8 Tipps für die kritische Auswahl von Coaches, BeraterInnen, TherapeutInnen

»Betz-Seminar löste Psychose aus!« So betitelt der NDR ein Interview mit Sabine Riede, Leiterin der Informations- und Beratungs­stelle Sekten-Info NRW. Immer mehr Menschen kämen in die Beratung, weil sie mit den Nachwir­kungen eines Seminars bei Robert Betz nicht zurecht­kommen. Sie selbst, oder ihre Angehörigen.

Das Interview ist lesenswert, ebenso der Artikel auf der Seite jener Beratungs­stelle, in der eine Psychologin die Theorie/»Therapie« von Betz kritisch beleuchtet.

Aha. Der hochgelobte und gern zitierte Robert Betz ist gefährlich. Seine selbst entwi­ckelte »Trans­for­ma­ti­ons­therapie« schadet manchen Menschen mehr als sie nützt. Und soll ich dir was sagen?

Darauf warte ich schon lange!

Darauf, dass das endlich den Weg in die Öffent­lichkeit findet. Das, was ich ahne, seit ich das erste Mal von ihm gehört und daraufhin seine Website besucht habe.

Wohlgemerkt: ich kenne ihn und seine Arbeit nicht persönlich. Ich kenne lediglich seinen Webauftritt und einige Menschen, die bei ihm in Seminaren waren oder selbst die Trans­for­ma­ti­ons­therapie anbieten. Und ich weiß, was mir mein Gefühl dazu sagt. Das reagiert mit Alarm­be­reit­schaft. Abneigung und Unwohlsein mindestens. Und ein bisschen »Oje, schon wieder so einer, der den Menschen die vermeintliche Erfüllung ihrer Sehnsüchte in Super­lativen teuer verkauft«.

Auf jeden Fall glaube ich ihm schlicht und ergreifend nicht. Manches klingt plausibel, manches mag erwie­se­nermaßen so sein. Seine Heils­bot­schaft jedoch nehme ich ihm nicht ab. Abgesehen davon weiß ich einfach, dass Heilung/Veränderung nicht einmal passiert und dann »durch« ist. Jede Verän­derung ist ein mehr oder minder langer Prozess mit Erfolgen und Rückschlägen. Deshalb ist es schlicht unmöglich, auf gesunde und nachhaltige Art »in einer Semin­arwoche dein Leben zu verändern«.

Spannend finde ich ja, dass nicht nur Menschen, die sich sowieso der Esoterik nah fühlen, ihn gerne zitieren, seine Weisheit betonen oder seine Seminare besuchen, sondern auch »gestandene Persön­lich­keiten«, Menschen, die Unter­nehmen in betriebs­wirt­schafltichen Fragen beraten. Menschen, die eine große Organi­sation leiten. Menschen, die vom Fach sind, also pädagogisch-psychologisch Tätige.

Ganz ähnlich verhält es sich aus meiner Sicht mit Bert Hellinger, der mit seinen rigiden Vorstel­lungen von Wahrheit und Ordnung und mit seinem zutiefst unver­ant­wort­lichen Handeln in seinen Famili­en­auf­stel­lungen Menschen aufs Schlimmste re-traumatisiert. Gerne übrigens Frauen, die Gewalt durch Männer (üb)erlebt haben. Selbst seine Nähe zu nazis­tischem Gedan­kengut kann ihm und seinem Erfolg offenbar nichts anhaben. Hier ein inter­es­santer älterer Beitrag der Sendung Kulturzeit. (Meine Empfehlung, wenn du dich für eine Familien- oder Organi­sa­ti­ons­auf­stellung inter­es­sierst: suche einen Fachmenschen, der explizit nach Virginia Satir arbeitet, der Begründerin der Famili­en­therapie.)

Ich glaube, manchmal setzt einfach unser Hirn aus.

Dann sind wir bereit, Dinge zu glauben und gut zu finden, um die wir in geistig wachem Zustand einen weiten Bogen machen würden. In diesen kritischen Momenten und schwierigen Lebens­phasen (eben genau dann, wenn wir eine Unter­stützung brauchen und vielleicht händeringend-verweifelnd danach suchen!) gehen wir gerne selbst­er­nannten Wunder­hei­le­rInnen auf den Leim. Und nicht unbedingt nur denjenigen, die berühmt sind, den Höllers, Hellingers, Betzens dieser Welt.

