Authentisch sein – eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit?

In den letzten Tagen sind mir gehäuft Angebote von Kolle­gInnen begegnet, die in irgendeiner Weise mit Authen­tizität zu tun haben. Mit authen­tischem Auftreten, authen­tischem Marketing, authen­tischem Sprechen.

Überall ruft sie, die Authentizität

Und will – allem Anschein nach – erreicht werden.

Randbe­merkung der Coachess und Trainerin in mir:

Die ewigg­leichen Heils­ver­sprechen meiner Branche… tu dies oder das, verändere dich dahin oder dorthin, lerne dies und setze das um… dann, ja dann… wirst du authentisch sein.

Ich finde, ich bin dann als TrainerIn/Coach/BeraterIn authentisch, wenn ich meinen KundInnen realis­tische Ziele biete. Nicht das ewige Glück, in welcher Form auch immer.

Es ist ganz einfach: du bist kein neuer Mensch nach dem Seminar bei mir. Du bist immer noch der/die gleiche. Mit deiner Geschichte, deinem Leben, deinem Können und Zweifeln. Aber du hast vielleicht erfahren, was du in einer bestimmten Situation anders tun kannst. So tun, dass es dir besser geht damit. Dass du dich wohler fühlst mit dir oder der Situation. Und das, finde ich, ist viel.

Wenn du mich mal dabei erwischen solltest, dass ich mehr verspreche als ich in meiner Arbeit halten kann, bekommst du ein Coaching gratis. Das meine ich ernst!

So, das wollte wohl mal gesagt werden. Weiter zum Thema.

Authen­tizität.

Was lässt einen Menschen authentisch wirken? Wann bin ich glaub­würdig, verlässlich, echt, unver­stellt, ungekünstelt, unver­fälscht, ungeschminkt, natürlich, ungeziert, sicher, originell? Was sind Voraus­set­zungen für authen­tisches Auftreten, authen­tisches Leben? Kann ich auch so tun als wäre ich authentisch? Muss ich in jedem Moment authentisch sein oder darf ich auch mal meine Werte verraten?

Zu diesen Fragen ist schon lange und gerade in den letzten 2–3 Jahren viel geschrieben, gesprochen, beraten, trainiert, philo­so­phiert, gecoacht worden. Und das bringt mich zu meiner Frage:

Was ist in unseren Zeiten eigentlich so attraktiv am Authentischsein?

Ich glaube, dass wir eine tiefe Sehnsucht nach Echtheit in uns tragen. Danach, uns so zeigen zu dürfen, wie wir sind. Mit allen Fähig­keiten und in aller Unvoll­kom­menheit. Und trotzdem – oder gerade deswegen – geliebt zu werden. Anerkennung zu bekommen. Ja, so wie du bist, bist du genau richtig, willkommen, angenommen. Angekommen… bei dir selbst. Bei dem, was dich ausmacht. Deine Fähig­keiten, deine Werte, deine Wünsche. Alles, was zu dir gehört.

Gleich­zeitig sind viele von uns einem enormen Druck, vor allem in der Arbeitswelt, ausgesetzt. Dem Druck, einen Schein zu erzeugen. Damit mehr, noch mehr verkauft wird. Wachstum ohne Ende. Als ob das möglich wäre. Als ob die KundInnen diesen Schein nicht durch­schauen könnten. Und je größer der Spagat zwischen innerer Wirklichkeit (eines Unter­nehmens, eines Produkts, einer Dienst­leistung, eines Menschen) und äußerem Schein wird, desto schwieriger für den/die Einzelne/n. Desto größer die Chance auf Burn out (oder welche Modebe­griffe wir auch immer dafür finden).

Wofür? Dafür, dass wir in einer ziemlich verqueren Welt leben. Dass wir ziemlich kranke/krankmachende Systeme etabliert haben, gleich ob wir vom sogenannten Gesund­heits­system reden, vom Renten­system, von der syste­ma­tischen Ungleich­be­handlung von Menschen, vom System der Fleisch­in­dustrie und dem globalen Handel mit Leben, von Agrar-, Arbeitsmarkt- oder Verkehrs­politik. Und so weiter.

Ich finde, wir sind ziemlich ver-rückt.

