Händen dastehen. Hier kombi­nieren sich aus meiner Sicht sexis­tische gesell­schaftliche Strukturen (ungerechtes Renten­system, staatliche Anreize für die klassische Rollen­auf­teilung – Hausfrauenehe -, ungleiche Bezahlung etc.) geschickt mit kollektiven und indivi­duellen psycho­lo­gischen Mustern von erlernter Hilflo­sigkeit und passiver Andere-sollen-für-mich-sorgen-Haltung.

Auf diese Art bleiben Frauen Opfer, ein Leben lang. Weil sie sich dazu machen und immer wieder struk­turell dazu gemacht werden. Und darin genau liegt der Unter­schied zwischen Opfern und Pfadfinder_innen. Eine Person, die in ihrer Biographie Opfer geworden ist (das gilt auf unter­schied­lichen Ebenen übrigens für alle Frauen, die in einem Patri­archat leben), muss, um glücklich zu sein, lernen, sich davon zu lösen und Eigen­ver­ant­wortung zu übernehmen.

Pfadfinder_innen dagegen sind »Einmal Pfadfinder_in – immer Pfadfinder_in!«. Dieses geflügelte Wort beschreibt, dass die Haltung, die (nur bei pädagogisch unzwei­fel­halten!!!) Pfadfinder_innen-Verbänden gelernt wird, z. B. die Wertschätzung von Verschie­denheit, die Solidarität mit Schwä­cheren oder der Respekt gegenüber allem Lebendigen, ein Leben lang beibe­halten wird/werden kann.

Zur kulturell-kommunikativen Ebene der Diskussion

Die Art, wie die Diskussion inzwischen geführt wird, ist wieder einmal sehr unpro­duktiv: (ab)wertend, respektlos, polemisch, hetzerisch, persönlich angreifend, zerstö­rerisch. Nicht nur von antifeministischer/rechter Seite sondern auch unter Feminist_innen. Es bilden sich Fronten zwischen diesen und jenen Feminist_innen, die wegen der hohen Emotio­nalität in der Debatte immer unauf­lösbarer erscheinen. Und der Inhalt – das sachliche, gemeinsame Bemühen um aus der Perspektive der Betroffenen geeignete Begriffe – gerät völlig aus dem Blick. Das ist unsoli­darisch. Und vielleicht sogar gefährlich, weil es dem Hass der rechten Netznutzer_innen die Tür öffnet?

Dazu 2 Vorschläge, wie alle Betei­ligten einer Diskus­si­onsrunde – egal, in welchem Setting – zu einer konstruktiven Kommu­ni­ka­ti­ons­kultur beitragen können.

1. Weniger Identifikation, mehr Distanz

Menschen neigen dazu, sich mit dem, was sie sagen, zu identi­fi­zieren. Besonders dann, wenn sie selbst als Person davon berührt sind. Das heißt, dass quasi jede Feministin dazu neigt, das, was sie sagt, als Teil ihrer selbst zu empfinden, weil sie ja direkt als Frau betroffen ist. (Für Feministen gilt das weniger, denn sie kämpfen ja »für andere« – auch wenn ihnen bewusst ist, dass sie selbst von frauen­po­li­tischen Errun­gen­schaften profi­tieren.)

Eine Frau, die zum Beispiel für das Abtrei­bungsrecht argumentiert, kann sich so mit dem Inhalt dessen, was sie sagt, identi­fi­zieren – weil es sie ja als Frau potenziell oder aktuell betrifft, dass sie nicht mehr trennen kann zwischen sich als ganzem Menschen und dem Gesagten.

Genauso kann eine Führungskraft, die leiden­schaftlich für mehr Wertschätzung der Mitar­bei­tenden argumentiert, sich so mit ihren Worten identi­fi­zieren, dass sie_er nicht mehr trennen kann zwischen sich als Führungskraft und dem Sachinhalt der eigenen Argumente.

Wenn eine Person das Gefühl hat, dass sie ihre Worte IST, ergibt sich daraus eine existen­zielle Bedrohung, sobald Gegenwind weht. Denn wenn du BIST, was du sagst, kannst DU von Gegen­ar­gu­menten weggefegt, zerstört werden.

Distanz ist die Rettung. Das Bewusstsein, dass du sehr viel mehr BIST als das, was du SAGST. Kein Argument, kein Wort kann dich als Person bedrohen.

2. Raus aus dem Entweder-Oder-Denken, rein in die Vielfalt

Menschen neigen dazu, die Welt in Polaritäten, in ein Entweder-Oder einzu­teilen. Da geht es dann um Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, Recht oder Unrecht haben, schuldig oder unschuldig sein.

Die schlechte Nachricht: das führt zu nichts. Außer zu Leid.

Die Rettung? Damit leben und es vielleicht sogar lieben lernen, dass es Verschie­denheit gibt. Viele Menschen tragen das gern vor sich her, wenn sie politische oder moralische Forde­rungen formu­lieren. »Selbst­ver­ständlich lieben wir die Vielfalt!« Irgendwie. Als Konzept zumindest. Denn sobald wir direkt damit konfrontiert sind, merken wir, wie schwierig das ist.

Alle Diskus­si­ons­be­tei­ligten, die oben verlinkt/genannt sind, verstehen sich als Feminis­tinnen: Mithu Sanyal, die Stören­friedas, die Emma, Luise Pusch. Und die meisten derjenigen, die im Netz mitde­bat­tieren. Und alle haben sie unter­schiedliche Auffas­sungen über das Feminist­insein, über die Frage nach Opfer oder Erlebende.

Das darf so sein :)

Mehr zur Kommu­ni­ka­ti­ons­kultur in meinem Artikel Kritik in Zeiten des Patri­archats. Und wenn du tiefer einsteigen willst in die Reflexion und Verän­derung deines eigenen Kommunikations-Verhaltens, kannst du hier fündig werden.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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