Ich verfolge mit diesem Artikel nicht das Ziel, die erwähnten Männer und ihre sogenannte thera­peu­tische Arbeit kritisch zu betrachten. Das will ich nicht und das kann ich auch nicht fundiert. Vielmehr nehme ich das eingangs erwähnte Interview zum Anlass, Tipps aufzu­schreiben, die bei der Auswahl von Coaches, Berate­rInnen oder Thera­peu­tInnen helfen. Auf diese Weise lenke ich außerdem meine Beschämung über die Verant­wor­tungs­lo­sigkeit und Skupel­lo­sigkeit von Menschen in eine konstruktive Richtung ;)

Hier sind sie also, meine Empfeh­lungen für die Auswahl von Berate­rInnen (der Einfachheit halber spreche ich im Folgenden nur von Berate­rInnen, die Coaches, Thera­peu­tInnen, Heile­rInnen und ähnliche sind mitgemeint):

1. Informiere dich ausgiebig über den Menschen, seine Werte, seine Arbeitsweise, seinen fachlichen Hintergrund.

Lies, was auf der Website der/des Beratenden steht. Google zusätzlich unbedingt den Namen und schau dir mindestens die Ergebnisse der ersten 3 Suchergeb­nis­seiten an.

2. Lass die Informationen auf dich wirken.

Beobachte dich, während du dich mit dem/der Beratenden ausein­an­dersetzt: Wie fühlst du dich? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Welche Fragen tauchen auf? An welchen Punkten hast du ein »komisches Gefühl«?

Nimm dieses Erleben ernst und gehe dem nach: Suche Antworten auf deine Fragen. Schreibe oder rufe an und frage nach. Und frage dich selbst, was dich dazu bringt, dich beim Lesen des Webauf­tritts so oder so zu fühlen, dies oder das zu denken. Fühlst du dich zum Beispiel klein und unwert, weil genau das ein Punkt ist, wegen dem du Hilfe suchst oder weil behauptet wird, es sei doch so einfach, glücklich zu sein, man müsse nur ein bisschen hier und da undso­weiter?

Wenn von »fairem, wertschät­zendem Umgang« geredet wird, frag dich: glaubst du ihm/ihr das? Wenn er/sie behauptet, dein Problem schnell im Kern zu erfassen: glaubst du das? Wenn er/sie sagt, seine Stärke sei die Empathie: mach dir klar, dass das soviel bedeutet wie wenn eine Autorin sagt, sie könne schreiben.

3. Frage Bekannte/FreundInnen, ob sie den/die BeraterIn kennen.

Erkundige dich, wer den/die Beratende kennt oder etwas gehört hat. Und gehe dem nach. Frage den/die Beratende selbst, was er/sie dazu sagt (s. dazu Tipp Nr. 7).

4. Wieviel Hochglanz verträgt Verantwortlichkeit?

Sicher eine Geschmacksfrage. Ich stelle fest: je mehr Hochglanz­po­lier­mittel für Webauftritt und Werbe­ma­terial verwendet wurde, desto skeptischer werde ich. Ich habe zum Beispiel meine NLP-Ausbildung bei einem Institut absolviert, das ziemlich unpro­fes­sionell wirkte. Ganz bewusst. Und natürlich nur nach ausgiebigem Vorge­spräch. Denn gerade im Bereich NLP kann eins das Gruseln bekommen, mit welchem Menschenbild da manchmal gearbeitet wird.

5. Untersuche die Coaching-/Ausbildungs-/Seminarvereinbarungen der/des Beratenden.

Nach meinem Kennt­nisstand muss ein Vertrag über eine Bildungs- oder Coaching­maßnahme jederzeit kündbar sein. Wenn das nicht explizit benannt ist: sei kritisch! Frage nach, wie sich das verhält und ob dir die Bestä­tigung schriftlich gegeben wird. Besonders heutzutage muss es, Planbarkeit hin oder her, im Interesse von Berate­rInnen liegen, den Menschen in unsicheren finan­ziellen Zeiten eine Chance zu geben. Denn ihnen liegt doch das Wohl der Menschen am Herzen. Oder?