Ver-rückt von einem Leben, das mit Natür­lichkeit zu tun hat, mit den Rhythmen des Lebens, mit der Nähe zu uns und dem, was wir konsu­mieren. Wie schrill (oho, vielleicht sollte ich ein anderes Wort wählen ;)…) ist das denn, dass in Teilen Chinas Menschen mit Pinseln die Obstbäume bestäuben, weil die Bienen durch mensch­liches Handeln dort bereits ausge­rottet sind? Wie ver-rückt sind wir, dass wir weiter Unmengen an billig »produ­ziertem« Fleisch essen, obwohl wir wissen, dass das dem Klima, den Tieren, der Erde, der Welternährung, unserer Gesundheit schadet?  Wie ver-rückt, Erdbeeren im Februar normal zu finden? Die Selbst­be­die­nungs­men­talität von Staats»dienerInnen« – aktuell die 17 CSU-Abgeordneten – hinzu­nehmen?

Und je weiter wir ver-rückt sind von uns selbst und unserer eigenen Wahrheit, desto stärker fühlen wir uns von der Aussicht auf Authentizität angezogen.

Und genau deshalb gibt es so viele – aus meiner Sicht oftmals unglaub­würdige – Beratungs­an­gebote nach dem Motto »Ich sage dir, wie du authentisch wirst!«. Rezepte fürs Leben. Auch das: ver-rückt. Denn, was bedeutet Authen­tizität? Authentisch bin ich dann, wenn ich mich auf mich besinne. Auf meine Bedürfnisse, mein Empfinden, meine Wahrheit. Und mich eben nicht(!) nach anderen ausrichte, an Rezepte halte. Das auszu­halten, ist alles andere als leicht. Ich weiß, wovon ich rede ;)

Dieses sich-auf-sich-selbst-besinnen ist meiner Erfahrung nach der Schlüssel zu vielen Fragen und inneren Konflikten, die wir haben.

Und deshalb fange ich in meiner Arbeit mit Menschen genau da an.

Zum Beispiel geht es auf der Suche nach der eigenen BeRUFung immer zuerst um dich, deine Stärken, Interessen, Werte. Und erst ziemlich spät kommt dann das Arbeits­markt­system hinzu. Würde ich, wie viele, beim System anfangen (also zuerst fragen: Was gibt es für Berufs­be­reiche, die dich inter­es­sieren?), blieben nur noch Schubladen für dich übrig.

Zum Beispiel in der Mediation: da geht es um dich und deine Interessen, die dich dazu bringen, in dem Konflikt eine bestimmte Haltung einzu­nehmen. Und es geht genauso um deine/n Konfliktpartner/in. Wenn die inneren Beweg­gründe des/der jeweils anderen verstanden werden, ist die Lösung für den Konflikt schon in Sichtweite!

Zum Beispiel im Kommu­ni­ka­ti­ons­training: es geht erstmal um dich und deine ganz eigene Art zu kommu­ni­zieren. Dich darin zu erleben und deine Stärken kennen­zu­lernen. Deine Motive, deine Ängste, deine Freude. Und danach kann geschaut werden, welche Anregungen es geben kann. Allerdings keine Anregungen, wie du besser dies oder das tun solltest(!). Bei mir erfährst du, wie du dein Potential deutlicher zeigen/trainieren/entfalten kannst. Jenseits von Schubladen und Rezepten!

»Build a good name!« sagt Patti Smith in ihrem »Advice to the Young«

»Build a good name. Keep your name clean. Don’t make compromises. Don’t worry about making a bunch of money or being successful. Be concerned with doing a good work!«

Ich verstehe diesen Rat als Auffor­derung: »Sei du selbst! Kümmere dich nicht um die Anerkennung, die du vielleicht bekommst! Kümmere dich darum, einen guten Job zu machen!«

In anderen Worten: Sei authentisch!

Die in meiner Wahrnehmung sehr authen­tische Patti Smith sagt in diesem Interview noch viel mehr.

Zum Beispiel, dass das Internet unsere Möglich­keiten des Selbst­aus­drucks demokra­tisiert hat. Weil wir alle – nicht mehr nur Künst­le­rInnen und andere »Auser­wählte« – die Chance haben, unsere Kreativität für alle sichtbar zu machen.
Zum Beispiel, dass wir in diesen Zeiten und durch das Internet sehr mächtig sind. Dass »globales Streiken« möglich wird. Dass wir ganze Regie­rungen stürzen können, wenn wir als ein Volk zusam­men­stehen.

Wenn du magst, hier geht’s zum Video (ameri­ka­nisches Original):

Patti Smith_Advice

 

In meinem letzten Artikel »Was lässt uns mutig sein? Gedanken aus aktuellen Anlässen« war ich anscheinend meinem heutigen Thema schon auf der Spur, allerdings aus einem etwas anderen Blick­winkel. Da ging es um die Frage: Was bringt Menschen dazu, sich für die eigenen Werte einzu­setzen, ganz gleich, was sie riskieren?

Heute nun also Authen­tizität. Und authentisch sein braucht Mut. Keine Frage.


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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