6. Nimm die Preispolitik unter die Lupe.

Ein spannendes Terrain! Erstmal: wie teuer ist zum Beispiel ein Tages­seminar? Achte auf dein Gefühl dazu: fühlt sich das »ok« an, für dich, für dein Leben, deinen Geldbeutel? Ist der Gegenwert, den du dafür bekommst, diese Summe wert? Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer Kollegin, die von einem Kommu­ni­ka­ti­ons­training erzählte, für das sie zusammen mit ihrer Co-Trainerin 4000€ Honorar bekommen hatte. Klingt ja erstmal »wow«. Ich frage mich jedoch: wieviel kann ein Training eigentlich Wert sein, was kann damit realistisch erreicht werden, was ist fair für alle, gibt es eine Art Obergrenze?

Grundregel: ein hoher Preis ist im Beratungs­gewerbe definitiv nicht gleich­be­deutend mit hoher Qualität und Profes­sio­nalität.

Zum zweiten: Werden »Lockan­gebote« gemacht? Kannst du zum Beispiel nach erfolg­reichem Abschließen einer Einheit (die vielleicht eh schon 2000€ gekostet hat), die weitere Einheit zum halben Preis, ein Top-Agebot, zum Schnäpp­chenpreis erwerben? Sollst du erstmal dies und das absol­vieren, damit du dann das machen kannst, was dir das eigentlich Wichtige ist? Sehr beliebt sind auch Stufen-Modelle auf dem Weg zu… ja, was auch immer da versprochen wird: Erleuchtung, Glück, Erfolg zum Beispiel.

7. Beobachte, wie der/die BeraterIn mit Kritik umgeht.

Es wird immer spannender! Vielleicht würde auch dieser Tipp alleine schon genügen.

Wenn du dir sicher sein willst, dass du den/die für dich richtige/n Beratende gefunden hast, äußere dich kritisch über ein Thema, eine Arbeitsweise, eine Überzeugung, die er/sie vertritt. Und beoachte.

»Ich habe gehört, NLP soll total manipulativ sein!«

Bekommst du eine »Ja – aber…«-Schleife zu hören? Wirst du belehrt darüber, was »richtig« sei? Wirst du abgewiegelt, die Kritik lächerlich gemacht oder klein­geredet? Erhältst du Recht­fer­ti­gungen oder Schlimmeres als Antwort? Dann lautet meine Empfehlung: such weiter.

Beratende, die wissen, was sie tun und warum, haben es nicht nötig, unpro­fes­sionell zu reagieren. Sie werden dir eher Fragen stellen zu deiner Kritik, dich ernst­nehmen damit. Sie werden  versuchen, deine Zweifel zu verstehen und ggf. aus dem Weg zu räumen – mit sachlichen Argumenten und auf wertschätzende Art.

8. Glaube nicht, wenn dir einfache Erklärungen und simple Lösungen für deine Lebensfragen angeboten werden.

Das Beste zum Schluss!

Auch wenn es verlockend klingt, deine Sehnsüchte bedient, den/die IllusionärIn in dir anspricht: es gibt keine einfachen Antworten auf große Fragen im Leben. Und große Fragen sind nicht nur die nach Geburt und Tod und Sex und dem Sinn des Lebens. Eine Berufs­wah­l­ent­scheidung ist eine große Frage. Ein Coming Out. Eine Beziehung. Einsamkeit. Verzweiflung. Nicht-Können. All das und noch viel mehr sind große Fragen. Weil sie sich für dich groß anfühlen. So einfach ist das.

Viel Erfolg und einen gesund-kritischen Blick wünsche ich dir für die Wahl deiner beruf­lichen oder persön­lichen Berate­rInnen!


Ina Machold
DREILAND | Potenziale nutzen. Nachhaltig.

»Poten­ziale nach­hal­tig zu nut­zen, heißt, die Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten.
Die Per­sön­lich­keit als Mensch und die Per­sön­lich­keit als Orga­ni­sa­tion.«

Ich unter­stütze seit 1996 Menschen darin, ihre persön­lichen, beruf­lichen und politischen Potenziale zu entfalten.
Themen­felder: Kommu­ni­kation | Konflikte | Ziele

Unter­nehmen und Organi­sa­tionen verändern durch meine Arbeit ihre Kultur.
Unter­neh­mens­prozesse: Führung | Kompetenz Management | Diversity Management

Diplom-Pädagogin und Mediatorin
Autori­sierte Prozess­be­raterin für KMU bei unternehmensWert:Mensch
Mehr über meine Erfahrung, Arbeitsweise und Werte auf der DREILAND Website.

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